Bildausschnitt von Albrecht Dürers Ritter, Tod und Teufel

Sterben für Anfänger 4.4 (9)

Beitragsfoto: Albrecht Dürers Ritter, Tod und Teufel | Bildausschnitt | 1513

Bereits seit Tagen quälen mich Kopfschmerzen und hin und wieder habe ich Beklemmungen in der Herzgegend. Meine Hausärztin meint, dies sei altersbedingt und somit normal. Meine Tochter glaubt, dass ich mich bei der Pflege meines immer dementer werdenden Mannes übernehme. Zu Fuß war ich eigentlich noch nie so richtig fit, was mich aber nicht stört.

Und so nutze ich den aktuellen Besuch bei meiner Hausärztin dazu, die Kopfschmerzen sind einfach unerträglich, um auf dem Rückweg gleich noch zwei Brezeln fürs Mittagessen zu kaufen.

Vor Kurzem bin ich noch vor der Arztpraxis zusammengesunken, interessierte dort nur eine nette jüngere Frau und einen zufällig vorbeifahrenden Krankenwagen, ich rappelte mich aber wieder auf und das Leben geht weiter.

Mit den Brezeln in der Hand habe ich gerade die Straße überquert und befinde mich nun auf der gegenüberliegenden Seite des Metzgers und Bäckers auf dem Gehweg. Dieser hat schon sehr lange seine besseren Zeiten hinter sich, dafür gibt es aber neue Farbstreifen für Radfahrer auf der Straße.

Ob es am Gehweg liegt, der an dieser Stelle sehr uneben ist, was wiederum bestimmt einen Hundertwasser glücklich machen würde, oder aber ob meine laut Ärztin eingebildeten Kopfschmerzen Schuld sind, weiß ich jetzt gerade nicht. Ich falle, versuche mich noch mit dem linken Arm aufzufangen, denn in der rechten Hand halte ich die Tüte mit den Brezeln. Ich schlage mit dem Kopf heftig auf dem Boden auf.

Als ich meine Augen wieder öffne, kann ich auf der gegenüberliegenden Seite Menschen sehen, die teilweise interessiert zu mir herüberblicken. Nach einer Weile kommt ein junger Mann herüber und versucht mich anzusprechen, ich kann ihm nicht antworten. Mein Kopf dröhnt.

Zwei Notfallsanitäter gucken mich an und meinen, dass mein linker Arm gebrochen sei, ich kann ihnen immer noch nicht antworten. Sie bringen mich mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme des Krankenhauses. Mein Kopf brummt.

In der Notaufnahme sitze ich und warte, dann bandagiert jemand meinen Arm und eine nette Frau ruft meinen Mann an, dass ich gestürzt sei, mir den Arm gebrochen hätte und bald mit dem Taxi nach Hause komme. Mein Kopf brummt.

Kurz darauf bin ich in einem MRT und schon auf Intensiv. Ein Arzt telefoniert mit meinem Mann, fragt nach einer Patientenverfügung und sagt ihm, dass ich zwei Hirnblutungen hätte, mein Kopf brummt.

Überall piepst es, ich kann nicht sprechen, mich kaum bewegen, mein Mann ist da und auch die Kinder und die Enkel, ich kann nicht sprechen. Man möchte eine Blutung durch eine Operation beheben. Mein Sprachzentrum sei betroffen, ich kann nicht sprechen.

Mein Mann sagt, alles wird wieder gut. Ein Arzt, dass die zweite Blutung schlimmer sei. Seit sieben Tagen piepst es um mich herum, sagt mein Sohn zu meinem Mann; Ärzte, Schwestern und Familie wechseln sich ab. Ich kann nicht sprechen und nicht schlucken. Überall piepst es, Kabel überall, was ist an meinem Kopf? Mein Mann ist da.

Es ist still, mein Mann ist da. Kein Piepsen, keine Lichter, Ruhe, Sohn ist da, Schwestern sind da. Mein Mann sagt, ich darf bald in Reha und wieder nach Hause. Ich kann nicht schlucken. Stille. Mein Mann ist da. Ich kann nicht schlucken. Ich kann nicht sprechen. Stille. Eine Schwester versucht mir trinken zu geben; ich kann nicht schlucken.

Ich bin müde, ich will schlafen. Mein Mann ist da. Ich bin müde, ich will schlafen. Ich will nur noch schlafen.

„Nemo quam bene vivat sed quam diu curat, cum omnibus possit contingere ut bene vivant, ut diu nulli.“

Seneca, LIber III, Epistula XXIII (2018: 156)

Wald

Practical Stoic 5 (3)

Beitragsfoto: Wald | © Joe from Pixabay

Überraschungen sind eigentlich eine feine Sache. Dann aber gibt es auch jene von der Sorte, die man nicht haben möchte. Aktuell muss ich nicht einmal den „Daily Stoic“ oder die „Briefe an Lucillus“ bemühen, um mich in der Stoa üben zu können.

Eins nach dem anderen wird nun abgearbeitet und dabei geguckt, was noch so alles geschehen kann. Schön dabei zu erfahren, dass man nicht alleine in der Welt unterwegs ist, sondern dass es auch andere Individuen gibt, die einen auf dem Weg begleiten. Und es sind immer wieder diese gemeinsamen Wegstrecken, die das Leben schön und erinnerungswert machen.

Damit man aber nicht beginnt, sich auf sein ganz eigenes direktes Umfeld zurückzuziehen, gibt es Dinge, die man einfach macht, weil sie inzwischen mit dazu gehören. Und so gucke ich schon jetzt auf den Beginn des Wintersemesters und ganz besonders auf die 8. Hertensteiner Gespräche. Hierbei können sich jene freuen, die ich situationsbedingt nun einmal weniger auf diese hinweise.

Schön wäre es, wenn es dennoch weitere Interessenten gibt, die ganz von alleine auf die Idee kommen und sich noch zu diesen Gesprächen am Samstag, 21. September 2024 anmelden. Denn letztendlich sind es diese gemeinsamen Austausche, die das eigene Leben lebenswerter machen.

Und solche Gelegenheiten sollte man nutzen, so lange man es noch kann.

Für mich persönlich gibt es schon jetzt ein sehr positives Fazit, egal wie es auch aussehen oder „wie schlimm“ das Leben auch sein mag, man findet Situationskomik wirklich überall und so wurde im Familienkreis das „Happy Kadaver Weekend“ aus der Taufe gehoben.

Und bei nächstbester Gelegenheit schaue ich mir wieder einmal den Film „La vita è bella“ (1997) von Roberto Benigni an.


Auszeit

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Beitragsfoto: Auszeit | © Shutterstock

Populismus

In Heilbronn simuliert man wieder einmal Politik, dabei weiß jeder, dass man selbst mit bildschöner Symbolpolitik nicht weit kommt. Deshalb greifen OB und Gemeinderat lieber gleich zum Populismus — der hilft zwar auch nicht, heizt dafür aber die schlechte Stimmung im Land weiter an. Und sobald unsere Politiker ganz genau wissen, gegen wen man am erfolgreichsten hetzen kann, wird es kein Halten mehr geben.

Das Messerverbot ist so ein schönes Beispiel: es hilft überhaupt nichts, weil man weder ausreichend qualifiziertes Personal hat, um solche Verbote auch nur halbwegs annähernd durchsetzen zu können, noch lassen sich Täter von Verboten abschrecken. Und ich gebe Jürgen Maurer (Heilbronner Stimme, 27.8.2024: 21) voll und ganz recht, wenn er anführt, dass man mit solchen Verboten nur die Anständigen trifft und letztendlich damit drangsaliert.

Besser ist hier schon die Forderung, dass man die Nationalität und von mir aus gerne auch die Ethnie von Verbrechern öffentlich macht. Und gerade in Kriegszeiten, in denen wir uns aktuell befinden, müssen wir auch die Gefährder und potenziellen Terroristen öffentlich machen, damit sich unsere Bevölkerung langsam, aber sicher auf die kommenden Auseinandersetzungen vorbereiten kann — die ersten russischen Drohnen fliegen bereits bei uns.

Unsere Politiker werden später wieder völlig überrascht sein und von allem nichts gewusst haben.

Doof

Da fragt ein „Ossi-Blogger“ jüngst, ob sie denn alle doof seien. Ohne Frage wirken sich 57 Jahre purer Totalitarismus nicht nur auf den Einzelnen, sondern auch verstärkter auf die gesamte Gesellschaft aus. Sie sorgen zudem dafür, dass die kommenden Generationen noch mit einer Behinderung groß werden — auch für uns in der Bundesrepublik hinterließen die vorherigen zwölf Jahre schwerste Schäden, unter denen viel zu viele noch heute sehr leiden. Interessant dabei nur, wie viele Generationen es benötigt, bis sich dies wieder auswächst, wenn überhaupt.

Und so wäre es nur opportun gewesen, dass man 1990 allen Neudeutschen sofort und ganz automatisch einen Grad der Behinderung von 40 zugesprochen hätte. Man hätte damit auch die sogenannte Aufbauhilfe in bereits etablierte Bahnen lenken können und jeder hätte gewusst, woran er eigentlich ist. Die geistig und moralisch etwas Fitteren nutzten dabei ganz von alleine die erstbeste Gelegenheit und „flohen“ damals aus der Ostzone.

Jene, die im Gegenzug in den Osten wechselten, erhielten völlig berechtigter Weise eine Entschädigung. Nur hätte der Staat darauf achten müssen, dass sie sich nicht allzu lange in einem solchen Umfeld aufhalten — schon alleine der eigenen Kinder wegen (man kann dies gut und gerne mit Tschernobyl vergleichen). Zudem hätte man die gesellschaftliche Rehabilitation wissenschaftlich begleiten müssen, um festzustellen, ab wann ein Aufenthalt in den neuen Ländern sich nicht mehr so schädigend auswirkt.

All jene, die sich in den letzten Jahren nicht aus diesem Umfeld befreien konnten, sind nun meist selbst in einer Art Dauerschleife („Ossi-Blase“) gefangen und sorgen zudem dafür, dass die eigenen Nachkommen noch weiter geschädigt werden, zumindest so lange, bis der Totalitarismus halbwegs abgeklungen ist. Und wir „Wessis“ wissen dabei ganz genau, dass es selbst bei einer sehr kurzen Sucht immer wieder zu einem Flashback kommt! — ganz plötzlich sind auch bei uns Nazis wieder hoffähig und man lässt dem Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus freien Lauf.

Deshalb bin ich noch heute ganz froh darüber, dass meine Familie und ich bereits 2002 den Osten Hals über Kopf verließen. Auslöser war unser Ältester, nämlich als er nach der Schule in einer 1. Klasse fragte, ob er ein böser oder ein guter Deutscher sei, wobei ihm seine Lehrer zuvor bereits die Antwort gegeben hatten.

Und so beantworte ich die Frage des obigen Bloggers einfach einmal: nein, nicht doof, aber sehr oft schwer behindert.

Nachtrag

Ralph Bollmann schreibt heute in der FAZ (27.8.2024, 8:23 Uhr), „Das Geld [gut 2 Billionen Euro!] hat dem Osten nicht geholfen.“ Wobei man erfährt, dass es für die „Ossi-Blase“ bereits den Fachbegriff der „Ossifikation“, einer pathologischen Verknöcherung, gibt.

Wenn man davon ausgeht, dass Journalisten gerne ein Blatt vor den Mund nehmen, dann ist meine obige Einschätzung doch nicht so falsch.

[https://iiics.org/h/20240827081100]

Weltuntergang

Der Weltuntergang ist nicht nur ein Teil unseres Lebens, sondern das Leben an sich. Das wirklich Besondere dabei ist die Geburt, der Schöpfungsakt. Danach sterben wir allesamt nur noch, egal ob einzelne Zelle, Mensch oder Galaxie. Manche von uns nutzen den Zeitraum dazwischen, um zu wachsen, manch andere genießen den Augenblick und noch andere nerven einfach nur. Aber egal was wir auch machen, sterben müssen wir alle.

Detlef Stern hat sich gestern diesem Thema in einem eigenen Blog-Beitrag angenommen und zieht für sich das Fazit: „Den Weltuntergang wird man damit so oder so weder verhindern noch angenehmer gestalten.

Und so wie uns die unzähligen, sich ständig ereignenden Untergänge egal sind, außer man ist gerade einmal selbst davon betroffen, so wird sich auch kaum jemand um unseren eigenen Weltuntergang scheren. Glücklich jener, der sich dabei mit seinem eigenen Untergang abfinden kann.

Detlef Stern greift in seinem Beitrag noch die Frage auf, was man eigentlich so bis zum eigenen Ableben machen könne. Da er davon ausgeht, dass wir allesamt in einer Infrastruktur leben, schlägt er vor, dass wir unsere Zeit dazu nutzen, um diese Infrastruktur ein klein wenig besser zu machen.

Im Gegensatz zu ihm sehe ich den Weltuntergang aber nicht als Zeitpunkt an, von dem kaum einer weiß, wann es ihn selbst treffen wird, sondern als einen gewöhnlichen, allgegenwärtigen und immer währenden Vorgang, nähere mich damit wohl ganz ungewollt den besagten ersten Christen an und beschreibe das eigene Leben als „Geburt – Sterben – Tod“. Diesbezüglich habe ich bereits einmal über die Zeit geschrieben, die man gut und gerne durch das Wort „Sterben“ ersetzen kann. Ich erinnere dabei nochmals an das Gedicht von John Wilkes; wobei die Franzosen gerne vom „la petite mort“ reden.

Und so sollte uns der Weltuntergang nicht so sehr beschäftigen, dann eher die kurze und spannende Zeit davor. Ganz im Gegenteil, wir sollten uns eher fragen, wie es überhaupt beständig zu Schöpfungsakten kommt. Eine Antwort darauf werden wir wohl nie erhalten und so bleibt uns nur zu hoffen, dass wir unsere eigene Endlichkeit so schnell wie möglich erkennen und uns zu fragen beginnen, was wir mit dem verbliebenen Rest unseres Daseins (Martin Heidegger) machen wollen.

„Am angenehmsten ist das Lebensalter, das sich zum Untergang neigt und dennoch nicht jäh absinkt; und selbst jenes, das an der Schwelle des Todes steht, hat, so meine ich, seine eigenen Freuden; oder es tritt gerade das an die Stelle der Freuden, sich nach keinen mehr zu sehnen. Wie angenehm ist es, die Leidenschaften müde gemacht und hinter sich gelassen zu haben.“

Seneca, 1. Buch, 12. Brief (2018: 71)