Kleiderallianz

Ich gebe gerne zu, dass ich selbst kein Dressman bin und immer sehr froh darüber war, dass es mir mein Arbeitgeber mit der Kleiderwahl sehr einfach machte.

Noch heute trage ich meine Kleider bis sie mir entweder vom Leibe fallen oder ich diese nicht mehr im Kleiderschrank finde; ich vermute stark, dass meine Frau immer wieder einmal ausmistet, obwohl ich sie bisher noch nie auf frischer Tat ertappen konnte.

Mein schönstes Erlebnis beim Kleiderkauf hatte ich in Afrika, als ich dort überraschend Zivilkleidung benötigte und diese dann in einem Slum-Kaufhaus unvorstellbarer Größe beschaffen konnte. Ich traute meinen Augen kaum, und hätte sicherlich alle meine alten Klamotten wiedergefunden, wenn nur etwas länger Zeit zum Suchen vorhanden gewesen wäre. Als ich Monate später stolz die neuen Schätze meiner besseren Hälfte präsentierte, rümpfte diese nur die Nase, und sie verschwanden wie magisch alsbald wieder aus meinem Kleiderschrank.

Jüngst konnte ich gar einen Halbschuh besohlen lassen, den ich 1983 gebraucht von der Bundeswehr erwarb. Und auch meine Bergstiefel haben dank des hervorragenden Service von Meindl schon etliche Jahre auf dem Buckel.

So ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass ich dem Rummel um immer neue und ausgefallenere Kleider nichts abgewinnen kann. Froh bin ich zudem, dass meine bessere Hälfte schon immer gerne Second Hand trägt, denn nur wenn sich jeder ein wenig selber einschränkt, kann man in der Welt etwas verändern.

Egal wie man auch selbst zur Mode steht, ob es für einen ein lebensbestimmendes Mittel der Selbstverwirklichung oder eine zwingende Notwendigkeit ist, um Karriere zu machen, eines ist dabei unstrittig, wir haben insgesamt bei weitem zu viele Kleidungsstücke in den Läden, in den eigenen Schränken, auf Lager oder gar Halden. Die Kleiderflut, die meist sehr günstig aus Asien zu uns strömt und letztendlich die Kleiderproduzenten in den ärmeren Gegenden dieser Welt ruiniert, ist weder nachhaltig noch gesamtwirtschaftlich sinnvoll.

Aber man muss auch zugeben, dass inzwischen sehr viele Menschen von und an dieser Verschwendung verdienen, meist sind es Mitbürger aus den alteingesessenen Industrieländern. Nur muss irgendwann irgendwer letztendlich die Zeche für solches Wirtschaften zahlen. Wer dabei glaubt, dass wir es nicht sind, der irrt sich gewaltig. Nur ein Beispiel aus eigenem Erleben. Vor ca. zehn Jahren lernte ich eine Modedesignerin mit einer eigenen Manufaktur in Afrika kennen. Sie war erfolgreich und veranstaltete mit einer Freundin auch regelmäßig gut besuchte Modeschauen. Zehn Jahre später lebt sie nun in Bayern und ihre Freundin im Vereinigten Königreich. Beide wurden Opfer unserer Kleiderflut nach Afrika und ihnen blieb nur die Flucht nach Europa, um überleben zu können; unisono würden beide noch heute lieber selber ihren Unterhalt zuhause in Afrika verdienen als in Europa „betteln“ zu müssen.

Dies seit Jahren erkennend, müssten wir alle eigentlich umsteuern. Leider glauben die meisten von uns, dass sie selber weder etwas Falsches machen, noch daran, dass sie überhaupt auf irgend etwas verzichten müssten.

Das eigentlich Gute am Umsteuern in Sachen Kleiderflut ist, dass so gut wie niemand verzichten müsste, und selbst die Billig-Produzenten ausreichend Zeit hätten, um ihre Geschäftsmodelle an die neuen Gegebenheiten anzupassen, zumal dieser Prozess mehrere Jahre, wenn nicht gar länger, in Anspruch nähme.

Ich nenne meinen entsprechenden Vorschlag „Kleiderallianz“ und glaube auch, dass dieser, erst lokal und später gut untereinander vernetzt, funktionieren könnte.

Wir sollten den bereits bestehenden Second Hand Markt stärken, attraktiver gestalten und die unterschiedlichen Handelsmodelle so miteinander verknüpfen, dass zum einen jene, die darauf angewiesen sind profitieren und zum anderen, der tatsächlich auch vorhandene Kleidermüll nicht exportiert, sondern aus dem Markt genommen wird und damit möglichst als Rohstoff für andere Produkte weiterverwendet werden kann.

Gute Kleidungsstücke erhalten entsprechend auch für den Konsumenten einen Wiederverkaufswert und werden damit zur allseits anerkannten Handelsware, was wiederum die Akzeptanz von Second Hand bei den Nutzern insgesamt erhöht.

Damit erhöht sich die Qualität der Ware und senkt mittel- bis langfristig auch die Quantität, wobei ich vermute, dass die hohen Gewinnmargen von den Großproduzenten und -händlern zu den Zwischenhändlern fließen und damit einen krisenfesten Markt schaffen werden.

Die von mir intentierte Kleiderallianz sammelt mit ihren teilnehmenden Firmen, Stiftungen, Organisationen, Kirchen und Vereinen weiterhin die Kleidungsstücke dezentral, sortiert (Müll bzw. Kleidung), katalogisiert die Stücke und stellt diese auf einer gemeinsamen digitalen Plattform zu Verfügung. Damit ist sichergestellt, dass gute Kleidungsstücke auch ihre Abnehmer finden und nicht jahrelang in irgendwelchen Kellern vergammeln.

Kunden von Hilfsorganisationen werden beim Einkauf automatisch rabattiert, und die Kleidungsstücke ggf. an die nächstgelegenen Läden, Verkaufs- oder Abgabestellen geliefert. Zudem besteht die Möglichkeit, dass man sich die Kleidungsstücke auf eigene Kosten nach Hause schicken lassen kann.

Wenn das Ganze dann attraktiv auf einer Website beworben, vorgestellt und verkauft wird, kommen sicherlich weitere und auch sehr zahlungskräftige Käuferschichten mit hinzu, denn einem guten Kleidungsstück sieht man nicht an, ob der Träger dieses selber zwei Jahrzehnte lang oder wie viele glückliche Vorbesitzer es bereits vorab getragen haben.

„Over the years I have learned that what is important in a dress is the woman who is wearing it.“

Yves Saint Lauren (1936 – 2008)


Grundeinkommen

Pieter Brueghel der Ältere (1567)

Seit ein paar Jahren wird die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens immer beliebter, auch ich konnte mich anfangs sehr dafür erwärmen. Wenn aber etwas zu gut klingt, um überhaupt wahr zu sein, sollte man das Ganze doch nochmals etwas näher betrachten.

Grob erklärt, soll jeder Bürger und wohl auch jede im Land bzw. der Europäischen Union lebende weitere Person auf ein noch in der Höhe zu bestimmendes und wohl immer wieder auch zwingend anzupassendes Grundeinkommen verfügen, welches aus dem Gesamthaushalt der Bundesrepublik, der anderen teilnehmenden Staaten oder ggf. auch aus dem Etat der Europäischen Union — was insbesondere dann für Länder zutrifft, die noch nie in der Lage waren, um sich selbst zu finanzieren — kommt.

Die derzeit gängige Meinung ist, dass sich das bedingungslose Grundeinkommen aus der zusätzlichen Besteuerung von Waren und Dienstleistungen und aus weiteren Abgaben von jenen finanziert wird, welche wohl in der Mehrheitsmeinung bei weitem viel zu viel Geld besitzen. Das Totschlagargument ist dabei aber, dass das bedingungsloses Grundeinkommen alle anderen Transferzahlungen des Staates an die Bürger und weitere im Land lebende Personen ersetzen soll und damit seine Finanzierung realisierbar sei.

Auch wenn ich kein Experte in Finanzsachen bin, habe ich bereits bei der Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens so meine Bedenken. Die wären zum einen, dass es sich bei der zusätzlichen Besteuerung von Reichen eher um eine einmalige Aktion handeln kann, da diese damit ihre finanziellen Ressourcen verlieren oder auch nicht mehr neu generieren werden. Und zum anderen wird der Staat kaum die Lenkungsfunktion von Transferzahlungen freiwillig aus den Händen geben, so dass zum bedingungslosen Grundeinkommen weitere Transferzahlungen, wie z.B. Kindergeld, Fahrkostenzuschüsse, Baugeld, Klimaschutzbeihilfen oder wie sie alle heißen mögen, hinzukommen werden — und damit alleine ist bereits die Finanzierbarkeit eines bedingunslosen Grundeinkommens in Frage gestellt.

Unabhängig von der Finanzierbarkeit eines Grundeinkommens stelle ich mir die Frage nach seiner Wirksamkeit. Dass, positiv betrachtet, der Staat damit seine Lenkungsfunktion auf uns Bürger einschränkt, kann ich zwar nur für gut befinden, glaube aber eher daran, dass, negativ betrachtet, der Staat damit im besten sozialistischen Grundverständnis, seine Machtfunktion über die Bürger weiter ausbauen möchte und der Selbsbestimmung weitere Riegel vorschiebt, zumal die Höhe des bedingungslosen Grundeinkommens eine rein politische Entscheidung sein wird, die sich wohl kaum an den tatsächlichen Bedürfnissen der Bürger oder anderer im Land lebender Personen ausrichtet.

Und dies ist genau die Kernfrage des Grundeinkommens, wem nutzt es tatsächlich?

Den Leistungsträgern unter uns wird es zusätzliche Finanzhilfen an die Hand geben, um noch besser ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Wahrscheinlich ist dies auch die Hoffnung und der Grund, warum das bedingungslose Grundeinkommen auf den ersten Blick für viele so attraktiv erscheint; auch ich würde mich über ein paar Hundert Euro im Monat mehr sehr freuen, da ich diese dann nach Lust und Laune verprassen oder auch mal etwas völlig anderes machen könnte. Und das Schöne daran wäre noch, dass für Bürger wie mich, die Höhe eines Grundeinkommens eigentlich gar keine existentielle Bedeutung hätte — also für mündige Bürger erstmals eine Win-Win-Situation.

Auch für Arbeitgeber hat ein bedingungsloses Grundeinkommen eigentlich nur gute Seiten, denn es entlastet die Unternehmen und bietet darüber hinaus die Chance, Arbeit noch kostengünstiger als bisher zu machen, da jeder Arbeitnehmer durch das Grundeinkommen gestärkt, nicht mehr unbedingt auf eine adequate Entlohnung seiner Arbeit angewiesen ist, und damit den Tarifpartnern ganz neue Verhandlungspositionen eröffnet werden. Hier sehe ich aber auch eine Hintertür, welche sich sozialistische Träumer mit dem Grundeinkommen offen lassen, nämlich, dass sie genau mit diesem Argument nicht nur die Höhe des Grundeinkommens politisch festlegen, sondern in Folge davon auch die Höhe eines jeden Arbeitslohns politisch zementieren — und damit die Marktfunktion völlig abschaffen wollen.

Des Pudelskern der Frage ist aber, wem nutzt das bedingungslose Grundeinkommen denn überhaupt nicht? Und das sind die Schwächsten in allen Gesellschaften, nämlich die unmündigen Bürger selbst. Auf den Punkt gebracht, auch wenn wir es in unserer sozialen Marktwirtschaft und mit Hilfsprojekten vollgestopften Gesellschaft nicht mehr wahrhaben wollen, es gibt immer noch viele Bürger, die mit Geld nicht eigenständig wirtschaften können und auch mit einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht mündig werden.

Da ein bedingungsloses Grundeinkommen damit aber die Kluft zwischen jenen Bürgern, die sich mit diesem persönlich weiterentwickeln und gerade jenen, die auch selbst damit nichts Produktives machen können, weiter vertieft, wird in Folge davon ein Prekariat zementiert, aus welchem es kein Entrinnen mehr geben kann.

Es sei denn, dass der Staat entgegen der eigentlichen Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens, dem Prekariat noch mehr und noch umfassendere Transferzahlungen zugesteht, was letztendlich insgesamt zu einer inflationären Entwicklung führen wird, welche jede Gesellschaft und auch die Marktwirtschaft überfordert und zumindest mittelfristig die soziale Marktwirtschaft mit allen ihren nicht zu vernachlässigenden Vorzügen abschafft. Ich möchte jetzt nicht darüber spekulieren, was danach kommen wird: realer Sozialismus oder Rauptierkapitalismus.

Auch wenn man sich selbst zu den möglichen Gewinnern eines bedingungslosen Grundeinkommens zählt, gebe ich zu bedenken, dass es für uns alle insgesamt und vor allem jenen, die auf unsere Hilfe eigentlich angewiesen sind, nichts hilft, und wir deshalb, anstatt auf die Idee eines Grundeinkommens zu bauen, die Ursachen von Unmündigkeit und Armut bekämpfen sollten.

Deswegen fordere ich anstatt eines bedingungslosen Grundeinkommens die Bildungspflicht für alle, und neue Ideen, wie man bildungsresistente Mitbürger und deren Kinder besser betreuen und begleiten kann.


Wer möchte, kann gleich in den Foren des Europastammtisches über ein bedingungsloses Grundeinkommen mitdiskutieren.

„The goal of the future is full unemployment, so we can play. That’s why we have to destroy the present politico-economic system.“

Arthur C. Clarke, interview with Los Angeles Free Press (25. April 1969: 42–43)