Dorfidylle

1.12.02022 5 (1)

Beitragsfoto: Dorfidylle | © Shutterstock

Lob

Nachdem das Ordnungsamt aufgehört hat, in der Werderstraße Hochgeschwindigkeitskontrollen durchzuführen, damit auch die üblichen dafür verwendeten Hofeinfahrten freigegeben hat und zudem nun verstärkt Kontrollen durchführt, die tatsächlich den vielen Falschparkern Einhalt gebieten, ist es jetzt auf einmal auch Rettungs- und Versorgungsfahrzeugen möglich, die Werderstraße ohne größere Problem zu nutzen.

Zudem gelang es dem Reinigungsdienst und Gärtnern nun auch die Werderstraße wieder einmal in einen sauberen Zustand zu versetzen. Damit lädt diese Straße — ein richtiges Heilbronner Kleinod — sicherlich auch Auswärtige zum Flanieren und zum Verweilen ein; nicht zum Parken (!), dafür bieten sich weiterhin die Aldi- oder Penny-Parkplätze ganz gut an.

Potemkin

Unsere Berliner Republik ist inzwischen die Platinausführung und dies mit Goldrand und Brillanten eines potemkinschen Dorfes — was einige Mitbürger bereits 1989 vermutet hatten, wir Bonner waren nie so richtig darauf vorbereitet und wurden ganz folgerichtig vom Moloch Berlin verschlungen.

Heute haben wir die teuersten Parlamente der Welt, die teuersten Verwaltungen der Welt, das teuerste Gesundheitssystem der Welt, die teuerste Energieversorgung der Welt, die teuerste Infrastruktur der Welt, die teuerste Landwirtschaft der Welt und auch die teuersten Sozial- wie auch Verteidigungsausgaben der Welt.

Lassen Sie uns aber bitte nicht hinter die Fassaden schauen!

Denn, wenn es zum Schwur kommt, funktioniert nichts so richtig und wir können nur noch deshalb bestehen, weil wir fest in die westliche Welt eingebunden sind — und uns immer noch geholfen wird!

Und damit wir weiterhin die besten der Welt bleiben, fälschen nicht nur unsere Verwaltungen auf Teufel komm raus. Zudem werden Gesetze und Abmachungen so gebogen wie es gerade noch geht und notfalls „temporär“ ausgesetzt oder für nicht verbindlich erklärt.

Damit der Schein auch weiterhin aufrechterhalten werden kann, setzen wir bei uns in Deutschland nun ganz neue Maßstäbe: Pünktlichkeit ist, wen jemand noch die Absicht hat, am vorgesehenen Tag anzukommen. Dies hilft der Bahn zum Beispiel, dass sie überhaupt noch Fahrpläne herausgeben kann.

Ganz aktuell lösen wir das Vorhandensein von halbwegs funktionierendem Internet dadurch, dass, von der Politik so vorgegeben (!), die Provider ganze Straßenzüge — vielleicht sogar ganze Städte — urplötzlich von (nicht vorhandenen) 50 MB auf nichtvorhandene 100 MB Datenrate umstellen. Die letzten Wochen habe ich es vergeblich versucht, die nun anliegenden 100 MB auch nutzen zu wollen. Immer wieder wurde mir dann erklärt, dass es diese zumindest in diesem Straßenzug gar nicht gibt.

Und so erhielt ich gestern von der Werbeabteilung meines Providers erneut die Aufforderung, endlich auf die für mich vorgesehenen 100 MB umzustellen, um dann erneut nach sämtlichen bürokratischen Erledigungen die Mitteilung zu erhalten, dass dies bei mir in der Straße gar nicht möglich ist.

Grigori Alexandrowitsch Potjomkin tanzt in Deutschland inzwischen durch sämtliche Amtsstuben! Und in Kürze, wenn Sie schwer erkranken, tanzt Ihnen ein Mensch im weißen Kittel ihr Krankheitsbild vor und verschreibt ihnen die teuersten Globuli der Welt.

Und bis dahin produziert z. B. die deutsche Waffenindustrie weiterhin die teuersten Panzer der Welt, in die übrigens nur Pygmäen passen, und für unsere Weine müssen weiterhin keine Schadstoffanalysen vorgelegt werden, da Gift in kleinen Dosen bekannter Weise doch gesundheitsfördernd ist, …

Vielleicht wäre der Titel „Tanz auf dem Vulkan“ für diesen Beitrag besser gewesen.

Besprechung

Gestern trafen sich Heiner Dörner, Herbert Burkhardt und ich zu einer Besprechung. Alle Teilnehmer waren vorbereitet, pünktlich und so war die Besprechung auch sehr schnell wieder beendet. Mein Lichtblick des gestrigen Tages!


Stoppuhren

10.11.02022 5 (1)

Beitragsfoto: Stoppuhren | © Pixabay

Hertensteiner Gespräche

Seit 2017 veranstaltet die EUROPA-UNION Heilbronn die Hertensteiner Gespräche in Heilbronn; diese Gespräche sind eine logische Fortsetzung der Gespräche aus dem Jahr 1946 in der Schweiz, welche zum Hertensteiner Programm und letztendlich auch zur Europäischen Union führten.

Die Bedeutung dieser Gespräche wurde sehr schnell europaweit erkannt und dabei auch von manchen bedauert, dass diese nun in Heilbronn und immer noch in deutscher Sprache stattfinden. Inzwischen kommen die Teilnehmer aus allen Teilen Europas und Deutschlands zu den Gesprächen wobei sich die deutsche Sprache etabliert hat, auch wenn bereits englisch- und französischsprachige Unterhaltungen mit zu den Gesprächen gehören.

Da Heilbronn leider aber nicht das europabegeisterte Umfeld bietet, das viele von uns so erhofften, trage ich mich nun mit dem Gedanken, dass wir die Hertensteiner Gespräche ab 2024 in ein europaaffines Umfeld umziehen. Mein Ziel ist es dabei, möglichst noch die kommenden Jahre im näheren Umfeld von Heilbronn zu bleiben, bevor wir die Hertensteiner Gespräche wieder an ihren eigentlichen Ursprungsort zurückbringen werden.

Ach, wie hatte ich es mir doch gewünscht, dass meine Heimatstadt — zumindest deren Bürger — sich mit der Europäischen Idee so anfreunden kann, dass Heilbronn zum idealen und dem europäischen Gedanken auch würdigen Gesprächsort wird. Leider aber, so muss ich es mir selber eingestehen, liegen die Schwerpunkte von uns Heilbronnern ganz woanders. Und so muss es mich auch nicht weiter erstaunen, dass selbst die Experimenta — mit all ihren finanziellen Ressourcen — langsam aber sicher zu einem Ringelpiez mit Anfassen umgebaut wird.

Sonnet 19

Mit meinem „Zeitdiebe-Beitrag“ habe ich gestern Emotionen geweckt, zumindest lassen dies die vielen Reaktionen vermuten. Deshalb lege ich gleich mit einem Gedicht von William Shakespeare nach.

Sonnet 19

Devouring Time, blunt thou the lion’s paws,
And make the earth devour her own sweet brood;
Pluck the keen teeth from the fierce tiger’s jaws,
And burn the long-liv’d phœnix in her blood;
Make glad and sorry seasons as thou fleets,
And do whate’er thou wilt, swift-footed Time,
To the wide world and all her fading sweets;
But I forbid thee one most heinous crime:
O, carve not with thy hours my love’s fair brow,
Nor draw no lines there with thine antique pen;
Him in thy course untainted do allow
For beauty’s pattern to succeeding men.
Yet do thy worst, old Time: despite thy wrong,
My love shall in my verse ever live young.

William Shakespeare, 1609

Und damit es auch ja kein Missverständnis mehr gibt, füge ich noch ein sogenanntes „Carpe-Diem“-Gedicht hinzu. Dieses stammt von Robert Herrick.

To the Virgins, to Make Much of Time

Gather ye rose-buds while ye may, 
Old Time is still a-flying; 
And this same flower that smiles today 
Tomorrow will be dying. 

The glorious lamp of heaven, the sun, 
The higher he’s a-getting, 
The sooner will his race be run, 
And nearer he’s to setting. 

That age is best which is the first, 
When youth and blood are warmer; 
But being spent, the worse, and worst 
Times still succeed the former. 

Then be not coy, but use your time, 
And while ye may, go marry; 
For having lost but once your prime, 
You may forever tarry.

Robert Herrick, The complete poetry of Robert Herrick

Erfreuliches

Am 9. November 2007 beschloss der Deutsche Bundestag endlich auch in Berlin ein Freiheits- und Einheitsdenkmal zu erstellen. Die Initiative dazu ging bereits 1998 von einer kleinen Gruppe aus Politikern, Stadtplanern und Journalisten aus und stand im direkten Zusammenhang mit der Schaffung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas, welches schlussendlich am 10. Mai 2005 feierlich eingeweiht wurde.

Dieses Denkmal aus 2 711 quaderförmigen Beton-Stelen begeisterte nicht nur mich und so war ich hocherfreut als der Bundestag in Berlin auch ein Freiheits- und Einheitsdenkmal aufstellen lassen wollte. Richtig begeistert war ich dann als 2011 eine Stuttgarter Firma mit ihrem Entwurf für eine sogenannte „Einheitswippe“ erfolgreich war.

Aber dann wurde es erst so richtig tragisch, dann nur noch komisch und so hatte ich in den letzten zehn Jahren diesbezüglich noch wundersamere Gespräche mit den verschiedensten Bundestagsabgeordneten. In dieser Zeit wurden in Berlin unzählige Preußen-Denkmäler und weitere Wahrzeichen einer überkommenen Monarchie saniert, aber ganz offensichtlich kein einziges Denkmal für unsere Demokratie errichtet.

Und so hatte ich mich schon damit abgefunden, dass es mit dem Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin wohl nichts mehr werden wird, als am 19. Mai 2020 tatsächlich der Baubeginn erfolgte.

Und gemäß eines Zeitungsberichts der Heilbronner Stimme (10.11.2022: 11) soll das nun als „Bürger in Bewegung“ bezeichnete Denkmal im kommenden Jahr tatsächlich fertiggestellt werden. Berlin plant schon einmal dessen Einweihung für den Herbst 2023 ein — es würde mich nicht wundern, wenn auch dies flughafenmäßig ablaufen wird.

Die Zeit
Es gibt ein sehr probates Mittel,
die Zeit zu halten am Schlawittel:
Man nimmt die Taschenuhr zur Hand
und folgt dem Zeiger unverwandt, 
Sie geht so langsam dann, so brav
als wie ein wohlgezogen Schaf,
setzt Fuß vor Fuß so voll Manier
als wie ein Fräulein von Saint-Cyr. 
Jedoch verträumst du dich ein Weilchen,
so rückt das züchtigliche Veilchen
mit Beinen wie der Vogel Strauß
und heimlich wie ein Puma aus. 
Und wieder siehst du auf sie nieder;
ha, Elende! – Doch was ist das?
Unschuldig lächelnd macht sie
wieder die zierlichsten Sekunden-Pas. 

Christian Morgenstern
Thank You

Gedicht zum gestrigen Tag 5 (1)

Beitragsfoto: Danke | © Oberholster Venita from Pixabay 

Das heutige Gedicht stammt von Henry Timrod, auf den ich erst aufmerksam wurde, als man Bob Dylan vorwarf, von Henry Timrod abgeschrieben zu haben. Timrod hätte sich bestimmt darüber gefreut, wenn Dylan seine Gedichte tatsächlich „vertont“ hätte.

Sonnet: I Thank You

I thank you, kind and best beloved friend, 
With the same thanks one murmurs to a sister, 
When, for some gentle favor, he hath kissed her, 
Less for the gifts than for the love you send, 
Less for the flowers, than what the flowers convey; 
If I, indeed, divine their meaning truly, 
And not unto myself ascribe, unduly, 
Things which you neither meant nor wished to say, 
Oh! tell me, is the hope then all misplaced? 
And am I flattered by my own affection? 
But in your beauteous gift, methought I traced 
Something above a short-lived predilection, 
And which, for that I know no dearer name, 
I designate as love, without love’s flame.

Henry Timrod, Collected Poems of Henry Timrod: A Variorum Edition (2007)

Sehr viel schöner kann man sich wohl kaum bedanken und so nutze ich das Gedicht von Timrod, um den gestrigen Abend, welcher zumindest für mich bis ca. um 4 Uhr ging, nochmals Revue passieren zu lassen.

All jene, die ich gestern nicht namentlich begrüßt habe, bitte ich darum, mir dies nachzusehen. Und jene, die mich schon etwas länger kennen, werden mir dies sicherlich auch verzeihen.

Auf jeden Fall war es ein sehr gelungener Tag, und mein Dank geht deshalb auch an Kerstin und Klaus Brenner mit ihrem Team sowie an Corina Stoll und ihre Mitarbeiter.

Tanzpaar | © Thomas Heiligenmann