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Lichtgestalten & Schattenkrieger

Diesen beiden Politikerarten ist eines gemeinsam, sie haben meistens keinen Schimmer, um was es eigentlich geht und auch keine wirkliche Lust, sich in die Inhalte und Sachverhalte einer Thematik und der folgenden Diskussion einzuarbeiten.

Erstere lieben und zelebrieren den eigenen Auftritt und sei es auch nur in den Gemeinschaftstoiletten von Kongresszentren. Letztere hängen an der „Macht“ wie J.R.R. Tolkiens Gollum am Ring und sind wirklich zu allem bereit.

Wenn sich Politiker dieser beiden Konstellationen zusammenraufen oder gar in der ein und derselben Person wiederfinden, dann steht deren Karrieren nichts mehr im Wege. Andere Politiker, die sich schon einmal bei der Begegnung mit Lichtgestalten oder Schattenkriegern die Finger verbrannten, und diesen Zusammenstoß dann auch überlebten, meiden eine weitere Begegnung mit diesen wie der Teufel das Weihwasser und sorgen stets dafür, dass diese Parteikollegen oder Genossen möglichst schnell in die höchsten Ämter gelangen, nur damit in den eigenen Politikerreihen möglichst wenig Schaden angerichtet wird. Um dies zu erreichen, werden gerne Ehrenamtliche oder parlamentarische Mitarbeiter massenweise geopfert, so wie es bei den ersten Hochkulturen am Anfang unserer Geschichte schon guter Brauch und Usus war.

Ich selbst wurde in eine parteipolitisch sehr engagierte Familie hineingeboren und deshalb schon im Kleinkindalter von einer entsprechenden Veranstaltung zur anderen geschleppt. Deswegen konnte ich früher und besser Plakate kleben als jemals Fußballspielen. Deswegen fand ich mich aber auch sehr früh, als vielleicht sonst üblich, in Parteifunktionen wieder, und wurde dabei aber auch immer um eine Begegnung mit vermeintlichen Lichtgestalten und Schattenkriegern herum manövriert.

Als es dann doch einmal zu einer solchen Begegnung kam, fiel ich noch unter den „Welpenschutz“, der zumindest in „meiner“ damaligen Partei noch Ehrensache war.

Leider habe ich daraus die falschen Lehren gezogen und wurde erst bei späteren Begegnungen ein wenig schlauer, was übrigens zu zwei Dingen führte: erstens, wenn schon „Kampf bis aufs Messer“, dann mit Regeln und Anstand, und so wurde ich Soldat. Zweitens gab ich mein Parteibuch zurück und fing an, mich überparteilich politisch zu betätigen, wo es in erster Linie noch um Inhalte ging.

Über Jahre hinweg, nämlich als ich mich politisch rein auf der Arbeitsebene bewegte, blieben mir weitere Begegnungen mit Lichtgestalten oder Schattenkriegern erspart, weil sich diese sehr selten in solche Niederungen verirren und wenn doch, dann nur, um ein weiteres Pöstchen abzugreifen und anschließend schnell wieder in höhere Sphären zu entschweben.

Als ich selber gefragt wurde, ob ich mehr Verantwortung auf Kreisebene übernehmen wolle, wurde ich gleich darauf auch gefragt, ob ich dazu auch auf Landesebene bereit wäre. Mein Vorgänger im Amt riet mir umgehend davon ab, da es zwar dort keine Lichtgestalt gäbe aber doch den ein oder anderen Schattenkrieger. Gerne habe ich diesen Rat und deswegen bis heute keinen noch so schön klingenden Posten außerhalb der Kreisebene angenommen.

Leider kann man es nicht verhindern, dass man älter wird, und so kam ich altersbedingt beruflich in Positionen, die es unmöglich machten, mich von Lichtgestalten und Schattenkriegern fernzuhalten. Als ich dann feststellen musste, dass es sich bei den betreffenden Politikern nur noch um Lichtgestalten handelte, in einem Falle durfte ich auch einen „Zwitter“ erleben, und diese inzwischen auch begannen, Soldaten, wie Ehrenamtliche und parlamentarische Mitarbeiter auch — schon alleine für gute Pressefotos –, zu opfern, zog ich für mich die Konsequenzen und ging in den vorzeitigen Ruhestand.

Nunmehr mit viel Freizeit „beglückt“, widmete ich mich verstärkt der Verbandsarbeit, nur um festzustellen, dass der immer weiter um sich greifende Rückzug der Arbeitsebene aus den, für Lichtgestalten und Schattenkrieger so attraktiven, Gremien immer mehr dazu führt, dass sich die pressewirksamen Verlautbarungen der Lichtgestalten immer weiter von der verbandsinternen Realität entfernen und die Schattenkrieger solche Diskrepanzen auch bewusst in Kauf nehmen, da sie ihre eigenen Positionen nur noch weiter stärken.

Vor ein paar Jahren wurde mir dies wieder voll und ganz bewusst, als ich ganze zwei Jahre lang damit verbrachte, einen „Beschluss“ auf Kreisebene vorzubereiten, durch sämtliche Ebenen zu tragen, wobei ich geflissentlich bemüht war, unterwegs auch keinem Schattenkrieger auf die Füße zu treten, und abschließend den Beschluss auch soweit hatte, dass dieser von den anderen Landesverbänden mitgetragen werden konnte.

Nach dem, nunmehr kurz bevorstehenden, Beschluss unseres nun gemeinsamen Antrages, wollte ich dann mit meinen wichtigsten Unterstützern das Ganze am bereits aufgebauten Buffet im Foyer feiern, als sehr überraschend — weil so gut wie nie anwesend — eine sehr schwergewichtige Lichtgestalt das Plenum betrat, ganz offensichtlich schlecht gelaunt, weil zu früh zum Buffet erschienen, und sichtbar immer schlechter gelaunt, weil von den beratenden Delegierten nicht angemessen wahrgenommen, ungefragt das Wort ergriff, sich zum in Europa maßgeblichen und einzigen Fachmann in genau dieser Sache erklärte, schwerwiegende Bedenken äußerte ohne diese aber zu artikulieren, und damit in keinen 30 Sekunden zwei Jahre Verbandsarbeit begrub.

Ich versuchte ihn noch am Buffet zur Rede zu stellen, was ihn nur soweit interessierte, da ich ihn ganz offensichtlich bei seiner Völlerei störte. Nach dem Essen war er dann genau so schnell wieder verschwunden, wie er erschienen war. Mit begegnete dieser Herr nur noch einmal und zwar bei meiner Recherchearbeit in einem Verbandsarchiv, als ich einen bitterbösen Brief von ihm fand, indem er seinen Austritt aus unserem Verband erklärte, weil er in seinen Augen nicht richtig wahrgenommen werde.

Eigentlicher Anlass meines heutigen Beitrages ist aber der Verlust unseres Generalsekretärs auf Europaebene, einem sehr feinen, sehr engagierten und auch sehr kompetenten Mitstreiter. Ich lernte Paolo Vacca kennen als er Europavorsitzender unseres Jugendverbandes wurde. Das machte er erstaunlich gut und viele waren überrascht, dass er nicht in die Berufspolitik ging, sondern, ganz militanter Föderalist, beruflich eigene Wege einschlug und dabei auch sehr erfolgreich ist. Aber er blieb unserem Verband treu und übernahm darüber hinaus ehrenamtlich die Funktion des Generalsekretärs. Obwohl nur von Lichtgestalten und Schattenkriegern umgeben, konnte er deren Unvermögen meist ausgleichen und im Falle von schwerwiegenden Schäden, diese auch immer wieder beheben — rein ehrenamtlich und unentgeltlich!

Leider wurde Paolo Vacca gestern das Opfer einer Intrige, die selbst den hartgesottensten Ehrenamtlichen kalte Schauer über den Rücken treibt, aber nunmehr auch die Frage aufwirft, ob man sich als Ehrenamtlicher selbst noch schützen kann.

Ich sehe den Schutz darin, dass man in allen politischen Parteien, Verbänden und Gruppierungen die Basis stärkt, und nur Mitglieder in weiterführende Gremien oder Vorstände entsendet, die sich bereits für alle nachweislich ihre Meriten auf der Arbeitsebene selbst verdient haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies von Anfang die Anzahl der Lichtgestalten und Schattenkrieger eingrenzt und nur jenen eine Chance lässt, sich „selbst zu verwirklichen“, die zuvor auch einmal etwas für den Verband und die Gemeinschaft geleistet haben. Zumindest haben sie später einmal eine vage Vorstellung davon, was sie alles aus Unvernunft und reinem Egoismus mit ihren Hintern einreißen, nämlich Ergebnisse und Errungenschaften, die viele andere zuvor mühsam aufgebaut haben.

„The shifty language of politics, … that strange language full of Maya and falsities of self-illusion and deliberate delusion of others, which almost immediately turns all true and vivid phrases into a jargon, so that men may fight in a cloud of words without any clear sense of the thing they are battling for …“

Aurobindo Ghose (September 1918)
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Europatage

Seit 31 Jahren ist es der erste Europatag, an dem meine bessere Hälfte und ich nicht mit der Ausrichtung des Treffpunkts Europa beschäftigt sind; deshalb war das Aufstehen heute Morgen auch sehr ungewohnt, und wir konnten beide auch eine gewisse Leere verspüren. Auch wenn wir heute durch einige Videokonferenzen gebunden sind, so regt dieses Fehlen eines Fests der Völkerverständigung doch verstärkt zum Nachdenken an.

Deshalb schreibe ich auch heute zwischen den Konferenzen, die sich alle sehr unterschiedlich mit dem Thema „Europatag“ auseinandersetzen, über die Europatage der beiden heutigen Europas, nämlich dem Europarat und der Europäischen Union. Um das Ganze nicht zu überfrachten, lasse ich dabei die NATO (4. April) und die Vereinten Nationen (24. Oktober) aus dem Spiel.

Die regelmäßigen Leser meines Blogs werden feststellen, dass das Thema „Europatag“ von mir seit inzwischen 15 Jahren aus den unterschiedlichsten Blickrichtungen heraus betrachtet wird; der erste entsprechende Beitrag dürfte wohl aus dem Jahr 2006 stammen.

Der erste richtige, weil auch von der gesamten Bürgerschaft Europas wahrgenommene Europatag war dabei der 5. Mai, der sich auf die Gründung des Europarats in Straßburg am 5. Mai 1949 bezog. Ursprünglich wurde der Europatag aber von der europäischen Gemeindeorganisation auf den zweiten Mittwoch im März festgelegt und war nie sehr populär.

Mit der vom französischen Außenminister Robert Schuman am 9. Mai 1950 gehaltenen Rede, die die heutige Europäische Union initiierte, kam ein weiterer Tag hinzu, der ebenfalls und mit voller Berechtigung als Europatag gefeiert werden konnte.

1965 einigten sich dann die Vertreter von Europarat und den damaligen Europäischen Gemeinschaften, die mit dem „Fusionsvertrag“ 1965 entstanden, auf den 5. Mai als gemeinsamen Europatag der beiden Europas. Die damalige Begründung war sehr einfach, da sie dem Europatag des größeren Europas den Vortritt gab.

Über 20 Jahre hinweg wurde der 5. Mai dann in ganz Europa als Europatag begannen, konnte dabei meines Wissens aber nie den Status eines Feiertages erlangen.

Als 1985 Bundespräsident Richard von Weizsäcker den 8. Mai 1945 ganz offiziell auch für Deutschland nicht nur als Tag der Kapitulation und Niederlage, sondern auch als Tag der Befreiung Deutschlands von der Nazi-Herrschaft anerkannte, kam es in Europa zu einer weiteren fundamentalen Veränderung, die im ersten Vertrag von Schengen resultierte, mehrheitlich die Europäer dazu bewegte, die Römischen Verträge ändern zu wollen und zudem den 9. Mai als neuen Europatag festlegte, der dann erstmals 1986 als solcher offiziell begangen wurde.

Für mich gehört aber auch der Beginn der Perestroika, die Michail Gorbatschow 1986 einleitete, dazu, denn 40 Jahre nach Kriegsende in Europa hatte Europa insgesamt mit der Rede Weizsäckers eine ganz neue Qualität erreicht und begann die letzten totalitären Gedankengänge abzuschütteln.

Eingedenk der Tatsache, dass gestern und heute am 9. Mai 2020 viele Europäer dem Kriegsende und dem Verlust an Menschen in Europa gedenken, rufe ich uns allen in Erinnerung, dass zwar am 8. Mai der Zweite Weltkrieg in Europa endete, aber mit Hiroschima am 6. August 1945 und Nagasaki am 9. August 1945 eine ganz neue Qualität erreichte und erst mit der Kapitulation Japans am 2. September 1945 so langsam weltweit mit insgesamt über 55 Millionen Toten sein Ende nahm; und dennoch kam es auch noch danach zu weiteren Vertreibungen, Umsiedlungen, Mord und Totschlag. In Europa alleine waren davon u.a. Deutsche, Polen, Kosaken und Juden betroffen.

Eins ist aber gewiss, man kann den 9. Mai als Europatag nicht ohne den 8. Mai, dem Ende des Nazi-Terrors in Europa, gedenken. Das hatten nicht nur Konrad Adenauer, Jean Monnet und Robert Schuman erkannt, sondern auch Richard von Weizsäcker, der am 8. Mai 1985 eine für Europa wegweisende Rede hielt, aus der heraus auch Michail Gorbatschow die richtigen Konsequenzen zog.

Interessant ist es weiterhin, dass selbst der 9. Mai bis heute in Europa kein Feiertag ist und, wenn man die jüngsten Entwicklungen in der Europäischen Union betrachtet, wohl so schnell nicht werden wird.

Die beiden Europatage vertreten dabei bis heute zwei unterschiedliche Modelle Europas, und die Versuche von bekennenden Europäern, diese beiden Tage gar in einer Europawoche zusammenzuführen, was übrigens eine sehr europäische Lösung wäre, ist nur in manchen Orten Europas erfolgreich, so wie bis heute in Heilbronn, wo man seit Jahren versucht, den Treffpunkt Europa mit weiteren Aktionen zu verknüpfen, wie z.B. einem Empfang des Oberbürgermeisters für Heilbronner mit Zuzugsgeschichte, Informationsständen, Preisausschreiben, Europa-Rallyes oder einer Kundgebung für Europa! auf dem Kiliansplatz und somit die Europawoche möglichst für alle Unionsbürger mit Leben erfüllt.

Wir alle sollten uns gerade heute an diesem besonderen Europatag überlegen, was für ein Europa wir eigentlich haben möchten; und, dass es ohne ein gemeinsames Europa geht ist dabei außer Frage.

Ganz plakativ kann man die Frage wie folgt formulieren. Wollen wir ein Europa des 5. Mai, also einen möglichst losen Staatenbund, der sich, wenn überhaupt, nur auf Minimallösungen einigt und diese dann auch nur bei gutem Wetter in nationale Maßnahmen um- und bei erstbester Gelegenheit wieder aussetzt?

Oder wollen wir ein Europa des 9. Mai, das sich seiner Verantwortung (8. Mai) bewusst ist, also einen europäischen Bundesstaat?

Dass die bisher erreichte „Zwitterlösung“, die weder Fisch noch Fleisch ist, nicht funktioniert und auch nicht funktionieren kann, sehen wir angesichts der gerade heute aktuellen Herausforderungen, wie Pandemien, Erderwärmung, verstärkte Migration und Überalterung unserer Gesellschaften.

Und die ewige Behauptung der Institutionalisten unter uns Europäern, dass man letztendlich und ganz folgerichtig den europäischen Bundesstaat in kleinen Schritten erreicht, kann nach über 70 Jahren, wo sich bereits die meisten Menschen nicht mehr daran erinnern können, warum man damals überhaupt losgelaufen ist, immer weniger überzeugen.

Dafür werden die uralten Mahnungen der Konstitutionalisten unter uns Europäern immer lauter, die besagen, dass wir Unionsbürger mit oder auch ohne unsere Volksvertreter die Initiative zurück gewinnen und der Demokratie wie auch Europa und damit allen Menschen zu ihrem ureigenen Recht verhelfen müssen, denn ansonsten gewinnen erneut die Nationalisten und in deren Fahrwassern die Totalitaristen bis hin zu den Rassisten.

Der heutige 9. Mai lädt deshalb dazu ein, nicht nur diesen Tag als gesamteuropäischen Feiertag, sondern auch dazu, um von unseren Volksvertretern einen europäischen Konvent zu fordern, bei dem die Zivilgesellschaft maßgeblich mit beteiligt wird. Darüber hinaus müssen wir Europäer heute wieder einmal – nach 1945 und 1985 – unsere eigene Verantwortung anerkennen und allen antieuropäischen Bestrebungen eine klare Absage erteilen!

Jean Asselborn, der dienstälteste EU Außenminister, hat voll und ganz recht, die innereuropäischen Grenzen müssen heute am 9. Mai 2020 endlich fallen – und ich füge hinzu, dies auch für immer!

Die ewiggestrigen Seehofers dieser Welt zerstören nämlich in wenigen Wochen mehr als alle vernunftbegabten Politiker zusammen in Jahrzehnten aufbauen können!

Und was Konrad Adenauer wie auch Richard von Weizsäcker mit großen Mühen bereits aufgebaut haben, schmeißen unsere derzeitigen Akteure mit ihren Hintern wieder ein.

„For the idea of humanity, when purged of all sentimentality, has the very serious consequence that in one form or another men must assume responsibility for all crimes committed by men and that all nations share the onus of evil committed by all others. Shame at being a human being is the purely individual and still non-political expression of this insight.“

Hannah Arendt, Organized Guilt and Universal Responsibility (1948)

Mehr über die europäische Symbolik finden Sie gleich hier.