SS-Affäre

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Beitragsfoto: „ein historischer (NS-) Täter“

Lassen wir erst einmal einen von der Stadt bezahlten Angestellten zu Wort kommen. Auf alle Fälle ist alleine die Tatsache, dass wir als Freien Wähler eine Antwort bekommen haben, schon einmal lobenswert. Auf die eine oder andere Bürger- oder Vereinsanfrage meinerseits warte ich bereits jahrelang vergeblich.

Beim Warten durfte ich dann zwei Dinge erfahren, nämlich erstens, dass wir Heilbronner Bürger keinen Anspruch auf Antwort haben, denn dies stünde nur Gemeinderäten zu (einer der Gründe, warum ich Stadtrat werden wollte), und zweitens, dass sich auch Heilbronner Gemeinderäte glücklich schätzen, wenn sie eine Antwort von der Stadtverwaltung erhalten.

Aber nun zur offiziellen Antwort der Stadt Heilbronn.

Die Anfrage der Freien Wähler vermengt zwei getrennte Sachverhalte: Den Umgang mit OBM Dr. Hans Hoffmann und die Portrait-Galerie im Rathaus. Diese umfasst Bürgermeisterportraits aus mehr als drei Jahrhunderten bis zur Gegenwart. Die Bildnisse verkörpern die politische Tradition und Kontinuität der ehemaligen Reichsstadt und sind Verpflichtung für „gutes“ politisches Handeln. Zur Konzeption gehören auch die Stadtansichten mit der Zerstörung und dem Wiederaufbau Heilbronns. Diese niederschwellige und für den Ort passgenaue Präsentation aufzugeben ist falsch.

Der zweite Aspekt berührt den Umgang mit historischen (NS-) Tätern. Derzeit werden verschiedene Ansätze ergebnisoffen diskutiert. Eine Magazinierung des Portraits von Dr. Hoffmann käme einem Entzug aus dem öffentlichen Bewusstsein gleich und verhindert eine Auseinandersetzung. Diese ermöglicht die Kontextualisierung vor Ort, sie informiert und regt zur Beschäftigung mit historischen Themen und Personen an. Sie kann bei weiteren Erkenntnissen angepasst und erweitert werden (siehe hierzu auch die Stellungnahme des Stadtarchivs Heilbronn).

Generell ist die Fokussierung auf ein Bildnis in Bezug auf die Stadthistorie sowie die Gesamtpräsentation unverhältnismäßig.

Stichwort Verkauf: Das Sammeln und Bewahren von Kunst und Artefakten ist nicht ohne Grund eine öffentliche Aufgabe, die dem Veräußern hohe Hürden auferlegt. Zudem haben derartige Portraitdarstellungen keinen eigentlichen Marktwert.

Dezernat III, Städtische Museen (13.6.2024)

Ich kann der Stadt wohl nur dankbar sein, dass sie uns darauf aufmerksam macht, dass wir zwei getrennte Sachverhalte vermengen. Dies war mir allerdings vorab schon voll und ganz bewusst und eigentlich sind es sogar drei unterschiedliche Sachverhalte.

Nun zur Behauptung der Stadt Heilbronn, nämlich, dass die Portrait-Galerie im Rathaus … Bürgermeisterportraits aus mehr als drei Jahrhunderten bis zur Gegenwart umfasst. Meines Wissens hat man das Porträt des OB Heinrich Gültig, Nazi, SA-Mann und verurteilter Mörder, der nach knapp fünf Jahren Haft wieder auf freien Fuß gesetzt wurde und sich danach Meriten im Heilbronner Weinbau verdiente, nicht im Rathaus hängen.

Nun könnte man sich fragen, wo genau der Unterschied zwischen einem SS-Mann und einem SA-Mann liegt. Zudem, ob das Fehlen eines dieser Porträts am nachgewiesen Mord hängt, der aber gebüßt wurde und damit eigentlich keine Rolle mehr spielen dürfte.

Auf alle Fälle aber muss man sich nun fragen, nicht nur was die Stadtverwaltung unter politischer Tradition und Kontinuität der ehemaligen Reichsstadt versteht, sondern auch unter „gutes“ politisches Handeln!

Ich bin weiterhin der Überzeugung, dass Portrait-Galerien gerade in Rathäusern völlig fehl am Platze sind, da diese ein völlig falsches Bild von Demokratie präsentieren. Portrait-Galerien gehören in Schlösser oder Museen, gerne auch in Archive!

Und aus ganz pragmatischen Gründen — was ich bereits in einem anderen Beitrag erwähnt hatte — sollte man sich durchaus einmal die Frage stellen, zumindest wenn man nicht auf Kriege oder Naturkatastrophen als Problemlösung baut, wie lange man überhaupt noch Platz für solche Portraits im Rathaus hat?

Verstörend dann die Behauptung der Stadt, dass eine Magazinierung des Portraits von Dr. Hoffmann … einem Entzug aus dem öffentlichen Bewusstsein gleich käme und … eine Auseinandersetzung verhindert.

Dieser Behauptung folgend, müsste man gerade heute (!) das Porträt Heinrich Gültigs gleich an das Eingangsportal des Rathauses nageln! Damit sich zumindest jeder Gemeinderat und vielleicht auch der eine oder andere städtische Angestellte oder Beamte einmal mit „gutem“ politischen Handeln beschäftigen könnte — übrigens, dem größten Teil der Heilbronner dürfte es weiterhin völlig wurscht sein! Aber nicht den Hinterbliebenen der Verfolgten des Nazi-Regimes und auch nicht jenen Demokraten, die sich noch für Demokratie interessieren.

Was uns die Stadt mit dem folgenden Satz sagen möchte: „Generell ist die Fokussierung auf ein Bildnis in Bezug auf die Stadthistorie sowie die Gesamtpräsentation unverhältnismäßig.“, verstehe ich nicht, man müsste es mir etwas näher erklären. Als alter „Verwaltungsfachmann“ befürchte ich, dass hier der Schwanz mit dem Hund wackeln will. Kann aber auch nur sein, dass dies Gemeinderatsdeutsch ist und der OB den Gemeinderäten hiermit befiehlt, nun endlich das Maul zu halten.

Lustig wiederum der Schluss des Schreibens, wo uns mitgeteilt wird, dass „diese Portraitdarstellungen keinen eigentlichen Marktwert“ haben. Ich wusste gar nicht, dass im Rathaus so viele Kunst- und Marktexperten sitzen.

Die weniger betuchten Heilbronner könnten sich diesbezüglich fragen, warum wir dann dafür überhaupt Geld ausgeben oder ob man dieses Geld nicht besser verwenden könnte. Eine ehemalige Reichsstadtverpflichtung, was immer dies auch sein mag, sorgt zumindest aktuell nicht für ausreichend Wohnraum für alle Heilbronner, geschweige denn, dass alle „ehemaligen Reichsstädter“ ein halbwegs menschenwürdiges Dasein fristen können.

Etwas demokratischer veranlagte Heilbronner könnten durchaus an den dann freien Wänden Gefallen finden, die man für eine gelebte Demokratie nutzen könnte. Thema: Bildungs-, Schul- und Kinderstadt.

Und die etwas fortschrittlicheren „Wissens- und Weltraumstadtheilbronner“ sähen lieber im Rathaus Zukunft als verstaubte Vergangenheit, mit der schon heute die Mehrheit nichts mehr anzufangen weiß.

Zum Schluss aber zurück zum Marktwert der Porträts. Beim Porträt von Helmut Himmelsbach würde sogar ich mitsteigern, da er meines Erachtens der einzige gute OB der Stadt war, den ich noch selber kenne.

Und beim Porträt von Dr. Hans Hoffmann mache ich mir überhaupt keine Gedanken, denn NS-Devotionalien werden weltweit gehandelt.


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Seitenaufrufe: 103 | Heute: 1 | Zählung seit 22.10.2023

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  • Nun ja, in meinen Augen gäbe es zahlreiche, für die Bürger deutlich wichtigere Probleme über die man sich im Heilbronner Rathaus den Kopf zerbrechen sollte. Aber gut, die moralische Wirkung ist enorm, der praktische Nutzen gering.

    • Ich stimme Ihnen zu, nur hätte sich kein einziger Mensch im Rathaus den Kopf zerbrechen müssen. Einfach den Herren abhängen und gut wäre es gewesen. Aber nicht einmal dazu ist man im Rathaus in der Lage.

      • Beinahe interessant wäre, warum man sich dort überhaupt den Kopf zerbricht und den Aufwand mit einer Antwort treibt. Auch im Verhältnis zu den anderen, bisher unbeantworteten Anfragen. Meine Lebenserfahrung: meist fühlte sich jemand bei einer Anfrage persönlich angegriffen. Aber ja, genug der Spekulation.

  • Sehr schön der Hinweis auf die drei Jahrhunderte Tradition und Kontinuität. Meines Wissens wird der (Ober-) Bürgermeister erst seit grob 75 Jahren in freien, allgemeinen Wahlen gewählt. Davor war die Anzahl der wahlberechtigten „Bürger“ eher gering, sprich er wurde entweder extern bestimmt oder anderweitig ausgekungelt. Vielleicht sollen die Portraits einen Hinweis darstellen, dass man an der mehr als 225 Jahre dauernden Kungeltradition gerne weiter festhalten möchte.

    Unabhängig davon: wie wäre es, wenn der Platz für die Portraits auf z. B. fünf begrenzt wird? Mehr als fünf kann sowieso niemand in der Bildungsmetropole Heilbronn überblicken. Soll ein Alt-OB ob seiner / ihrer Leistung in der Galerie Platz finden, muss ein anderes Portrait weichen. Das wäre die Gelegenheit für den jeweiligen Gemeinderat zu zeigen, was als „gutes“ politisches Handeln in den jeweiligen Zeitläuften gelten soll.