Mädchen in Buchhandlung

Buchhandlungen 5 (3)

Beitragsfoto: JackF, Getty Images

Schöner noch als ein gutes Buch endlich sein Eigen nennen zu können, ist es, in einer guten Buchhandlung stöbern zu dürfen. Über gute Bücher habe ich in meinen Beiträgen bereits mehrfach geschrieben und dabei sogar ein paar Empfehlungen abgegeben, aber kaum über gute „Buchläden“.

Wie bei den Büchern ist es wohl auch bei den Buchhandlungen selber, dennoch glaube ich, dass es Buchhandlungen gibt, welche sich weit von den üblichen Buchverkaufsstellen abgrenzen und dabei sogar noch Erlebnisse schaffen, die jedem in Erinnerung bleiben. Ich bin fest davon überzeugt, dass inzwischen die große Masse der Buchhandlungen den allseits so beliebten Schnellrestaurants gleicht, zwar den ersten Hunger stillt, aber dabei eher bleibende Schäden beim Konsumenten verursacht als den jeweiligen Menschen in seiner eigenen Entwicklung fördert.

Um meine Behauptung ein wenig zu untermauern, empfehle ich Ihnen einfach einmal in die nächstliegende Buchverkaufsstelle zu gehen. Schon beim Eintritt in dieselbe sehen Sie alles, sogar Bücher. Und sofort fallen Ihnen auch die Top Seller der Branche in die Augen, z. B. die Feuchträume ewig pubertierender Senioren oder die umfangreichen Lebenserinnerungen prominenter Säuglinge. Die Auswahl ist immens und dies bei einer sehr begrenzten Themenvielfalt. Zugegebener Maßen werden Sie in den Tiefen dieser Buchhandlungen weiterer Themen fündig, und was nicht vorliegt, kann auch bestellt werden.

Was hat dies alles aber mit einer Buchhandlung zu tun? Erinnern Sie sich vielleicht noch an die Buchhandlung von Wendelin Niedlich in Stuttgart, der sich zudem noch stark politisch engagierte. Hier bei uns in Heilbronn kenne ich noch die seit 1688 (!) bestehende Buchhandlung Stritter, welche wohl gezwungener Maßen ebenfalls mit dem Zeitgeist gehen muss. Und mit der Paulus-Buchhandlung auch noch eine spezialisierte und damit eigentlich eine Fachbuchhandlung, welche inzwischen aber ebenfalls ihr Sortiment stark erweitert.

Auch wenn diese Buchhandlungen ihren eigentlichen Zweck erfüllen, so ist es schwierig, sich dort in den Bücherreihen oder -bergen zu vertiefen oder gar zu verlieren. Stehenzubleiben, sich hinzusetzen und in einem ganz „fremden“ Buch zu stöbern bevor man sich von der Fülle der Themen fasziniert, einem weiteren völlig unbekannten Autoren widmet. Bereits Haruki Murakami meinte, dass man nur das denken könne, was die anderen auch denken, wenn wir alle nur dieselben Bücher lesen.

Eine Buchhandlung zum Träumen

In manchen Städten können Sie ab und zu noch solche versteckten Erlebnisräume finden, wobei durchaus die Gefahr besteht, dass Sie den Ausgang nicht mehr finden oder finden möchten. 

Blattgold-Buchladen
Blattgold-Buchladen

Seit 2014 gibt es nun in Böckingen, einem Stadtteil Heilbronns, den Blattgold-Buchladen von Johanna Chebbi. Dieser hat gerade einmal drei halbe Tage in der Woche geöffnet, nämlich donnerstags und freitags von 14.00 Uhr bis 17.30 Uhr, sowie samstags von 10.30 Uhr bis 14.30 Uhr.


Korrektur: inzwischen leider nur noch freitags und samstags zu den selben Zeiten.

Korrektur 2: Leider gibt es diesen Buchladen nun nicht mehr.


Der Laden entstand zufällig, nachdem Johanna damit angefangen hatte im Internet gebrauchte Bücher bei Amazon zu verkaufen und überlegte, wie sie denn an größere Mengen Bücher kommen könne. Dies wollte sie durch einen einmaligen Bücherankauf lösen und da sie in Böckingen arbeitete, ist sie dort umhergezogen, um sich leerstehende Läden anzuschauen und erstmals in der Klingenberger Straße fündig geworden. Die Ladenbesitzerin wollte ihr den Laden auch für einen Tag vermieten.

Den Bücherankauf hat sie dann in der Heilbronner Stimme beworben und fand dabei regen Zulauf. Ihre Freunde halfen kostenlose Getränke zu offerieren und den Interessenten beim Bücherschleppen. Das ging stundenlang und hinterher war sie nicht nur „fix und fertig“, sondern auch pleite; zumal sie auch noch Bücherabholungen von zu Hause angeboten hatte.

Die Vermieterin bot ihr an, die Bücher noch im Laden stehen zu lassen, bis sie eine Lösung gefunden hätte. Da dies auch nach Monaten nicht der Fall war, wurde der Laden von Johanna letztendlich dauerhaft angemietet. 

Im Jahr 2017 musste Johanna aber dann doch den Laden wechseln und wurde fündig, als ein Fahrradgeschäft in der Stedinger Straße aus Altersgründen aufgab; insgesamt 20 qm ohne Heizung, da es früher nur ein Ausstellungsraum war.

Anfangs dümpelte der Bücherverkauf weiter so vor sich hin, mit der Zeit wurde es dann aber tatsächlich besser. Zwischenzeitlich hat sich ein kleiner, kontinuierlicher Kundenstamm entwickelt. Der ist jedoch immer noch zu klein, da der Durchlauf der Bücher besser sein müsste. Die Bücher stehen zu lange im Regal, bis sie einen Besitzer finden. 

Ihre meisten Umsätze macht sie mit Romanen, Krimis, Thrillern, weniger mit Sachbüchern. Auch hat sie ein paar wenige, aber treue Kunden, die sich für die antiquarischen Bücher interessieren. Zudem bietet sie an, gesuchte oder vergriffene Bücher übers Internet zu bestellen. Diese Kunden nehmen dann auch weitere Bücher aus dem Laden mit.

Heute nicht ungewöhnlich, bekommt sie viele Bücherspenden vor den Laden gestellt. Ihr Lager füllt sich mehr und mehr. „Brauchbare“ Bücher kommen dabei gleich ins Regal, antiquarische erst mal in den Keller. Manche Bücher werden auch gleich als „Zu verschenken“ vor dem Laden angeboten, und erfahrungsgemäß völlig „unbrauchbare“ Bücher werden von den Böckinger Pfadfindern als Altpapier abgeholt. Dennoch platzt ihr Lager aus allen Nähten, da sie auch zeitlich noch nicht dazu kommt, Bücher auch „online“ zu stellen. 

Johanna Chebbi kennt ihre Stammkundschaft und begrüßt diese mit Namen. Da sie auch deren Lesegewohnheiten inzwischen recht gut kennt, reserviert sie ihnen auch Bücher, an denen sie Interesse haben könnten. Ihre Kunden sind im Schnitt 25 bis 85 Jahre alt.

Das Besondere an diesem Stadtteilladen ist, dass Kunden und Verkäuferin sich zwischenzeitlich als „kleine Familie“ fühlen. Es geht meist lustig zu. Das liegt vielleicht auch daran, dass Johanna selbst keine ausgebildete Buchhändlerin ist und von Literatur so viel Ahnung hat wie von Politik. So kommt es, dass sich die Kunden manchmal besser im Blattgold-Buchladen auskennen als sie selbst; auch, dass Johanna ihre anwesenden Stammkunden bittet, gerade nachgefragte Bücher den anderen Kunden zu zeigen. 

Anekdoten, die man sich gegenseitig erzählt und gemeinsames Kaffeetrinken gehören inzwischen zum Aufenthalt im Buchladen mit dazu. Dabei entstehen auch fröhliche Gespräche zwischen den Kunden untereinander, und der Buchladen hat sich zu einer Anlaufstation nicht nur für „Lebenskünstler“ entwickelt, wobei im und vor dem Laden diskutiert, philosophiert oder auch nur der eigene Kummer von der Seele geredet wird.

Das Schöne am Blattgold-Buchladen ist, dass er sich beständig weiterentwickelt und dabei immer wieder neu erfindet. Johannas jüngster Slogan ist: „Besuchen Sie den kleinsten und urigsten Buchladen in Heilbronn.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

„Why can’t people just sit and read books and be nice to each other?“

David Baldacci, The Camel Club (2005)

Mädchen mit Europaflagge

Europatage 5 (4)

Beitragsfoto: Mädchen mit Europaflagge | © Shutterstock

Seit 31 Jahren ist es der erste Europatag, an dem meine bessere Hälfte und ich nicht mit der Ausrichtung des Treffpunkts Europa beschäftigt sind; deshalb war das Aufstehen heute Morgen auch sehr ungewohnt, und wir konnten beide auch eine gewisse Leere verspüren. Auch wenn wir heute durch einige Videokonferenzen gebunden sind, so regt dieses Fehlen eines Fests der Völkerverständigung doch verstärkt zum Nachdenken an.

Deshalb schreibe ich auch heute zwischen den Konferenzen, die sich alle sehr unterschiedlich mit dem Thema „Europatag“ auseinandersetzen, über die Europatage der beiden heutigen Europas, nämlich dem Europarat und der Europäischen Union. Um das Ganze nicht zu überfrachten, lasse ich dabei die NATO (4. April) und die Vereinten Nationen (24. Oktober) aus dem Spiel.

Die regelmäßigen Leser meines Blogs werden feststellen, dass das Thema „Europatag“ von mir seit inzwischen 15 Jahren aus den unterschiedlichsten Blickrichtungen heraus betrachtet wird; der erste entsprechende Beitrag dürfte wohl aus dem Jahr 2006 stammen.

Der erste richtige, weil auch von der gesamten Bürgerschaft Europas wahrgenommene Europatag war dabei der 5. Mai, der sich auf die Gründung des Europarats in Straßburg am 5. Mai 1949 bezog. Ursprünglich wurde der Europatag aber von der europäischen Gemeindeorganisation auf den zweiten Mittwoch im März festgelegt und war nie sehr populär.

Mit der vom französischen Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 gehaltenen Rede, die die heutige Europäische Union initiierte, kam ein weiterer Tag hinzu, der ebenfalls und mit voller Berechtigung als Europatag gefeiert werden konnte.

1965 einigten sich dann die Vertreter von Europarat und den damaligen Europäischen Gemeinschaften, die mit dem „Fusionsvertrag“ 1965 entstanden, auf den 5. Mai als gemeinsamen Europatag der beiden Europas. Die damalige Begründung war sehr einfach, da sie dem Europatag des größeren Europas den Vortritt gab.

Über 20 Jahre hinweg wurde der 5. Mai dann in ganz Europa als Europatag begannen, konnte dabei meines Wissens aber nie den Status eines Feiertages erlangen.

Als 1985 Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 ganz offiziell auch für Deutschland nicht nur als Tag der Kapitulation und Niederlage, sondern auch als Tag der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Herrschaft anerkannte, kam es in Europa zu einer weiteren fundamentalen Veränderung, die im ersten Vertrag von Schengen resultierte, mehrheitlich die Europäer dazu bewegte, die Römischen Verträge ändern zu wollen und zudem den 9. Mai als neuen Europatag festlegte, der dann erstmals 1986 als solcher offiziell begangen wurde.

Für mich gehört aber auch der Beginn der Perestroika, die Michail Gorbatschow 1986 einleitete, dazu, denn 40 Jahre nach Kriegsende in Europa hatte Europa insgesamt mit der Rede Weizsäckers eine ganz neue Qualität erreicht und begann die letzten totalitären Gedankengänge abzuschütteln.

Eingedenk der Tatsache, dass gestern und heute am 9. Mai 2020 viele Europäer dem Kriegsende und dem Verlust an Menschen in Europa gedenken, rufe ich uns allen in Erinnerung, dass zwar am 8. Mai der Zweite Weltkrieg in Europa endete, aber mit Hiroschima am 6. August 1945 und Nagasaki am 9. August 1945 eine ganz neue Qualität erreichte und erst mit der Kapitulation Japans am 2. September 1945 so langsam weltweit mit insgesamt über 55 Millionen Toten sein Ende nahm; und dennoch kam es auch noch danach zu weiteren Vertreibungen, Umsiedlungen, Mord und Totschlag. In Europa alleine waren davon u. a. Deutsche, Polen, Kosaken und Juden betroffen.

Eins ist aber gewiss, man kann den 9. Mai als Europatag nicht ohne den 8. Mai, dem Ende des Nazi-Terrors in Europa, gedenken. Das hatten nicht nur Konrad Adenauer, Jean Monnet und Robert Schuman erkannt, sondern auch Richard von Weizsäcker, der am 8. Mai 1985 eine für Europa wegweisende Rede hielt, aus der heraus auch Michail Gorbatschow die richtigen Konsequenzen zog.

Interessant ist es weiterhin, dass selbst der 9. Mai bis heute in Europa kein Feiertag ist und, wenn man die jüngsten Entwicklungen in der Europäischen Union betrachtet, wohl so schnell nicht werden wird.

Die beiden Europatage vertreten dabei bis heute zwei unterschiedliche Modelle Europas, und die Versuche von bekennenden Europäern, diese beiden Tage gar in einer Europawoche zusammenzuführen, was übrigens eine sehr europäische Lösung wäre, ist nur in manchen Orten Europas erfolgreich, so wie bis heute in Heilbronn, wo man seit Jahren versucht, den Treffpunkt Europa mit weiteren Aktionen zu verknüpfen, wie z. B. einem Empfang des Oberbürgermeisters für Heilbronner mit Zuzugsgeschichte, Informationsständen, Preisausschreiben, Europa-Rallyes oder einer Kundgebung für Europa! auf dem Kiliansplatz und somit die Europawoche möglichst für alle Unionsbürger mit Leben erfüllt.

Wir alle sollten uns gerade heute an diesem besonderen Europatag überlegen, was für ein Europa wir eigentlich haben möchten; und, dass es ohne ein gemeinsames Europa geht ist dabei außer Frage.

Ganz plakativ kann man die Frage wie folgt formulieren. Wollen wir ein Europa des 5. Mai, also einen möglichst losen Staatenbund, der sich, wenn überhaupt, nur auf Minimallösungen einigt und diese dann auch nur bei gutem Wetter in nationale Maßnahmen um- und bei erstbester Gelegenheit wieder aussetzt?

Oder wollen wir ein Europa des 9. Mai, das sich seiner Verantwortung (8. Mai) bewusst ist, also einen europäischen Bundesstaat?

Dass die bisher erreichte „Zwitterlösung“, die weder Fisch noch Fleisch ist, nicht funktioniert und auch nicht funktionieren kann, sehen wir angesichts der gerade heute aktuellen Herausforderungen, wie Pandemien, Erderwärmung, verstärkte Migration und Überalterung unserer Gesellschaften.

Und die ewige Behauptung der Institutionalisten unter uns Europäern, dass man letztendlich und ganz folgerichtig den europäischen Bundesstaat in kleinen Schritten erreicht, kann nach über 70 Jahren, wo sich bereits die meisten Menschen nicht mehr daran erinnern können, warum man damals überhaupt losgelaufen ist, immer weniger überzeugen.

Dafür werden die uralten Mahnungen der Konstitutionalisten unter uns Europäern immer lauter, die besagen, dass wir Unionsbürger mit oder auch ohne unsere Volksvertreter die Initiative zurück gewinnen und der Demokratie wie auch Europa und damit allen Menschen zu ihrem ureigenen Recht verhelfen müssen, denn ansonsten gewinnen erneut die Nationalisten und in deren Fahrwassern die Totalitaristen bis hin zu den Rassisten.

Der heutige 9. Mai lädt deshalb dazu ein, nicht nur diesen Tag als gesamteuropäischen Feiertag, sondern auch dazu, um von unseren Volksvertretern einen europäischen Konvent zu fordern, bei dem die Zivilgesellschaft maßgeblich mit beteiligt wird. Darüber hinaus müssen wir Europäer heute wieder einmal – nach 1945 und 1985 – unsere eigene Verantwortung anerkennen und allen antieuropäischen Bestrebungen eine klare Absage erteilen!

Jean Asselborn, der dienstälteste EU Außenminister, hat voll und ganz recht, die innereuropäischen Grenzen müssen heute am 9. Mai 2020 endlich fallen – und ich füge hinzu, dies auch für immer!

Die ewiggestrigen Seehofers dieser Welt zerstören nämlich in wenigen Wochen mehr als alle vernunftbegabten Politiker zusammen in Jahrzehnten aufbauen können!

Und was Konrad Adenauer wie auch Richard von Weizsäcker mit großen Mühen bereits aufgebaut haben, schmeißen unsere derzeitigen Akteure mit ihren Hintern wieder ein.

„For the idea of humanity, when purged of all sentimentality, has the very serious consequence that in one form or another men must assume responsibility for all crimes committed by men and that all nations share the onus of evil committed by all others. Shame at being a human being is the purely individual and still non-political expression of this insight.“

Hannah Arendt, Organized Guilt and Universal Responsibility (1948)

Plakat am Lerchenberg

Lerchenbergtunnel 4.7 (6)

Beitragsfoto: alte Bahntrasse (2021)

Auch wenn ich es selbst lieber gesehen hätte, dass man die seit Jahrzehnten stillgelegte Bottwartalbahn reaktiviert, und dieses Mal normalspurig über den ehemaligen Südbahnhof, den ehemaligen Karlstorbahnhof und den Sülmertorbahnhof bis hin zum Heilbronner Hauptbahnhof weiterführt, so unterstütze ich nunmehr das Vorhaben, den Lerchenbergtunnel als eine Art Erlebnisweg für Fahrradfahrer und Fußgänger herzurichten.

Entsprechend der Vision des Heilbronner Vereins „Erlebnisweg Lerchenbergtunnel e. V.“ soll die ehemalige „Verbindungsbahn“ – die Bahntrasse vom ehemaligen Südbahnhof (Endstation der Bottwartalbahn) in Richtung Heilbronner Hauptbahnhof (Abzweig Pfühlpark) – in einen innerstädtischen Fuß- und Radweg umgestaltet werden. Auch der erste Teilabschnitt der Bottwartalbahn vom jetzigen Wohngebiet Südbahnhof zur Sontheimer Landwehr. Damit wären auch das Schulzentrum, Sontheim-Ost und der Neckarradweg vernetzt.

Dabei ist es weiterhin sehr bedauerlich, wie in Heilbronn grundsätzlich Verkehrsinfrastrukturflächen, vor allem die innerstädtischen, aufgegeben oder weiter reduziert werden, obwohl man zeitgleich Heilbronn nachverdichtet und zusätzlich weitere Neubaugebiete erschließt.

Damit hat man nämlich für weitere Jahrzehnte den Ausbau eines tragfähigen Straßenbahnnetzes oder auch den einst in den 1950er-Jahren geplanten Ausbau der Straßeninfrastruktur verzögert.

Die Bottwartalbahn, welche gerne auch als „Entenmörder“ bezeichnet wurde, war eine Schmalspurbahn und knapp 35 Kilometer lang. Sie führte seit Ende 1900 von Marbach am Neckar entlang der Murr, der Bottwar und der Schozach über Sontheim nach Heilbronn (Südbahnhof) hinein. Auf Druck einiger in der Südstadt angesiedelter Firmen (z. B. Knorr) wurde 1901 der Lerchenbergtunnel gebaut und machte damit eine direkte Schienenverbindung zum Hauptbahnhof möglich, welche allerdings in Normalspur ausgebaut wurde und nur dem Güterverkehr diente. Deshalb hatte der Südbahnhof umfangreiche Gleisanlagen in Normal- und Schmalspur. Im Jahr 2000 wurde der letzte Abschnitt der Bottwartalbahn stillgelegt, und dabei auch die Bemühungen, die Bahn insgesamt wieder zu reaktivieren, aufgegeben.

Der aber immer noch unter dem Heilbronner Hauptfriedhof durchführende und gut 350 Meter lange Lerchenbergtunnel könnte nun, wenn die obige Petition erfolgreich ist, zu einem Fußgänger- und Fahrradfahrertunnel werden, der wenigstens diesen eine neue und bestimmt auch sehr attraktive Verbindung innerhalb Heilbronns ermöglicht; das Herrichten der Trasse beim ehemaligen Südbahnhof zeigt, dass dies durchaus im Bereich des Möglichen liegt.

„Though we see the same world, we see it through different eyes. Any help we can give you must be different from that you can give yourselves, and perhaps the value of that help may lie in the fact of that difference.“

Virginia Woolf, Three Guineas (1938: 18)