Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 3.7 (7)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Nachdem schon etwas länger kein einziger Leser danach gefragt hat, wann ich denn wieder einmal mit einem Gedicht um die Ecke komme, mache ich einfach einmal auf Prophet und Berg. Das Wetter ist gerade dazu prädestiniert.

Ob nun Hodscha Nasreddin oder doch Francis Bacon für dieses besagte Wortspiel als Urheber gelten, ist mir dabei wurst, zumindest derzeit. Auch, ob sich nun der Berg oder doch der Prophet bewegt! Obwohl dies wäre ein gutes Thema für die kommende freitägliche Kaffeerunde, zumal dann wenn wir beide als Quanten betrachten.

Und so ist es wieder einmal William Butler Yeats, der für das heutige Gedicht verantwortlich zeichnet. Bisher habe ich einen großen Bogen um dieses nun folgende Gedicht aus 1919 gemacht, auch wenn es bereits einmal auf meiner entsprechenden Gedichte-Website zu finden war. Das damalige US-Magazin „The Dial“ druckte dieses Gedicht erstmals 1920 ab.

Inzwischen wird das Gedicht „The Second Coming“ über alle Maßen gelobt, manche halten es sogar für eines der besten in der englische Sprache. Das heutige Wetter lädt gerade dazu ein, dass ich es mir nun doch einmal etwas genauer anschaue, wobei ich mir sicher bin, dass es trotzdem nicht zu meinen Favoriten zählen wird. Aber wenn man nur das liest, was man selber glaubt oder was einem selber gefällt, dann kommt man meist nicht sehr weit.

The Second Coming

Turning and turning in the widening gyre
The falcon cannot hear the falconer;
Things fall apart; the centre cannot hold;
Mere anarchy is loosed upon the world,
The blood-dimmed tide is loosed, and everywhere
The ceremony of innocence is drowned;
The best lack all conviction, while the worst
Are full of passionate intensity.

Surely some revelation is at hand;
Surely the Second Coming is at hand.
The Second Coming! Hardly are those words out
When a vast image out of Spiritus Mundi
Troubles my sight: a waste of desert sand;
A shape with lion body and the head of a man,
A gaze blank and pitiless as the sun,
Is moving its slow thighs, while all about it
Wind shadows of the indignant desert birds.
The darkness drops again but now I know
That twenty centuries of stony sleep
Were vexed to nightmare by a rocking cradle,
And what rough beast, its hour come round at last,
Slouches towards Bethlehem to be born?

W. B. Yeats, Michael Robartes and the Dancer (1920)

James Cussen, ein Blogger aus meiner Blogroll, bezeichnet dieses Gedicht sogar als „alten Freund“, wahrscheinlich wurde er damit bereits schon in der Schule gequält, was bei uns nur dann möglich gewesen wäre, wenn man Englisch als Leistungskurs gewählt hat.

Manche meiner Leser mögen wohl deshalb keine Gedichte, weil sie ebenfalls mit solchen während ihrer Schulzeit umgehen mussten. Mein Motto war dabei: wenn ich es schon nicht verhindern kann, dann kann ich wenigstens versuchen, es zu verstehen.

Mindestes ein Leser wird mir jetzt Prokrastination vorwerfen — zu recht! Zu meiner Entschuldigung, bei mir tut dies zumindest in diesem Fall so richtig weh! Es hat aber auch niemand jemals gesagt, dass unser Leben Spaß machen muss! Das ist bloß eine ganz persönliche (Fehl)einschätzung: Life is not a Ponyhof!

Gedichte gibt es deswegen und dies auch schon sehr, sehr lange, weil sie einfach Sinn machen und uns Menschen weiterhelfen können.

Spannend auf alle Fälle aber, wie aktuell dieses Gedicht wieder geworden ist! Vielleicht erlebt es deswegen gerade wieder ein zweites Aufblühen.

Nachtrag

Ich ergänze diesen Blog-Beitrag noch um das jüngste Gedicht „The Gloves Are Off“ von Stephen Colbert, welches er ganz zeitgemäß life in seiner CBS-Sendung „The Late Show“ vortrug.


Lesezeichen

Vakuum 4.7 (6)

Beitragsfoto: Lesezeichen | © kertlis von Getty Images

Andrea Kendall-Taylor, Jim Townsend, und Kate Johnston | Foreign Affairs

How Russia Could Exploit a Vacuum in Europe – The Dangers of a Rapid Drawdown in American Forces (zuletzt aufgerufen am 11.7.2025, 9.25 Uhr)

„The NATO summit held two weeks ago in The Hague delivered on the low expectations the allies had set for it. Amid fears that U.S. President Donald Trump would blow up a normal agenda, NATO leaders significantly pared back the program, taking hard discussions on issues such as support for Ukraine, NATO’s relations with Russia, and Russian hybrid attacks in Europe off the table. …

Even if Moscow does not march across Europe, Russia will pose a threat to NATO. The Russian military, although not without its flaws, is no longer the disorganized force it was just over three years ago, when it launched its full-scale invasion of Ukraine. Since February 2022, Putin has transformed Russia’s economy and military to support prolonged confrontation. Russian defense spending in 2025 amounts to 7.7 percent of GDP, a 12 percent increase from 2024. Moscow’s defense industrial base is running at full capacity. As Rutte said at Chatham House in June, “The facts are clearly there that Russia is able, within five years, to mount a credible attack against NATO territory.” Multiple European intelligence agencies have arrived at similar conclusions. Washington can ill afford to rapidly reduce its presence in Europe just as Russia is gearing up for further aggression. …

Pulling back as Russia is ramping up its military capacity and before Europe is ready to defend itself would embolden the Kremlin and raise the risk of another war—this time on Trump’s watch. The best way to prevent a future war in Europe is to make sure Moscow never dares to start one.“


Eine Pflichtlektüre für alle, die auch noch nach 2030 in Europa leben möchten!

Ich befürchte unsere Politiker sitzen dann allesamt völlig überrascht im Exil in den USA und äußern gegenüber der Presse, dass man dies alles nie habe kommen sehen können.

Derweil toben die Russen mit ihren Vasallen und Fünften Kolonnen über ganz Europa hinweg und lassen den Dreißig Jährigen Krieg als bloßen Spaziergang aussehen. Egal wie dieser Krieg dann auch ausgehen mag, die Reste Europas will dann wirklich keiner mehr haben!

Bis dahin sitzen wir Deutschen auf unserem vermeintlichen Luxus und planen schnell noch die letzten Kreuzfahrten, bevor es vielleicht doch zu spät ist.

Ich bin immer mehr der Überzeugung, dass wir es allesamt nicht besser verdient haben!

Das einzig Traurige daran, dass wir auch noch die letzten jungen Männer Europas völlig sinnlos verheizen werden. Männer, die tatsächlich noch daran glauben, dass es unserer Politik und der Bevölkerungsmehrheit um unsere Land oder gar um unser Europa geht. Was für ein Irrsinn!


Lesezeichen

Philosophie & Krieg 4.9 (8)

Beitragsfoto: Lesezeichen | © kertlis von Getty Images

Alexander Cammann | Die Zeit

Der Philosoph im Krieg – Ausstellung zu Marc Aurel (zuletzt aufgerufen am 22.6.2025 um 10.15 Uhr)

Marc Aurel ist als Guru der Gelassenheit seit Langem populär. Eine spektakuläre Ausstellung in Trier holt den römischen Kaiser jetzt auch politisch in die Gegenwart. …

Die Landesausstellung ‚Marc Aurel‘ in Trier ist noch bis zum 23. November zu sehen (Rheinisches Landesmuseum/Stadtmuseum Simeonstift, www.marc-aurel-trier.de).“


Ein nett geschriebener, auf diese Ausstellung neugierig machender Artikel. Aber nicht erst durch diesen Zeit-Artikel wurde ich auf diese Ausstellung in Trier aufmerksam. Meine Schwester schrieb mir schon früher wohl mit der Absicht, dass ich einen Ausstellungsbesuch mit einem längst überfälligen Besuch bei ihr verknüpfe.

Stoiker reisen nur mit entsprechender Begründung, niemals alleine wegen des Vergnügens oder gar, weil sie mit ihrem eigenen Leben nichts anderes anzufangen wissen.

Und so können sich sehr viele meiner Mitbürger nicht nur diese Ausstellung, sondern auch die Lektüre von Marc Aurel ersparen. Bereits Seneca schrieb in seinem 108. Brief diesbezüglich von Menschen, die sich für hochtönende Sprüche begeistern und dabei eher phrygischen Eunuchen gleichen, andere wiederum zwar nicht grundsätzlich einer Bildung widerstreben, ihr aber gleichgültig gegenüber treten.

Bevor ich nun aber über die aktuellen Studenten in meinen Vorlesungen nachzudenken beginne, beende ich lieber diesen gut gemeinten Ausstellungshinweis. Und dies in der Hoffnung, dass es mir meine Gesundheit erlauben wird, bis spätestens zum 23. November 2025 meine Besuchsschuld beglichen zu haben.