Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 4.9 (14)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Die von mir betreuten Schüler aus achten Klassen kamen letzten Freitag allesamt mit einem Adventsgedicht um die Ecke, das ich sofort wiedererkannte. Dieses Gedicht, welches den schlichten Namen „Advent“ trägt, wurde von Loriot am 7. Dezember 1969 zum ersten Mal veröffentlicht und stieß zumindest damals auf mächtige Kritik. 1971 erschien das Gedicht in „Loriots Kleine Prosa“ auch als gedruckter Text.

Ich lernte das Gedicht erstmals Mitte bis Ende der 1970er-Jahre kennen, als es meine Schwester aus der Schule mitbrachte. Inzwischen dürfte der Umgang mit diesem Gedicht allseits etwas entspannter gewesen sein, denn es war zum einen Schulstoff und wir beide fanden es zum anderen ziemlich lustig. So lustig, dass wir es zusammen im Advent unseren Eltern vortrugen. Ob wir beide damals die Sprengkraft dieses Gedichts erkannten, darf bezweifelt werden, aber eines ist sicher, wir benötigten nicht lange, um es auswendig vortragen zu können.

Und diesem Umstand ist es wohl geschuldet, dass das Gedicht auch heute noch an Schüler ausgeteilt wird. Einen Unterschied gibt es dabei allerdings: wenn das Vortragen des Gedichts damals benotet wurde, dann, indem man es nicht nur vollständig vorsagen konnte, sondern dieses dann auch noch mit einer entsprechenden Intonation versehen — möglichst auch die Paarreime und Jamben berücksichtigend.

Heute gibt es gemäß dem ausgeteilten Textblatt eine 4 für die erste, eine 3 für die zweite, eine zwei für die dritte und eine 1 für die vierte Strophe. Den Rest des Gedichts traut man den Schülern schon gar nicht mehr zu! Die von mir betreuten Schüler wollten nur eine 4 erzielen, ich konnte sie zu einer 3 ermutigen. Und einer war sogar in der Lage, um eine 2 in Erwägung ziehen zu können.

Was mich dann doch ein wenig erstaunte, war, dass keiner der Schüler das Gedicht als lustig empfand. Als ich ihnen die Bedeutung des Gedichts erklärte und vor allem dabei auch die etwas schwierigeren Worte in einfaches Deutsch übersetzte, fanden sie dieses Gedicht nur noch ekelig.

Knapp 40 Jahre lassen einen gewaltigen Unterschied zwischen den Schülergenerationen erkennen. Und so war es von den Lehrern, die dieses Gedicht ausgesucht haben — wohl anlässlich des hundertsten Geburtstags von Bernhard-Viktor von Bülow (Loriot) — sicherlich gut gemeint, aber leider nicht von Erfolg gekrönt.

Nun hoffe ich, dass meine Leser etwas mehr Gefallen am Gedicht finden. Ich versuche derweil meiner besseren Hälfte nicht allzu sehr bei der Heimespflege im Wege zu sein — was auch schon wieder völlig aus der Zeit gefallen ist!

Advent

Es blaut die Nacht. Die Sternlein blinken. 
Schneeflöcklein leise niedersinken. 
Auf Edeltännleins grünem Wipfel 
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel. 

Und dort, vom Fenster her durchbricht 
den dunklen Tann’ ein warmes Licht. 
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer 
die Försterin im Herrenzimmer. 

In dieser wunderschönen Nacht 
hat sie den Förster umgebracht. 
Er war ihr bei der Heimespflege 
seit langer Zeit schon sehr im Wege. 

So kam sie mit sich überein:
Am Nicklausabend muß es sein. 
Und als das Rehlein ging zur Ruh’, 
das Häslein tat die Augen zu, 

Erlegte sie – direkt von vor’n 
– den Gatten über Kimm’ und Korn. 
Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase. 

Und ruhet weiter süß im Dunkeln, 
Derweil die Sternlein traulich funkeln. 
Und in der guten Stube drinnen, 
da läuft des Försters Blut von hinnen. 

Nun muß die Försterin sich eilen, 
den Gatten sauber zu zerteilen. 
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen 
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen. 

Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied 
– was der Gemahl bisher vermied –
Behält ein Teil Filet zurück, 
als festtägliches Bratenstück. 

Und packt zum Schluß – es geht auf vier – 
die Reste in Geschenkpapier. 
Da dröhnt’s von fern wie Silberschellen. 
Im Dorfe hört man Hunde bellen. 

Wer ist’s, der in so tiefer Nacht 
im Schnee noch seine Runde macht? 
Knecht Ruprecht kommt mit goldenem Schlitten 
auf einem Hirsch herangeritten! 

„Heh, gute Frau, habt ihr noch Sachen, 
die armen Menschen Freude machen?“ 
Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit: 

„Die sechs Pakete, heil’ger Mann, 
‘s ist alles, was ich geben kann!“
Die Silberschellen klingen leise. 
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise. 

Im Försterhaus die Kerze brennt. 
Ein Sternlein blinkt: Es ist Advent.

Loriot, 7. Dezember 1969

Adventsgedanken

Adventszeit 2021 5 (4)

Sicherlich werde ich Ihnen nichts Neues berichten, wenn ich Ihnen sage, dass wir uns in sehr schweren Fahrwassern befinden. Vielleicht wird es Ihnen aber neu sein, wenn ich Ihnen sage, dass dies sogar aus einer soldatischen Sichtweise heraus der Fall ist. Das wiederum hört sich bestimmt auch für den friedliebendsten Menschen nicht gerade zuversichtlich an, und ist es auch nicht.

Mich selbst stimmt diese Erkenntnis, und dies gerade bei meinem inzwischen siebzehnten Weihnachtsbrief nicht froh und lässt mich nach den 1990er-Jahren in Bosnien und den ersten Adventsaufmärschen von Totalitaristen 2014 in Deutschland nun bereits zum dritten Mal grundsätzlich an der Adventszeit und der dahinterstehenden Idee zweifeln. Relikte des Advents und von Weihnachten selbst werden wohl nur noch in viel zu wenigen Wohnungen Europas zu finden sein. Das Christentum, die Aufklärung, die Europäische Idee und wahrscheinlich auch die Demokratie an sich sind nicht mehr die weltbewegenden Konzepte, die sie einmal waren. Aberglaube, Wissenschaftsfeindlichkeit und totalitäre Ideen kommen bei uns immer mehr in Mode und wirken sich auf unser Zusammenleben aus.

Inzwischen streiten wir uns nicht einmal mehr darüber, wie man eine Pandemie in den Griff bekommen kann, sondern darüber, ob es überhaupt eine gibt. Wir ziehen uns an den kleinsten Kleinigkeiten hoch und beißen uns an den allseits so beliebten „Gender-Sternchen“ fest, nur um nicht die tatsächlichen Probleme unserer Welt in Angriff nehmen zu müssen. Jüngst schreibt unsere Bundespolitik sogar eine uralte föderalistische Forderung halbwegs in das Koalitionspapier, einzig, um bald darauf sagen zu können, „wir sind an diesem Zustand nicht schuld gewesen, wir haben die vergangenen 80 Jahre nicht verschlafen.“

Das wirklich Schlimme daran ist nicht, dass wir Europäer uns nicht einmal mehr über unsere eigenen Werte, Ideen, Verträge und Gesetze einig sind – nicht einmal mehr innerhalb der Bundesrepublik Deutschland –, auch nicht, dass viel zu viele diese überhaupt nicht mehr kennen (wollen), sondern dass wir Europäer, was die tatsächlichen Probleme dieser Welt angeht, überhaupt keine Rolle mehr spielen.

Weder das Klima oder die Weltwirtschaft noch die Demokratie werden in oder durch Europa gerettet werden. Wir Europäer werden den Rest der Welt (über 90 Prozent!) nur noch so lange interessieren, wie wir für die Ärmsten der Armen als erstrebenswerte, letzte noch mögliche Zufluchtsstätte gelten. Gerade ganz aktuell sind oder verlegen Hunderttausende gut ausgebildete, gut trainierte, gut bewaffnete und gut ausgerüstete russische Soldaten an die Ostgrenze der EU, und wir fordern derweil Stacheldrahtzäune gegen halb verhungerte Migranten. Ein schöneres Bild über den Zustand Europas kann man dieser Tage wohl nicht malen – und wir alle müssten froh darüber sein, dass über das Wohl und Wehe Europas längst in Washington und Peking entschieden wird.

Das Amüsante daran ist aber nicht, dass es tatsächlich noch Menschen bei uns gibt, die von einer Supermacht Europa träumen, sondern dass wir Europäer immer erst einmal klären müssen, wer sich an einer Sache bereichern darf und – ganz besonders – wer nicht, bevor wir überhaupt anfangen, uns über Problemlösungen Gedanken zu machen. NEID ist wohl der einzig uns allen gemeinsam verbliebene Wert, jener, der Europa noch zusammenhält – Europa, im NEID geeint.

Da ich inzwischen davon ausgehe, dass ich es nicht mehr selbst erlebe, dass wir Europäer zu einem Motor einer besseren Welt, aber ganz Optimist, dass uns die US-Amerikaner wieder einmal retten werden, kann ich mich ohne Gewissensbisse jenen Menschen widmen, die wie Sie an unserer Europäischen Idee weiterhin festhalten und damit auch an Werten, die immer noch ihre absolute Gültigkeit haben und sich dereinst auch zum Wohle aller durchsetzen werden – es wird dann halt einfach wieder einmal etwas länger gedauert haben.

„There is no ideal Christmas; only the one Christmas you decide to make as a reflection of your values, desires, affections, traditions.“

Bill McKibben, Hundred Dollar Holiday: The Case For a More Joyful Christmas

Adventsgedanken

Adventsgedanken 5 (2)

Foto: Beispielbild | © Pixabay

Der Austritt des Vereinigten Königreichs wird uns Europäer – vor allem dabei unsere britischen Mitbürger – noch länger beschäftigen; jetzt bleibt nur zu hoffen, dass beide Seiten mit einem blauen Auge davon kommen werden.

Wer hätte anfangs des Jahres gedacht, dass für uns alle selbst eine solche Herausforderung von einem anderen Ereignis bei weitem in den Schatten gestellt werden wird, nämlich der Pandemie COVID-19, welche die Welt seit spätestens Ende 2019 in Atem hält und uns in Europa inzwischen das gesamte Jahr über von einem Tiefpunkt in den nächsten führt.

Besonders unsere heutige Lebensweise, und hierbei ganz besonders die Eigenart, dass man für andere kaum mehr Rücksicht nimmt, wird uns mit COVID-19 nicht nur länger als ursprünglich erwartet belasten, sondern auch mehr Opfer als nötig fordern.

Wenn man jetzt einmal von den vielen Toten und Dauergeschädigten absieht und auch nicht daran denkt, dass zudem unsere Wirtschaft und Gesellschaft schwerste Schäden erleiden müssen, weil es ganz offensichtlich europa- und auch landesweit weder geeignete Notfallpläne und Maßnahmen gibt, noch die Verantwortlichen föderale Strukturen zum Vorteil zu nutzen wissen, wird einem klar vor Augen geführt, dass Europa in der Politik eindeutig noch nicht angekommen ist – Wirtschaft und Gesellschaft sind da ohne Frage schon sehr viel weiter!

Auch müssen wir staunend erblicken, wie wenig krisenfest wir inzwischen alle geworden sind, und wie Chancen, die sich in jeder Krise bieten, ungenutzt vorüber ziehen; die Bildungspolitik ist bundesweit dabei wohl das größte Opfer.

Am Schlimmsten aber ist es, mit ansehen zu müssen, wie schwach Demokratie in Europa insgesamt aufgestellt ist! Noch vor Kurzem haben wir uns alle über die Vereinigten Staaten amüsiert, wo ein Trump vier Jahre lang regierte und dabei so schön und unterhaltend von unseren eigenen Mängeln ablenkte.

Jetzt aber haben die amerikanischen Wähler, welche von uns Europäern so gerne als dumm und hinterwäldlerisch gesehen werden, uns klar und deutlich vor Augen geführt, wie Demokratie geht, und ganz nebenbei auch, wie man Föderalismus positiv für alle nutzt.

In Europa hingegen, schaulaufen die Orbans und Co. ungestraft, und dabei seit Jahrzehnten gerne und immer wieder gewählt, wobei sie mit ihrer kriminellen Energie selbst alles in den Schatten stellen, was wir eigentlich sonst von Bananenrepubliken erwarten würden.

Aber auch bei uns bekennen sich nicht mehr alle Parteien ohne Wenn und Aber zur Rechtstaatlichkeit, wie sonst soll man z. B. das Festhalten an der Orban-Partei in einer europäischen Parteienfamilie verstehen.

Zudem wirken sich solche Antidemokraten nicht nur durch ihre Veto-Eskapaden auf unseren eigenen Alltag aus, sie bestimmen mit ihrer antidemokratischen Anhängerschaft selbst bei uns immer mehr die Gesellschaftspolitik.

Auch das Verständnis für Gewaltenteilung und deren Funktion geht insgesamt immer weiter zurück, Gerichte werden inzwischen nicht nur mundtot gemacht und Richter verfolgt – Polen darf hier als prominentes Beispiel dienen –, sondern auch unsere Parlamente von selbst immer stiller.

Wenn uns COVID-19 eines gezeigt hat, dann, dass wir zu unserem eigenen Wohle nur noch zumindest in europäischen Dimensionen denken und handeln dürfen; alles andere ist zu kurz gesprungen: das Après-Ski in Ischgl wirkt sich bei uns in Baden-Württemberg genauso aus, wie z. B. ein Nullprozent Steuersatz für Firmen in Irland. Und auch ein COVID-19-Hotspot Heilbronn wird nicht folgenlos für den Rest Europas bleiben.

Wir benötigen zwingend europäische Konzepte und Lösungsansätze, diese aber föderal angepasst und umgesetzt. Wir benötigen mehr Demokratie und nicht weniger, und die Rechtstaatlichkeit muss uns Europäer einen und nicht entzweien!

Die einzige Grenze Europas ist bekanntlich die Demokratie – diese müssen wir ziehen, selbst dann, wenn sie durch ganz Europa führt!

„Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben, ich kann Euch für den Christbaum, wenn ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann Euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich!“ 

Leopold Figl, Weihnachtsansprache 1945