Frau mit Flagge

24. April 2022 5 (1)

Beitragsfoto: Frau mit Flagge | © Pixabay

Schon einmal haben unsere französischen Nachbarn unserem Europa einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Manche von uns erinnern sich noch gut daran, wie am 29. Mai 2005 eine Mehrheit von 55,7 % der Franzosen gegen die Annahme des Vertrages zu einer europäischen Verfassung stimmten und unser Europa um Jahre zurückwarfen.

Die Realisten unter uns erkannten schon damals, dass die Mitgliedsstaaten der EU nicht aufgrund der Europäischen Idee in der EU waren, ganz besonders nicht jene, die erst 2004 beigetreten sind.

Die Hauptgründe für eine Mitgliedschaft dürften bis heute bei den meisten Mitgliedern in den finanziellen Vorteilen einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit und eines sozialen Europas (Transferzahlungen) liegen.

Als nächster Grund die ganz banale Sache, dass sie durch ihre Mitgliedschaft in der EU überhaupt noch ihre eigene nationale Souveränität aufrechterhalten können (eigentlich ein Widerspruch in sich). Für manche aber ist es auch die Rettung vor einem wiedererstarkenden Russland; wobei ironischerweise Russland dabei inzwischen Deutschland als Schreckgespenst abgelöst hat — zumindest vorerst.

Und selbst die lautstarken Europäer denken bei Europa eher an einen Superstaat Europa, je nach Nationalität dabei an eine europäische Grande Nation oder an ein europäisches Groß-Berlin — was sehr viele deshalb an einen deutsch-französischen Burgfrieden glauben ließ. Und einige dieser Europäer glauben bis heute sogar noch daran, den Superstaat Europa unter Moskauer Führung realisieren zu können.

Sehr wenige Unionsbürger glauben bis heute noch an einen Bundesstaat Europa — an die Vereinigten Staaten von Europa. Und noch weniger davon an einen Zusammenschluss der Freien Welt bis hin zu einer inzwischen in weiter Ferne liegenden Weltunion.

Gerade befindet sich Europa wieder einmal im Krieg, auch die Europäische Union. Unser wichtigster und verlässlichster Partner, die Vereinigten Staaten von Amerika, versuchen dabei noch eine Ausweitung zu einem Weltkrieg zu verhindern. Wir Europäer sind übrigens einem Weltkrieg weniger abgeneigt — wieder einmal (was man als Anzeichen von Hybris werten kann).

Was diesen Krieg aber ganz besonders macht, ist, dass die Fronten bei fast allen Kriegsbeteiligten noch nicht geklärt sind.

Ungarn, Österreich und Deutschland scheinen immer noch eher für Russland zu tendieren und werden nur durch die Standhaftigkeit der Ukrainer zu einer Umkehr ihrer Politik gezwungen. Wobei wir erkennen müssen, dass dies dann nur eine (knappe) Mehrheitsentscheidung sein wird.

Leider glauben sehr viele Deutsche immer noch daran, dass die USA dem deutschen Großmachtstreben entgegensteht — und sie haben völlig recht damit, denn die USA bauen auf ein demokratisches und europäisches Deutschland.

Bei den baltischen Staaten, Polen und dem Rest Osteuropas liegt die Angst vor Russland noch zu tief, um sich von unserem Europa abzuwenden, was sich aber sehr schnell ändern wird, wenn diese Angst entfällt — die antidemokratischen Polen können als gutes Beispiel dienen.

Das Vereinigte Königreich und die Skandinavier sind sich einig, sie stehen an der Seite der USA, um das Freie Europa zu verteidigen. Südeuropa und die iberische Halbinsel halten sich hingegen noch etwas bedeckt, weil sie nicht genau wissen, wie sich Deutschland und vielleicht demnächst auch Frankreich entscheiden werden.

Und während wir Deutschen weiterhin herumlavieren und immer noch versuchen, Profit aus dem Krieg zu ziehen, wird es für unser Europa bereits am 10. April 2022 sehr spannend werden, und spätestens am 24. April 2022 haben wir dann Gewissheit.

Denn Frankreich wählt einen neuen Präsidenten:

  • Emmanuel Macron, ein Superstaat-Europäer, baut weiterhin auf Europa, aber ohne Russland und möglichst auch ohne die USA.
  • Marine Le Pen, eine Faschistin, vielleicht auch ein Nazi, baut auf die Grande Nation und dies gerne mit russischer Unterstützung, auf jeden Fall aber ohne die USA.

So werden wir Deutschen am 24. April 2022 endlich wissen, wie es in diesem Krieg weitergeht. Unsere französischen Freunde werden dies für uns entscheiden.

Wie es mit unserem Europa weitergeht, werden wir aber auch dann nicht wissen. Denn im besten Fall wird die Ukraine überleben und die Russische Föderation für ein paar Jahre stiller werden. Die USA können einen Weltkrieg verhindern, und die Chinesen warten nochmals ein wenig, bis sie selber den Konflikt wagen.

Auf jeden Fall aber werden auf das gesamte Europa Kosten in bisher nicht vorstellbarer Höhe zukommen, und wir Normalbürger werden allesamt unser bisheriges Luxusleben aufgeben müssen.

Dann wird es richtig spannend, nämlich wenn wir uns entscheiden müssen, wie wir diese Krise bewältigen wollen.

„What one needs to do at every moment of one’s life is to put an end to the old world and to begin a new world.“

Nikolai Berdyaev, The Beginning and the End (1947)

Dinosaurier

Zeitenwende 5 (3)

Beitragsfoto: Dinosaurier | © Shutterstock

Wir stehen allerorten an einer Zeitenwende. Auf globaler Ebene finden Zeitenwenden, wie zum Beispiel bei der Betrachtung des von Menschen gemachten Klimawandels statt. Aber ganz aktuell eher der im Konflikt der beiden größten Gesellschaftssysteme.

Ich gehe dabei davon aus, dass diese Zeitenwenden leider nur Folgen der größten Zeitenwende der Menschheitsgeschichte überhaupt sind. Nein, nicht die der Besiedelung des Weltalls und die Abkopplung von „unserer“ Mutter Natur — der Erde! Sondern eine tatsächlich fundamentale Wende, nämlich die vom bloßen Menschsein hin zur Robotik und Automatisierung!

Es ist uns als Menschen tatsächlich gelungen, uns nach 200 000 Jahren Geschichte nicht nur überflüssig, sondern vielmehr dazu auch noch gefährlich für das Gesamtsystem zu machen. Die Zeitenwende — und jetzt durch den derzeitigen Krieg verstärkt — wird unseren Nachfolgern vor Augen führen, dass der Mensch nicht nur als Arbeitskraft, sondern auch als Verbraucher ausgedient hat. Selbst als willfährige Soldaten werden die wenigsten noch ein Auskommen finden (übrigens eine Tatsachenfeststellung aus den 1980er-Jahren!).

Die Zukunft gehört der Technologie, der Robotik und der Automatisierung und vielleicht noch jenen Menschen, die die Verfügungsgewalt darüber besitzen! In dieser neuen Welt ist der Mensch nur noch ein Störfaktor, denn als Verbraucher zerstört er unseren Planeten und als Zoon Politikon will er über Dinge mitreden, die er schon lange nicht mehr versteht.

Nur noch in Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten wird der Mensch noch benötig werden — zumindest solange er gegenüber einer künftigen nicht menschlichen Intelligenz bestehen kann. Roboter, Maschinen und Computer werden sämtliche derzeit noch von Menschen erledigten Tätigkeiten übernehmen. Und da die Menschheit nicht in der Lage war, bis heute für sich ein partizipatives Gesellschaftsmodell — egal in welcher Ausrichtung — zu entwickeln und zu manifestieren, werden unsere Nachfolger (die damit über keine Blaupause verfügen) darin auch keine Notwendigkeit sehen und uns Menschen bestenfalls in einer Art zoologischer Gärten in hinreichender Stückzahl halten (Stichworte: Drogen, TV, Virtualität).

Schon jetzt glauben sehr viele Menschen daran, dass eine menschliche Gesellschaft nur als kontrollierbare Masse eine Zukunft haben kann. Und all jene, die noch von einer liberalen, offenen und freien Gesellschaft einzelner Individuen träumen, müssen sich immer öfters fragen lassen, wo diese Individuen überhaupt noch sind — wenn es diese überhaupt jemals gab?

Liebe Leser, wir haben es allesamt so richtig versaut! Und dies ganz, ganz gewaltig!

Fürwahr, wir stehen an einer Zeitenwende! Und das einzig Gute daran ist, dass wir Menschen Zeitenwenden aufgrund unserer eigenen Biologie gar nicht selber mitbekommen und meist nur im Rückblick, wenn überhaupt, wahrnehmen können (dazu passt Valentin Trentins Beitrag ganz gut). Dass es heute in Heilbronn schneit, beweist uns doch allen, dass es keinen Klimawandel gibt und dieser uns nur von Wissenschaftlern vorgegaukelt wird.

Unsere eigene Biologie ist unser aller Rettung, so wie sie auch die Rettung für die Dinosaurier war, denn nur die Allerletzten in der Reihe dürften sich ein wenig gewundert haben. Und so werden wir uns allesamt bis zuletzt darüber freuen, dass die Renten sicher sind und wir weiterhin auf Kosten anderer die Welt bereisen können und weiterhin warme Häuser und ausreichend Klopapier haben.

Die Welt geht für jeden Einzelnen von uns ganz persönlich unter, und dies von Anbeginn der Zeit, jeden Tag hunderttausendfach, und wirklich nur die Allerletzten werden das Ende der Menschheit betrachten können. Wir allesamt gehören nicht dazu. Und wir wissen das, und dies ist wahrscheinlich auch das Warum wir nicht darum bemüht sind, die Gesamtsituation der Menschheit zu verbessern — es betrifft uns nicht.

Und deshalb nun wieder zurück zu dem, was uns alle betrifft oder zumindest betreffen könnte. Nach über 30 Jahren musste die EUROPA-UNION Heilbronn den Treffpunkt Europa aus dem Veranstaltungsreigen der Stadt Heilbronn abmelden. Unser aller Dank gilt den Ehrenamtlichen unserer Partnervereine und der EUROPA-UNION sowie unseren Partnerfirmen, die uns trotz aller Widrigkeiten über all die Jahrzehnte hinweg die Treue gehalten haben. Aber auch ehrenamtliche Arbeit kennt ihre Grenzen, und diese haben wir inzwischen überschritten. 

In sehr schwierigen Zeiten finden aber gerade die richtigen Europäer weiterhin zusammen, und so freut es uns, dass wir mit altbewährten, aber auch mit ganz neuen Veranstaltungsformaten die Flagge für einen europäischen Bundesstaat weiter hochhalten können. Alle unsere Termine können Sie auf unserer Website finden, und weitere Informationen erhalten Sie bei unseren monatlichen Europastammtischen, ob virtuell oder in Präsenz in einer Heilbronner Gaststätte. 

Ganz besonders freut es uns, dass sich unsere Mitglieder und weitere an Europa interessierte Mitbürger inzwischen auch sehr gut untereinander vernetzt haben und sich zu weiteren Treffen und Vorhaben zusammenfinden. 

Jüngst diskutieren viele unserer Mitglieder nicht nur darüber, ob wir uns inzwischen in einem Dritten Weltkrieg (Christian Moos) oder noch im letzten Europäischen Krieg (Heinrich Kümmerle) befinden. Und viele von uns hoffen, dass, egal worin wir uns gerade befinden, der Schießkrieg an uns Deutschen vorbeiziehen möge. Ich muss Ihnen leider aber zwei Dinge mit ins Wochenende geben. Erstens, dass dieser Krieg uns allen sämtliche Träume rauben wird — von einer sorgenlosen Zukunft ganz zu schweigen — und zweitens, dass die Geschichte uns Deutsche erneut in die Schublade der Kriegsschuldigen einordnen wird — und dies völlig zurecht, denn wer Neid, Missgunst und Profitgier vor Menschenrechte und Demokratie stellt, der gehört nicht zu den Guten in der Welt (das hatten wir übrigens allesamt auch einmal so gelernt).

Aber es hilft nichts zu lamentieren, sondern wir müssen schauen, wie wir am besten mit der Gesamtsituation zurechtkommen können. Die großen Entscheidungen haben wir alle längst nicht mehr in der Hand! Der Krieg tobt zwischen Freiheit und Demokratie auf der einen und Diktatur und Unterdrückung auf der anderen Seite; dieser Krieg wird erst dann enden, wenn sich einer der beiden Seiten durchgesetzt hat. 

Für uns alle wäre es dabei am besten, wenn es der freien Welt gelänge, dass das Putin-Regime in der Ukraine verblutet und sich die Russische Föderation gezwungen sieht, den Weg in die Demokratie zu gehen. Das wäre unsere Chance, dass sich die Chinesen und inzwischen auch die Inder gezwungen sähen, zumindest mit der westlichen Welt einen Burgfrieden einzugehen, der es uns ermöglichen könnte, die Menschen dieser Länder von den Vorteilen von Freiheit und Demokratie zu überzeugen. Das wäre unsere allerletzte Chance für ein vor ein paar Jahrzehnten bereits geglaubtes Ende der Geschichte.

Wenn das Putin-Regime mit einem blauen Auge davonkommt, werden die Karten ganz neu gemischt und dabei nicht zu unseren Gunsten, dann wir das nächste Schießen in Taiwan starten und nicht mehr — wie gerade in der Ukraine — eingrenzbar bleiben. Und dann werden auch in der EU die Konflikte zwischen Demokratie und Diktatur offen ausbrechen — auch bei uns in Deutschland. Dieses Kriegsende wäre dann auch das Ende unserer Träume von einer Europäischen Idee! Unsere Europäische Idee hätte danach vielleicht, wenn überhaupt, erst in ein paar Jahrhunderten wieder eine Chance.

Aber wie bereits gesagt, wir haben es als Europäer nicht mehr in der Hand, wir hatten unsere letzte Chance, die wir mit viel Getöse bei Streitereien um Grenzzäune für Migranten und Gender*sternchen_innen verspielten. Wir können jetzt nur noch zugucken, in welcher Form der Krieg über uns hereinbrechen wird und dabei immer wieder die Trümmer aufs Neue wegräumen, bis schlussendlich eine Seite gewonnen haben wird. 

Viele von uns haben nie wirklich daran geglaubt, dass sie noch selber einen europäischen Bundesstaat erleben werden; ich glaube inzwischen daran, dass die meisten von uns nicht einmal mehr das Ende dieses Krieges erleben werden, denn so lange wird er mindestens dauern. 

Jetzt aber in eine Art von Lethargie zu verfallen, wäre falsch! Gerade jetzt müssen wir alles daran setzen, das zu ändern und zu verbessern, was wir noch ändern und verbessern können. 

Deswegen machen wir Europäischen Föderalisten auch weiter, wir lassen uns nicht unterkriegen und zeigen in unserem gemeinsamen Miteinander, wie die Welt sein könnte, wenn viele Menschen nicht nur an Freiheit und Demokratie glauben würden, sondern auch dazu bereit wären, selbst etwas dazu beizutragen. 

„Untergänge lassen sich nicht ungeschehen machen, Untergänge wollen anerkannt sein. Sie dulden keinen Wiederaufbau, sondern sie verlangen ein vollständiges Neuerschaffen.“

Werner Bergengruen, Im Anfang war das Wort (Vortrag, gehalten am 1. Juni 1947 bei der Festversammlung des Börsenvereins der Buchhändler in der französisch besetzten Zone Deutschlands)

Von Mons nach Cambrai

Neues Europa 5 (2)

Beitragsfoto: Von Mons nach Cambrai, britischer Angriff am 25. August 1914 | © Shutterstock

Der Gedichtband „Rhythmus des neuen Europa“ hält mich immer noch in seinem Bann. Dieser Gedichtband, der noch weitgehend von Gerrit Engelke selbst zusammengestellte Gedichte enthält, erschien erstmals 1921 etwa drei Jahre nach seinem gewaltsamen Tod bei Cambrai. Edward Thomas, den ich in einem Beitrag zu einem Gedicht von Robert Frost (The road not taken) erwähnte, fiel bereits ein Jahr zuvor bei Arras; so wie in unzählige weitere unschuldige Menschen, meistens Männer, die für unser Europa sinnlos abgeschlachtet wurden.

Gerrit Engelkes Gedicht „Nach schwerem Traum“ hatte ich bereits vor ein paar Tagen hier in diesem Weblog vorgestellt, was mich im Anschluss veranlasste, weiter in dessen Gedichtband zu blättern. Engelkes Rhythmus des neuen Europas lässt mich nun nicht mehr los und zwingt mich zu ganz eigenen Gedankenstürmen, welche durch diesen gerade tobenden europäischen Krieg (!) weiter zu einem Feuersturm angefacht werden. Ja, unser Europa befindet sich insgesamt wieder im Krieg, und der Rest der Welt muss sehr vorsichtig sein, dass wir Europäer die Welt nun nicht bereits zum dritten Male in Brand setzen.

Das neue Europa unzähliger dahingeschlachteter, meistens sehr junger Menschen fand tatsächlich nie seinen eigenen Rhythmus. Rückblickend muss man erkennen, dass die Hoffnung auf ein friedliches, freies und demokratisches Europa bereits in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges beerdigt wurde. Das letzte Aufbäumen junger Menschen, die von einer gemeinsamen Zukunft Europas in einem europäischen Bundesstaat als Blaupause für eine bessere Welt träumten, wurde regelrecht im Zweiten Weltkrieg zerbombt.

Wie wir heute sehen müssen, waren die letzten europäischen Bemühungen von den den Furor des Kriegs überlebenden, bekennenden Europäern — also uns — nichts anderes mehr als dürftige Blähungen. Die wirklich letzten Europäer werden nun wohl Opfer dieses jüngsten europäischen Krieges werden. Und die dann noch Überlebenden werden sich wohl nur noch zu Rülpsern in Sachen Europa aufraffen können — bevor dann unser Europa schlussendlich sein eigenes Schicksal erfüllt: „But it was all right, everything was all right, the struggle was finished. Europe had won the victory over itself. It loved Big Brother.

Ja, wir Europäer befinden uns allesamt in einem neuen europäischen Krieg, und dieses Mal sind die Fronten eindeutig und glasklar! Auf der einen Seite kämpfen Europäer für Freiheit und Demokratie, und auf der anderen Seite kämpfen Europäer für Knechtschaft und Unterdrückung — und dies über sämtliche Religionen, Landsmannschaften und Sprachräume hinweg!

Und dieser Krieg tobt von Anfang an nicht nur in der Ukraine — dort ist nur das Morden und Schlachten nach jahrelangem Weggucken nicht mehr zu übersehen. Der Krieg wird inzwischen bereits in unseren Parlamenten im gesamten Europa geführt, auf den Straßen, in den Wohnungen und nicht zuletzt in sämtlichen Medien. Und sein Ausgang ist noch völlig ungewiss, auch wenn ich selbst hier bereits meine Befürchtungen geäußert habe!

Zu den bereits zwei ausgefochtenen — lassen wir den Kalten Krieg einmal außen vor — Weltkriegen, die wir Deutschen maßgeblich verschuldet haben, kommt nun dieser dritte Krieg hinzu, wobei wir Deutschen es dieses Mal sogar geschafft haben, in diesem Krieg auf beiden Seiten vertreten zu sein. Wahrscheinlich wollen wir dieses Mal unbedingt mit auf der Siegerseite stehen! Und dabei ist es uns Deutschen offensichtlich völlig egal, wer gewinnen wird!

Unser Europa hatte weder jemals einen eigenen Rhythmus noch je eine eigene Zukunft! Europas Zukunft lag bereits auf den Schlachtfeldern begraben, bevor sie überhaupt beginnen konnte.

Auf jeden Fall aber können wir in diesem europäischen Krieg gleich mit zwei Mythen der Menschheit aufräumen, das der Kriegsschuld und das der Emanzipation.

Wie hieß es doch so schön: „Old men make war, young men fight and die.“ (Dieses Zitat wird oftmals Winston Churchill zugeschrieben). Heute wissen wir es besser und können es sogar life auf Youtube miterleben: Drückeberger machen den Krieg und unschuldige Menschen sterben!

Und gerade in diesem europäischen Krieg ist nun wirklich alles über Emanzipation geschwätzt. Emanzipierte Frauen — ich nehme hierbei junge Mütter und Schwangere aus(!) — stehen gerade in diesem Krieg Seit an Seit mit ihren Brüdern, Vätern, Männern und Söhnen. Was emanzipierte Frauen sind, können wir auch hier life und auf Youtube miterleben. Und wenn es ausreichend emanzipierte Frauen gäbe, dann könnten wir den Männern auch den Luxus der Fahnenflucht und des Drückebergertums zusprechen.

Und auch der nächste Krieg wird erneut von Drückebergern, Fahnenflüchtigen und kreischenden Weibern verursacht werden. Die letzten Europäer und auch -innen werden dann schon längst die Gänseblümchen von unten betrachten oder, wie es die Osteuropäer so blumig formulieren, für wunderbare Sonnenblumen gesorgt haben.

Nun aber wieder zurück nach 1918. Gerrit Engelke verfasste sein wohl letztes Gedicht am 20. Juli 1918. Am 11. Oktober 1918 wurde er erneut schwer verwundet und starb am 14. Oktober 1918 in einem britischen Feldlazarett bei Cambrai.

An die Soldaten des großen Krieges
In memoriam August Deppe

Herauf! aus Gräben, Lehmhöhlen, Betonkellern, Steinbrüchen!
Heraus aus Schlamm und Glut, Kalkstaub und Aasgerüchen!
Herbei! Kameraden! Denn von Front zu Front, von Feld zu Feld
Komme euch allen der neue Feiertag der Welt!
Stahlhelme ab, Mützen, Käppis! und fort die Gewehre!
Genug der blutbadenden Feindschaft und Mordehre!
Euch alle beschwör′ ich bei eurer Heimat Weilern und Städten,
Den furchtbaren Samen des Hasses auszutreten, zu jäten,
Beschwöre euch bei eurer Liebe zur Schwester, zur Mutter, zum Kind,
Die allein euer narbiges Herz noch zum Singen stimmt.
Bei eurer Liebe zur Gattin – auch ich liebe ein Weib!
Bei eurer Liebe zur Mutter – auch mich trug ein Mutterleib!
Bei eurer Liebe zum Kinde – denn ich liebe die Kleinen!
Und die Häuser sind voll von Fluchen, Beten, Weinen!

Lagst du bei Ypern, dem zertrümmerten? Auch ich lag dort.
Bei Mihiel, dem verkümmerten? Ich war an diesem Ort.
Dixmuide, dem umschwemmten? Ich lag vor deiner Stirn,
In Höllenschluchten Verduns, wie du in Rauch und Klirrn,
Mit dir im Schnee vor Dünaburg, frierend, immer trüber,
An der leichenfressenden Somme lag ich dir gegenüber.
Ich lag dir gegenüber überall, doch wußtest du es nicht!
Feind an Feind, Mensch an Mensch und Leib an Leib, warm und
dicht.

Ich war Soldat und Mann und Pflichterfüller, so wie du,
Dürstend, schlaflos, krank – auf Marsch und Posten immerzu.
Stündlich vom Tode umstürzt, umschrien, umdampft,
Stündlich an Heimat, Geliebte, Geburtsstadt gekrampft
Wie du und du und ihr alle. –
Reiß auf deinen Rock! Entblöße die Wölbung der Brust!
Ich sehe den Streifschuß von fünfzehn, die schorfige Krust,
Und da an der Stirn vernähten Schlitz vom Sturm bei Tahüre –
Doch daß du nicht denkst, ich heuchle, vergelt′ ich mit gleicher Gebühr:
Ich öffne mein Hemd: hier ist noch die vielfarbige Narbe am Arm!
Der Brandstempel der Schlacht! von Sprung und Alarm,
Ein zärtliches Andenken lang nach dem Kriege.
Wie sind wir doch stolz unsrer Wunden! Stolz du der deinigen,
Doch nicht stolzer als ich auch der meinigen.

Du gabst nicht besseres Blut, und nicht rötere Kraft,
Und der gleiche zerhackte Sand trank unsern Saft! –
Zerschlug deinen Bruder der gräßliche Krach der Granate?
Fiel nicht dein Onkel, dein Vetter, dein Pate?
Liegt nicht der bärtige Vater verscharrt in der Kuhle?
Und dein Freund, dein lustiger Freund aus der Schule? –
Hermann und Fritz, meine Vettern, verströmten im Blute,
Und der hilfreiche Freund, der Jüngling, der blonde und gute.
Und zu Hause wartet sein Bett, und im ärmlichen Zimmer
Seit sechzehn, seit siebzehn die gramgraue Mutter noch immer.
Wo ist uns sein Kreuz und sein Grab! –

Franzose du, von Brest, Bordeaux, Garonne,
Ukrainer du, Kosak vom Ural, Dnjestr und Don,
Österreicher, Bulgare, Osmanen und Serben,
Ihr alle im rasenden Strudel von Tat und von Sterben –
Du Brite aus London, York, Manchester,
Soldat, Kamerad, in Wahrheit Mitmensch und Bester –
Amerikaner, aus den volkreichen Staaten der Freiheit:
Wirf ab: Sonderinteresse, Nationaldünkel und Zweiheit!
Warst du ein ehrlicher Feind, wirst du ein ehrlicher Freund.
Hier meine Hand, daß sich nun Hand in Hand zum Kreise binde
Und unser neuer Tag uns echt und menschlich finde.

Die Welt ist für euch alle groß und schön und schön!
Geht her! staunt auf! nach Schlacht und Blutgestöhn:
Wie grüne Meere frei in Horizonte fluten,
Wie Morgen, Abende in reiner Klarheit gluten,
Wie aus den Tälern sich Gebirge heben,
Wie Milliarden Wesen uns umbeben!
O, unser allerhöchstes Glück heißt: Leben! –

O, daß sich Bruder wirklich Bruder wieder nenne!
Daß Ost und West den gleichen Wert erkenne:
Daß wieder Freude in die Völker blitzt:
Und Mensch an Mensch zur Güte sich erhitzt!

Von Front zu Front und Feld zu Feld,
Laßt singen uns den Feiertag der neuen Welt!
Aus aller Brüsten dröhne eine Bebung:
Der Psalm des Friedens, der Versöhnung, der Erhebung!
Und das meerrauschende, dampfende Lied,
Das hinreißende, brüderumarmende,
Das wilde und heilig erbarmende
Der tausendfachen Liebe laut um alle Erden!

Gerrit Engelke, 1918