Westerwald

Westerwaldlied 5 (1)

Beitragsfoto: Westerwald | © Michael Horstendahl auf Pixabay

Wenn ich schon einmal in Erinnerungen schwelge und an Soldatenlieder denke, dann darf das Westerwaldlied nicht fehlen. Zwar gehört es nicht zu meinen persönlichen Favoriten, dürfte aber dennoch von mir am meisten gesungen worden sein und ist sicherlich neben Lili Marleen das weltweit bekannteste und auch von allen anderen Soldaten am meisten gesungene Lied.

Für mich wurde das Westerwaldlied zur Pflicht als ich Zugführer beim Jägerbataillon 532 in Euskirchen wurde. Zwar verbrachten wird die meiste Zeit mit Truppenversuchen aller Art, wobei diese zwar immer sehr glorreich scheiterten, was aber das Bundesministerium nie davon abhielt, unser Scheitern als grandiose Siege zu feiern. Und so bekamen wir über die Brigade hinaus den Nimbus des Erfolgsgaranten.

Da unser Bataillon schon sehr lange einer Partnerschaft mit den Ardennenjägern unterhielt, die zudem zumindest zu meiner Zeit über eine eigene deutsche Kompanie verfügten, war es für uns selbstverständlich, jedes Jahr am Ardennenmarsch teilzunehmen. Und zu meiner damaligen Überraschung sangen alle Kameraden, die Belgier, die Franzosen, die Niederländer, die Kanadier, die US-Amerikaner und sogar die Schweizer das Westerwaldlied; sollte ich jetzt eine Abordnung vergessen haben, bitte ich die Kameraden hiermit um Verzeihung.

Damals aber marschierte keine andere Infanterie so schnell und so erfolgreich wie unsere Abordnung, und auch keiner schöner als wir — zugegebener Maßen kannten die Franzosen und auch die US-Amerikaner den Text des Westerwaldliedes besser.

Auch wenn wir den Nimbus der Unbesiegbaren — dank des BMVg — hatten, konnten wir auf ein paar weitere Vorteile gegenüber den anderen Marschierern bauen. Unsere Unterführer gehörten mit zu den erfahrensten Ardennemarschierern, und wir konnten immer wieder auf neue Wehrpflichtige zurückgreifen, für die dieser Marsch der Höhepunkt ihres Militärdienstes war — zumindest haben wir ihnen dies so verkauft. Die anderen Infanterien hingegen spulten diesen Marsch neben vielen anderen herunter und waren damit zwar routinierter als unser jungen Soldaten aber damit auch weniger motiviert. Hinzu kam, dass unsere einzige echte Konkurrenz, nämlich die US-Amerikaner schon damals gehandicapt waren. Zwar versuchten sie es immer wieder damit, uns herauszufordern, aber sie mussten schon damals weibliche Soldaten mitschleppen.

Auch — wahrscheinlich aber gerade deswegen — wenn sie ihre weiblichen Führer und alle weiteren weiblichen Soldaten huckepack genommen haben, konnten sie mit uns nur ein paar Kilometer mithalten, dann mussten sie völlig erschöpft zurückstecken.

Und wir nutzten dieses Handicap voll und ganz zu unserem Vorteil. Nachdem wir die anderen Marschordnungen hinter uns gelassen hatten, gingen wir zur offenen Marschordnung über und versammelten uns erst kurz vor der nächsten Ortschaft, dort besserten wir unsere Uniformen auf, wobei die Moleskinuniform mit dem blauen Diensthemd kombiniert wurde und die Stiefel ein paar Nägel bekamen. Und so präpariert marschierten wir in geschlossener Formation mit dem Westerwaldlied durch die jeweiligen Ortschaften — die Fenster flogen regelmäßig auf und, ob alt oder jung, alle genossen das Spektakel.

Nach erfolgreich erreichtem Etappenziel mussten wir dann noch jeweils ein zwei Stunden als Ehrenformation auf einem der vielen Soldatenfriedhöfe verbringen, bevor es dann in die Zelte ging. Während der Nacht gut mit Sanitätern versorgt, starteten wir am Folgetag aufs Neue und ließen wieder einmal alle anderen Abordnungen weit hinter uns zurück.

Ach, als einmal die Niederlande gegen Deutschland ein wichtiges Fußballspiel verloren, kam es in unserem Zeltlager sogar zu einer kleinen Rauferei — die allerdings ein Bataillonskommandeur sehr schnell beendete.

Und nun zum Westerwaldlied

Westerwaldlied

Heute wollen wir marschier’n
Einen neuen Marsch probier’n
In dem schönen Westerwald
Ja da pfeift der Wind so kalt

O du schöner Westerwald
Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
Jedoch der kleinste Sonnenschein
Dringt tief ins Herz hinein

Und die Gretel und der Hans
Geh’n des Sonntags gern zum Tanz
Weil das Tanzen Freude macht’
Und das Herz im Leibe lacht

O du schöner Westerwald
Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
Jedoch der kleinste Sonnenschein
Dringt tief ins Herz hinein

Ist das Tanzen dann vorbei
Gibt es meistens Keilerei
Und dem Bursch, den das nicht freut,
Sagt man nach, er hat kein’ Schneid

O du schöner Westerwald
Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
Jedoch der kleinste Sonnenschein
Dringt tief ins Herz hinein

Freiheit, Recht und Einigkeit
Hüten wir im Waffenkleid
Wenn’s dem Gegner nicht gefällt
Schützen wir’s in Wald und Feld

O du schöner Westerwald
Über deine Höhen pfeift der Wind so kalt
Jedoch der kleinste Sonnenschein
Dringt tief ins Herz hinein

U.a. Willi Münker, 4. Strophe Bundeswehr

Das Lied wird immer zusammen mit Pfiffen und den folgenden Rufen gesungen: „Eukalyptusbonbon“, „Prima Damenschlüpfer“ oder „Hol den Spieß vom Fahrrad“. Ich vermute hier einmal, dass gerade diese Rufe und Pfiffe dem Lied zu seinem großen Erfolg verholfen haben.

Sollst nicht uns lange klagen,
Was alles dir wehe thut.
Nur frisch, nur frisch gesungen!
Und alles ist wieder gut.

Adelbert von Chamisso, Frisch gesungen (1835)

Schalterhalle Sarajevo

Soldatenlied 5 (2)

Beitragsfoto: Militärflughafen in den 1990er-Jahren

Ich singe schon immer sehr gerne und dabei noch viel lieber völlig falsch — in dieser Sache bin ich das reinste Naturtalent. Und so war es für mich keine Frage, dass ich mich auch freiwillig für den Schulchor meldete. Was mir absolut nicht schadete, denn als der Musiklehrer meine Gesangsqualitäten erkannte, machten wir, wie es heute heißt, einen Deal: ich kam nicht mehr zu den Chortreffen und erhielt dafür in Musik nie eine schlechtere Note als eine Drei. Der Deal hielt bis zum Abitur, was als Beweis für meine gesanglichen Qualitäten ausreichend sein dürfte.

Als Soldat entdeckte ich dann den Chorgesang erneut, und dieses Mal war das Schöne daran, dass der Gesang nur laut sein musste und sich zumindest in den ersten Jahren niemand am Rest störte. Und wenn man dann noch halbwegs textsicher war, umso besser. Übrigens, niemand, wirklich niemand störte sich an den Inhalten der Lieder und kaum einer der Soldaten kümmerte sich auch darum. Es waren immer wieder dieselben Lieder, von denen manche bereits seit weit über hundert Jahren gesungen wurden. Und so hatte wohl jedes Bataillon ein oder zwei Lieder, die jeder Soldat singen können musste, und ich vermutete schon damals, dass es gerade jene Lieder waren, bei denen die ältesten Feldwebel auch den Text kannten, zumindest eine Strophe davon.

Bezeichnend für meine Gesangsqualitäten war es dann, als eines Tages der Vertrauensmann meines Zuges zu mir kam und beteuerte, dass sie wirklich alles mit und für mich machen wollten, aber nur einen einzigen Wunsch hätten, nämlich, dass ich selber nicht mehr mitsinge. Das war es dann endgültig mit meiner Sangeskunst und die kommenden Jahrzehnte summte ich nur noch mit.

Eines Tages dann lernten wir eine ausgezeichnete Opernsängerin kennen, welche zudem der festen Überzeugung war, dass wirklich jeder singen könne. Als wir dann befreundet waren und uns alle näher kannten, änderte sie ihre professionelle Meinung: alle Menschen können singen, bis auf Heinrich.

Und so war es für mich eine ganz besondere Freude, als ich die Herren des Coro del Grappa näher und besser kennenlernen durfte, denn diese waren so charmant und ließen mich immer wieder mitsingen, wobei der stärkste Sänger gleich neben mir dafür sorgte, dass meine Töne im Chor untergingen. Mit Humor nahmen die Sänger es, wenn dann doch einmal einer meiner Töne bis zum Publikum durchdrang, wobei sie anfangs sogar versuchten, mir mit dem einen oder anderen Tipp zu helfen — vergeblich versteht sich.

Gerade, und dies ist auch der Anlass dieses Beitrages, hörte ich meinen Ältesten, wie er ein Soldatenlied trällerte, was mich nun auch wieder an mein eigenes Lieblingslied erinnert. Ob es inzwischen verboten ist, weiß ich jetzt allerdings nicht, und wie schon gesagt, auf den Text kam es dabei meist eh nicht an.

Es ist so schön Soldat zu sein

Es ist so schön Soldat zu sein, Rosemarie,
Nicht jeder Tag bringt Sonnenschein, Roesemarie,
Doch du, du bist mein Talisman, Rosemarie,
Du gehst in allem mir voran, Rosemarie.

Soldaten sind Soldaten
In Worten und in Taten,
Sie kennen keine Lumperei
Und sind nur einem Mädel treu,
Valleri, Valleralle ralle ra!
Rosemarie.

Zwei Jahre sind so schnell dahin, Rosemarie,
Und wenn ich wieder bei dir bin, Rosemarie,
Dann küß ich dich und sage dir, Rosemarie,
Von nun an, Schatz, gehörst du mir, Rosemarie.

Soldaten sind Soldaten
In Worten und in Taten,
Sie kennen keine Lumperei
Und sind nur einem Mädel treu,
Valleri, Valleralle ralle ra!
Rosemarie.

In Treue fest für immerdar, Rosemarie,
Geh’n beide wir zum Traualtar, Rosemarie,
Und reichen uns zum Bund die Hand, Rosemarie,
In Treue fest fürs Vaterland, Rosemarie.

Soldaten sind Soldaten
In Worten und in Taten,
Sie kennen keine Lumperei
Und sind nur einem Mädel treu,
Valleri, Valleralle ralle ra!
Rosemarie.

Herms Niel

Um jetzt ja keine falschen Töne in diesen Blog-Beitrag zu bekommen — was wiederum wohl ganz ich wäre — möchte ich noch darauf hinweisen, dass die letzten beiden Lieder, welche von mir mit voller Inbrunst gesungen wurden, zum einen „Va, pensiero“ (Giuseppe Verdi) und zum anderen „Bella ciao“, die Erkennungshymne des italienischen Widerstands, sind.

Und mit den Inhalten dieser beiden Lieder kann ich mich schon immer selber besser identifizieren, gebe aber auch gerne zu Protokoll, dass beide weniger gut zum Marschieren geeignet sind, und darauf kommt es letztendlich bei Soldatenliedern auch an.

Übrigens, meinen damaligen Zugkameraden gefielen meine amerikanischen Soldatenlieder wesentlich besser, waren textlich auch viel einfacher und sehr gut inhaltlich zu verstehen — obwohl auf Englisch — und machen heute noch jeden Rapper zum reinsten Milchbuben. Diese Lieder waren so gut, dass ich aus heutiger Sicht heraus darauf verzichte, diese hier vorzustellen.

Denn manche Dinge wird man nur dann verstehen können, wenn man sie auch in ihrem eigenen zeitlichen Kontext mit betrachtet. Dazu sind aber leider die wenigsten in der Lage.


Videokassetten

Videokassetten 5 (1)

Beitragsfoto: sechs US-amerikanische Videokassetten in Originalverpackung

Wenn man als bekennender Jäger und Sammler, die in einer ganz besonderen Ausprägung gerne als Messies bezeichnet werden, mit begrenzten Platzverhältnissen auskommen muss, so ist man immer wieder gezwungen, sich von Liebgewonnenem zu trennen. Man kann aus dieser Notlage auch eine positive Eigenschaft machen, und so habe ich schon vor Längerem immer wieder einmal über das Death-Cleaning geschrieben, u. a. hier: „Mein Minimalismusprojekt“ oder hier: „Bescheidenheit.“

Man macht einfach aus der Not eine Tugend. Dies ist sicherlich eine Möglichkeit, um mit Notlagen umzugehen, wobei sich diese Art und Weise über die Jahrtausende hinweg durchaus bewährt hat. In den USA hat man in dieser Sache bereits vor ein paar Jahrzehnten eine andere Lösung gewählt und überall „Public Storage“ eingerichtet. Interessanterweise war auch dies ein Thema bei unserem letzten Kalifornienaufenthalt, und so verknüpfen sich wieder einmal meine gelebten Eindrücke und das als Blog-Beitrag Geschriebene ganz gut miteinander.

Mein bisher größtes Death-Cleaning-Projekt war der Rückumzug nach Heilbronn Ende 2014. Danach opferte ich noch nach gut fünf weiteren Jahren in Heilbronn die große Masse meiner eigenen Bibliothek, wobei Hunderte Bücher letztendlich im Müll landeten. Und nachdem ich vor Kurzem den letzten Videorekorder entsorgt hatte, fiel auch meine kassettenbasierte Videothek dem Aufräumen zum Opfer. Anders als bei den Büchern dachte ich noch daran, mit den Filmen eher den Geschmack meiner Mitbürger getroffen zu haben und bot auch diese dem Secondhand-Kreislauf zur Wiederverwertung an, aber völlig vergeblich, da inzwischen selbst die Blu-ray Disc aus der Mode gekommen war.

Und so wanderten auch die Videokassetten auf den Müll, selbst jene, die noch in den Originalverpackungen lagen, die ich übrigens nur deshalb besaß, weil meine Sammelleidenschaft dafür sorgte, dass ich auch über Dubletten verfügte. Und so musste ich heute wirklich staunen, als ich darüber las, dass der Film „Zurück in die Zukunft“ auf einer Videokassette einem Sammler 75 000 $ Wert war.

Solche Aktionen erklären vielleicht auch, warum so viele Menschen am Public Storage festhalten oder gar in der glücklichen Lage sind, über ausreichend eigenen Speicher zu verfügen und dies auch nutzen. Nun ergab ein kurzer Blick in mein Büro, dass doch noch sechs Videokassetten meine jüngste Aufräumwut — hübscher ausgedrückt: mein Fortschritt im Death-Cleaning, dem besagten Minimalismus-Projekt — überlebt haben.

Und sollte sich nun einmal ein interessierter Sammler finden, wäre ich glücklich, wenn ich diese sechs Videokassetten nicht auch noch in den Müll werfen müsste.

Vor ein paar Jahren betrieb ich eine eigene Website über Filme, ähnlich, der, die „Liegeradler“ weiterhin über Kinos betreibt. Dort hatte ich auch eine sehr umfangreiche Sammlung von Filmzitaten. Beides viel bereits vor Jahren meiner Aufräumerei zum Opfer.

Ein paar meiner damals gesammelten Filmzitate sind noch als Blog-Beitrag auf diesem Weblog vorhanden; ich konnte mich nicht einfach so ganz zu 100 % trennen und habe einige Zitate in dieses Weblog mit herübergerettet. Den entsprechenden Blog-Beitrag finden Sie hier.

„Once in a while you should do something you don’t want to do, it cleanses the insides.“ 

GOLDIE HAWN AS JILL TANNER IN “BUTTERFLIES ARE FREE” (1972)