Lesezeichen

Schlaf 4.6 (5)

Beitragsfoto: Lesezeichen | © kertlis von Getty Images

Carl Zimmer | The New York Times

Penguins Take Thousands of Naps Every Day — The birds’ impressive ability to nod off may be an adaptation to an environment of constant interruptions. (zuletzt aufgerufen am 5.12.2023, 9.07 Uhr; meine Leser können den Beitrag übrigens kostenfrei lesen)

Dr. Vladyslav Vyazovskiy: “You’re basically spending your life asleep, and you just wake up when it’s needed.”


Bisher blickte ich voller Neid auf Höhlenbären oder Murmeltiere. Nun weiß ich, dass es die große braune Fledermaus ist, die man beneiden sollte.

Die US-amerikanische Heavy Metal-Band Avenged Sevenfold brachte jüngst ihr achtes Album heraus, das den Titel „Life Is But a Dream…“ trägt.

Was mich unweigerlich an Lewis Carroll denken lässt.

Life is but a Dream

A boat, beneath a sunny sky
Lingering onward dreamily
In an evening of July

Children three that nestle near,
Eager eye and willing ear,
Pleased a simple tale to hear

Long has paled that sunny sky;
Echoes fade and memories die;
Autumn frosts have slain July.

Still she haunts me, phantomwise,
Alice moving under skies
Never seen by waking eyes.

Children yet, the tale to hear,
Eager eye and willing ear,
Lovingly shall nestle near.

In a Wonderland they lie,
Dreaming as the days go by,
Dreaming as the summers die;

Ever drifting down the stream
Lingering in the golden gleam
Life, what is it but a dream?

Lewis Carroll

Mancher Leser mag denken, schon wieder ein Gedicht, aber das sind einfach gerade jene Texte, die bei einem hängen bleiben; bei mir reichen die Kapazitäten allerdings für Epen nicht aus — was meine Leser wiederum erfreuen dürfte.

Bevor ich nun auch noch noch auf Edgar Alan Poes „A Dream Within a Dream“ zu sprechen komme, empfehle ich einfach obigen New York Times Artikel zur Lektüre.


Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 4.9 (16)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Die von mir betreuten Schüler aus achten Klassen kamen letzten Freitag allesamt mit einem Adventsgedicht um die Ecke, das ich sofort wiedererkannte. Dieses Gedicht, welches den schlichten Namen „Advent“ trägt, wurde von Loriot am 7. Dezember 1969 zum ersten Mal veröffentlicht und stieß zumindest damals auf mächtige Kritik. 1971 erschien das Gedicht in „Loriots Kleine Prosa“ auch als gedruckter Text.

Ich lernte das Gedicht erstmals Mitte bis Ende der 1970er-Jahre kennen, als es meine Schwester aus der Schule mitbrachte. Inzwischen dürfte der Umgang mit diesem Gedicht allseits etwas entspannter gewesen sein, denn es war zum einen Schulstoff und wir beide fanden es zum anderen ziemlich lustig. So lustig, dass wir es zusammen im Advent unseren Eltern vortrugen. Ob wir beide damals die Sprengkraft dieses Gedichts erkannten, darf bezweifelt werden, aber eines ist sicher, wir benötigten nicht lange, um es auswendig vortragen zu können.

Und diesem Umstand ist es wohl geschuldet, dass das Gedicht auch heute noch an Schüler ausgeteilt wird. Einen Unterschied gibt es dabei allerdings: wenn das Vortragen des Gedichts damals benotet wurde, dann, indem man es nicht nur vollständig vorsagen konnte, sondern dieses dann auch noch mit einer entsprechenden Intonation versehen — möglichst auch die Paarreime und Jamben berücksichtigend.

Heute gibt es gemäß dem ausgeteilten Textblatt eine 4 für die erste, eine 3 für die zweite, eine zwei für die dritte und eine 1 für die vierte Strophe. Den Rest des Gedichts traut man den Schülern schon gar nicht mehr zu! Die von mir betreuten Schüler wollten nur eine 4 erzielen, ich konnte sie zu einer 3 ermutigen. Und einer war sogar in der Lage, um eine 2 in Erwägung ziehen zu können.

Was mich dann doch ein wenig erstaunte, war, dass keiner der Schüler das Gedicht als lustig empfand. Als ich ihnen die Bedeutung des Gedichts erklärte und vor allem dabei auch die etwas schwierigeren Worte in einfaches Deutsch übersetzte, fanden sie dieses Gedicht nur noch ekelig.

Knapp 40 Jahre lassen einen gewaltigen Unterschied zwischen den Schülergenerationen erkennen. Und so war es von den Lehrern, die dieses Gedicht ausgesucht haben — wohl anlässlich des hundertsten Geburtstags von Bernhard-Viktor von Bülow (Loriot) — sicherlich gut gemeint, aber leider nicht von Erfolg gekrönt.

Nun hoffe ich, dass meine Leser etwas mehr Gefallen am Gedicht finden. Ich versuche derweil meiner besseren Hälfte nicht allzu sehr bei der Heimespflege im Wege zu sein — was auch schon wieder völlig aus der Zeit gefallen ist!

Advent

Es blaut die Nacht. Die Sternlein blinken. 
Schneeflöcklein leise niedersinken. 
Auf Edeltännleins grünem Wipfel 
häuft sich ein kleiner weißer Zipfel. 

Und dort, vom Fenster her durchbricht 
den dunklen Tann’ ein warmes Licht. 
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer 
die Försterin im Herrenzimmer. 

In dieser wunderschönen Nacht 
hat sie den Förster umgebracht. 
Er war ihr bei der Heimespflege 
seit langer Zeit schon sehr im Wege. 

So kam sie mit sich überein:
Am Nicklausabend muß es sein. 
Und als das Rehlein ging zur Ruh’, 
das Häslein tat die Augen zu, 

Erlegte sie – direkt von vor’n 
– den Gatten über Kimm’ und Korn. 
Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase. 

Und ruhet weiter süß im Dunkeln, 
Derweil die Sternlein traulich funkeln. 
Und in der guten Stube drinnen, 
da läuft des Försters Blut von hinnen. 

Nun muß die Försterin sich eilen, 
den Gatten sauber zu zerteilen. 
Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen 
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen. 

Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied 
– was der Gemahl bisher vermied –
Behält ein Teil Filet zurück, 
als festtägliches Bratenstück. 

Und packt zum Schluß – es geht auf vier – 
die Reste in Geschenkpapier. 
Da dröhnt’s von fern wie Silberschellen. 
Im Dorfe hört man Hunde bellen. 

Wer ist’s, der in so tiefer Nacht 
im Schnee noch seine Runde macht? 
Knecht Ruprecht kommt mit goldenem Schlitten 
auf einem Hirsch herangeritten! 

„Heh, gute Frau, habt ihr noch Sachen, 
die armen Menschen Freude machen?“ 
Des Försters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit: 

„Die sechs Pakete, heil’ger Mann, 
‘s ist alles, was ich geben kann!“
Die Silberschellen klingen leise. 
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise. 

Im Försterhaus die Kerze brennt. 
Ein Sternlein blinkt: Es ist Advent.

Loriot, 7. Dezember 1969

Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 5 (7)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Heute ist Totensonntag und die Kirchenglocken sind längst verklungen. Eigentlich wollte ich mir heute eine kleine Auszeit gönnen und Kraft für die restlichen Wochen des Jahres schöpfen. Vielleicht nur kurz einmal über das letzte Protokoll einer Sitzung schauen, einen Beitrag über eine Veranstaltung schreiben und den Tag beim Tanzen ausklingen zu lassen.

Auch weiß ich, dass Detlef Stern großes Verständnis dafür hat, dass ich unser letztes sehr nettes Gespräch und auch über dessen Ergebnis nicht schreibe, denn u. a. hatten wir über das Kürzertreten gesprochen. Dann aber sitze ich so gemütlich am Tisch, erfreue mich an den Leckereien, die meine bessere Hälfe aufgetischt hat, und schon strömen die unterschiedlichsten Wortfetzen bei mir zusammen, die mir seit Freitag zu Gehör kamen. „Blauäugigkeit“ (Thomas Zimmermann), „tendenziös“ (Thomas Randecker), „grundsätzlich“ (Rainer Hinderer), „gemeinsam“ (Herbert Burkhardt) und „Lore-Ley“ (Hans Müller).

Wie schon geschrieben, die Kirchenglocken sind schon längst verklungen und wir haben allesamt wirklich riesige, gar weltbewegende und alleine kaum lösbare Probleme auf dem Tisch liegen, darunter eine paar waschechte Kriege, eine unvergleichbare Umweltkatastrophe — wenn man die Dinosaurier einmal außen vor lässt — und daraus resultierende gesamtwirtschaftliche Herausforderungen, welche die eigenen persönlichen Probleme und Herausforderungen wie auch die aus dem nächsten Umfeld klein erscheinen lassen müssten. Aber es sind gerade diese kleinen lokalen und uns persönlich betreffenden Probleme, die uns tatsächlich bewegen. Und so lange wie wir uns weiterhin mit Schuldenbergen, Raubbau und gegenseitigen Schuldzuweisungen aushelfen können, werden die wirklichen lebensbedrohlichen Probleme einfach ausgeblendet.

Ich konnte das noch nie — einer meiner größeren Fehler — und wollte deshalb einfach nur eine kleine Auszeit von meinen (lokalen) Problemchen nehmen. Unsere drei großen und miteinander verwandten Religionen helfen dabei schon lange nicht mehr, ganz im Gegenteil, anstatt in diesen Zeiten alle an einem Strang zu ziehen und ihre wenigen tatsächlich existierenden Gläubigen für ihre gemeinsame Sache unter einen Hut zu bringen, schüren sie allesamt — hier lasse ich das Judentum in Deutschland aber außen vor, da dieses leider bei uns kaum bis keine Bedeutung mehr hat — das Feuer. Und seit diesem Freitag schürt die Heilbronner Stimme wieder heftig mit.

Ich befürchte, dass, wenn Rabbiner, Priester, Pfarrer und Imame in diesen wirklich schlimmen Zeiten nicht unisono zumindest hier bei uns auf lokaler Ebene zusammenstehen und ihre noch vorhandenen Schäfchen zusammenführen, um einen zumindest temporären Burgfrieden einzuklagen, dann benötigen wir diese allesamt nicht mehr. In Tagen, wo wirklich alles bei uns schiefzulaufen scheint, streiten wir uns jetzt dieses Wochenende wieder einmal über den Neubau einer Moschee. Und ich kann froh sein, dass unsere jüdischen Mitbürger nicht auf eine Synagoge bestehen — Heilbronn würde vermutlich brennen!

Religionen könnten die Welt tatsächlich etwas besser machen — viele ihrer offiziellen Vertreter machen das Gegenteil. Demokratie würde die Welt verbessern — viele ihrer offiziellen Vertreter machen das Gegenteil. Wir Menschen könnten ein Paradies auf Erden schaffen — viele von uns machen das Gegenteil!

Und so hämmern mir die Worte Heinrich Heines durch den Kopf „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ — Hans Müller kam darauf, bereits vor Tagen zu sprechen. Heinrich Heine schuf 1824 das Gedicht von der „Lore-Ley“, welches ein zentrales Motiv der Romantik, das Vanitas-Motiv, behandelt. Der Vanitas-Gedanke stammt aus dem Alten Testament, hatte seinen Höhepunkt sicherlich im Barock, aber dennoch auch heute seine Gültigkeit: hinter der Maske der Schönheit (auch bei uns in Heilbronn) lauert der Tod.

Friedrich Silcher vertonte das Heinrich-Heine-Gedicht bereits 1837 und machte es damit sehr schnell allgemein bekannt. Wie Hans Müller schrieb, selbst die Nationalsozialisten konnten es nicht mehr aus der Welt schaffen.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin; 
Ein Märchen aus alten Zeiten, 
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt, 
Und ruhig fließt der Rhein; 
Der Gipfel des Berges funkelt 
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet 
Dort oben wunderbar; 
Ihr goldnes Geschmeide blitzet, 
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme 
Und singt ein Lied dabei; 
Das hat eine wundersame, 
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe 
Ergreift es mit wildem Weh; 
Er schaut nicht die Felsenriffe, 
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen 
Am Ende Schiffer und Kahn; 
Und das hat mit ihrem Singen 
Die Lore-Ley getan.

Heinrich Heine, Buch der Lieder (1827)