Bürger

Gruppenbildung 4.9 (9)

Beitragsfoto: Bürger | © Athena bei Pexels

Dieser Blog-Beitrag wurde von einem Artikel Stefan Knechts „Teaming: Tuckman liegt falsch“ (Beitrag nicht mehr vorhanden) inspiriert.

Auch wenn Bruce Tuckman bereits während meines eigenen Studiums in den 1980er-Jahren als etwas angestaubt galt, verwende ich sein Modell noch heute gerne in meinen diesbezüglichen Vorlesungen.

Warum? Einfach, weil es auch noch heute ein sehr plastisches und damit leicht zu merkendes Modell ist, das auf die vielfältigen Herausforderungen einer Gruppenbildung hinweist. Schon in den 1980er-Jahren war uns Studenten dabei völlig klar, dass es hierbei eigentlich um Menschen geht und jedes Modell schon alleine damit an seine Grenzen stoßen muss.

Uns zugute kam dabei sicherlich, dass wir allesamt geschulte und erfahrene Gruppenführer waren, von denen jeder bereits mindestens einen völlig gescheiterten Gruppenbildungsprozess selbst zu verantworten hatte. So half uns u. v. a. Bruce Tuckmans Modell dabei, über unsere eigenen vergangenen wie auch künftigen Gruppenbildungsprozesse besser nachzudenken, was uns allen in den folgenden Jahrzehnten gut half.

Selbstverständlich ist es Teil der Wissenschaft, nicht nur seine eigenen Modelle fortwährend zu prüfen und ggf. auch weiterzuentwickeln, dazu sind Forschung und Lehre doch da. Schwieriger wird es nun, diese Modelle vor allem je komplexer sie dabei werden, in die Praxis umzusetzen. Besser gesagt, die Realität mithilfe dieser Modelle zu bewältigen.

Für das ganz normale Leben außerhalb der Elfenbeintürme sind deshalb möglichst einfache Modelle die besseren Hilfsmittel vorausgesetzt, die Nutzer sind sich deren Modellhaftigkeit auch bewusst.

Bei vielen, die zum Beispiel das momentan gerne diskutierte „Wasserfallmodell“ ebenfalls als völlig ungeeignet sehen und dann auch noch vermeintlich gegensätzliche eigene und „weit bessere“ Modelle ins Feld führen, muss ich mich fragen, ob sie jemals einen echten Wasserfall beobachtet haben. Manchmal gar, ob sie den Sinn und Zweck von Modellen so richtig verstanden haben.

Und so nutze ich auch heute noch sehr gerne das „Haus vom Nikolaus“ aus Kindergartenzeiten, um nicht nur Studenten manche Dinge besser verständlich machen zu können.

Zumindest hierbei dürfte jeder künftige Profi erkennen, dass man weder ein Haus so bauen sollte, noch in der „vorgegebenen“ Reihenfolge auch kann.

Ergo, wer Modellen sklavisch folgt oder sie gar für bare Münze nimmt, bereits im Ansatz verloren hat.

Und was habe ich nun selbst dabei gelernt?

Auf alle Fälle werde ich künftig, bevor ich mit Modellen an die Studenten herantrete, diese noch besser auf die Modellhaftigkeit von Modellen hinweisen und erst einmal gucken, ob sie das dann auch nachvollziehen können. Denn was nützt das beste Modell, wenn es nicht verstanden wird?


Lesezeichen

Philosophie & Krieg 4.9 (8)

Beitragsfoto: Lesezeichen | © kertlis von Getty Images

Alexander Cammann | Die Zeit

Der Philosoph im Krieg – Ausstellung zu Marc Aurel (zuletzt aufgerufen am 22.6.2025 um 10.15 Uhr)

Marc Aurel ist als Guru der Gelassenheit seit Langem populär. Eine spektakuläre Ausstellung in Trier holt den römischen Kaiser jetzt auch politisch in die Gegenwart. …

Die Landesausstellung ‚Marc Aurel‘ in Trier ist noch bis zum 23. November zu sehen (Rheinisches Landesmuseum/Stadtmuseum Simeonstift, www.marc-aurel-trier.de).“


Ein nett geschriebener, auf diese Ausstellung neugierig machender Artikel. Aber nicht erst durch diesen Zeit-Artikel wurde ich auf diese Ausstellung in Trier aufmerksam. Meine Schwester schrieb mir schon früher wohl mit der Absicht, dass ich einen Ausstellungsbesuch mit einem längst überfälligen Besuch bei ihr verknüpfe.

Stoiker reisen nur mit entsprechender Begründung, niemals alleine wegen des Vergnügens oder gar, weil sie mit ihrem eigenen Leben nichts anderes anzufangen wissen.

Und so können sich sehr viele meiner Mitbürger nicht nur diese Ausstellung, sondern auch die Lektüre von Marc Aurel ersparen. Bereits Seneca schrieb in seinem 108. Brief diesbezüglich von Menschen, die sich für hochtönende Sprüche begeistern und dabei eher phrygischen Eunuchen gleichen, andere wiederum zwar nicht grundsätzlich einer Bildung widerstreben, ihr aber gleichgültig gegenüber treten.

Bevor ich nun aber über die aktuellen Studenten in meinen Vorlesungen nachzudenken beginne, beende ich lieber diesen gut gemeinten Ausstellungshinweis. Und dies in der Hoffnung, dass es mir meine Gesundheit erlauben wird, bis spätestens zum 23. November 2025 meine Besuchsschuld beglichen zu haben.


Blitz

Grüne Mauer 4.8 (6)

Beitragsfoto: Glühbirne | Blitz | © Bild von PIRO auf Pixabay

Trotz weltweit gemachter sehr negativer Erfahrungen mit der Abholzung und dem Raubbau an der Natur, hat sich Chinas dazu entschlossen, dasselbe genau so zu wiederholen und dies in einem weit größeren Maßstab. Inzwischen haben sie sogar damit begonnen, wie wir übrigens auch, weitere Länder nicht nur auszuplündern, sondern deren Lebensgrundlagen vollständig zu zerstören.

Obwohl jeder weiß, dass solche Konzepte nicht funktionieren können, halten viel zu viele Menschen an diesen weiterhin fest. Verstand wird einfach durch Ideologie ersetzt.

Lernen wir Menschen kaum aus den Fehlern anderer, so lernen die Chinesen nicht einmal mehr etwas aus den eigenen Fehlern. Inzwischen schwärmen sie gar von einer Grünen Mauer, deren Name sich von der parallel verlaufenden Großen Mauer ableitet. Das Projekt startete im Jahr 1978 und soll noch bis 2050 fortgesetzt werden. Man möchte dabei 350 000 Quadratkilometer Land bepflanzen.

Wie ich in einem chinesischen Propagandafilm — eine GEO-Reportage — erfahren durfte, zählen dazu natürlich auch neue Ackerflächen und dabei ganz besonders die üblichen Monokulturen. Sehr erschreckend zu erfahren, dass man die entsprechenden Baumplantagen ebenfalls zuerst als Monokulturen anlegte, wohl um sie später besser abholzen zu können.

Die ursprüngliche Idee für das Projekt dürfte dabei aber von der „Grüngürtelbewegung“ stammen, welche bereits 1977 von Wangari Maathai aus Nairobi gegründet wurde; diese wiederum übernahm dabei die Idee eines britischen Forstwissenschaftlers aus den 1920er-Jahren.

Angeblich ist die Grüne Mauer bereits schon jetzt ein Erfolg, wohl ähnlich wie unsere eigenen Zukunftsprojekte im Umwelt- und Naturschutz auch, ist es doch bis 2050 noch eine ganze Weile hin.

Auf alle Fälle aber hat sie weitere Länder dazu inspiriert, um in der Sahara und im Sahel eine Great Green Wall zu errichten, welche einmal mindestens 15 km breit und 8 000 km lang sein soll.

So schön diese Ideen auch sein mögen, zeigt doch die schnöde Erfahrung, dass es in der Menschengeschichte noch keine Mauer gab, die tatsächlich ihren Zweck erfüllen konnte — nicht einmal der „Eiserne Vorhang“.

Vielleicht wäre es einmal eine gute Idee, sich besser mit den Ursachen der besagten Probleme und Herausforderungen etwas näher auseinanderzusetzen und zu gucken, wie man diese ggf. beseitigen könnte.

Wir setzen uns dabei lieber „Klimaziele für 2030“, welche wohl auf alle Fälle noch bis 2029 weiterhin Erfolge bleiben und erst danach auf … 2050 verschoben werden, zumindest damit kennen wir uns alle ganz gut aus.

Da das mit den Mauern und Grenzen noch nie so gut klappte, könnte man sich einmal überlegen, ein paar Mauern in unseren Köpfen einzureißen. Alternativ, eine Großbehörde zur Verwaltung von Wüstensand zu schaffen, denn dann ist es garantiert, dass uns allen der Sand bis spätestens 2050 ausgehen wird — zumindest auf dem Papier.