Metropolitan Opera

Aida 4.3 (10)

Beitragsfoto: Metropolitan Opera

Wenn das Leben um einen herum so richtig tobt und man händeringend nach einer kleinen Auszeit sucht, ja dann passt die Aida ganz gut. Giuseppe Verdis Erfolgsstück kam bereits zu Weihnachten 1871 und das auch noch in Kairo in die dortige Oper. Seither steht Aida für Opulenz und guten Geschmack; dieser dreistündige Vierakter lockt noch heute die Menschen in die Oper und sorgt wie auch gestern für ein volles Haus.

Die Idee für die Oper stammt von Auguste Mariette, einem Ägyptologen. Das Libretto schrieb Antonio Ghislanzoni. Die Geschichte ist schnell erzählt und ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass man damit drei Stunden füllen kann. Zum Schluss sind alle tot und die Ruhe ist wieder hergestellt. Erwähnenswert der Triumphmarsch des Stücks, der besonders Fußballfans zu gefallen scheint und die Arie „O patria mia“, die ganz allgemein als sehr gelungen gilt.

So ist es inzwischen wohl jedes Mal die Frage, wie das Stück inszeniert wird, die die Zuschauer so richtig interessiert. Und so passt es ganz gut, dass sich gestern die Metropolitan Opera wieder einmal an die Aida gewagt hat. Und auch dort gab es ein volles Haus. Seit 1886 wurde die Aida an der Met bereits über 1 100 Mal aufgeführt und so dürfte man sehr routiniert darin sein.

Dieses Mal debutierte und brillierte Angel Blue und dies als äthiopische Prinzessin an der Met. Yannick Nézet-Séguin dirigierte das Stück. Michael Mayer übernahm den wichtigsten Part und war für die Inszenierung verantwortlich. Der Vollständigkeit halber, Judit Kutasi war eine ganz passable Gegenspielerin und Piotr Beczała verkörperte den Radamès ganz gut, was vom Schlussapplaus durchaus bestätigt wurde. Umrahmt wurde das Ganze von Morris Robinson gestern als Priester, wobei er auch den Pharao gibt, Harold Wilson als Pharao und Quinn Kelsey als König von Äthiopien.

Nun zur Aufführung selbst, die Idee zur Einbindung von Auguste Mariette in die Oper fand ich sehr gelungen, auch dass die Oper weniger opulent als sonst üblich daherkam. Set, Licht und Kostüme mehr als passend.

Bereits in den ersten zwei Minuten fand ich mich sofort an den Nil versetzt und einzig und alleine noch ein paar Krokodile hätten ganz gut mit hinzugepasst — dafür aber waren die Stimmen entsprechend gewaltig. Angel Blue enttäuschte bei „O patria mia“ nicht und fast schon traditionell gab es wieder einen kleinen aktuellen Bezug bzw. Slapstick im Stück: man gab den Elon Musk im Duzend — kann aber auch sein, dass es als eine versteckte Anspielung auf Richard Wagner gedacht war.

Wohl meiner aktuellen Gesamtsituation geschuldet, ist mir bestimmt das eine oder andere weitere Detail durch die Lappen gegangen. Insgesamt war diese Aida mit einer kleinen Pause drei Stunden und 15 Minuten lang eine Auszeit, die ich dringend nötig hatte.

„Copiare il vero può essere una buona cosa, ma inventare il vero è meglio, molto meglio.“

Giuseppe Verdi in einem Brief an Clara Maffei (20.10.1876)

Konzert

Musikvideo der Woche 4.5 (8)

Beitragsfoto: Konzert | © Bild von Pexels auf Pixabay

Grundsätzlich dudelt bei uns immer KUSC Los Angeles im Hintergrund, ein guter Kompromiss, denn sonst würde mein Musikserver im Haus online gehen, was für meine bessere Hälfte kaum zu ertragen ist, da dessen Software ganz ohne KI ein eigenes Abspielverhalten entwickelt hat, das zugegeben gewöhnungsbedürftig ist.

Nun da ich alleine zuhause bin und mich an die zweite Korrekturrunde der Seminararbeiten wagen möchte, suche ich nach der passenden Musik und bin zwischen John Lee Hooker, Leonhard Cohen und Tom Waits hin und her gerissen. Ich versuche einmal meinem Server etwas vorzuschreiben und so werden wir beide wohl zum Schluss dann bei Tom Waits landen. Den Anfang machen wir erst einmal mit der Platte „Old Ideas“ und da ich erst gestern den Nachbarn — meine bessere Hälfte hatte ihn stark blutend vor der Haustür gefunden — ins Krankenhaus schicken konnte, darf es auch etwas lauter werden.

Wobei mein Server schon wieder zwischen den Leonhard Cohen Platten einfach so hin und her wechselt. „Old Ideas“ (2012) passt aber aktuell wie Faust auf Auge und so skippe ich immer wieder zurück.

Zu Leonhard Cohen selbst muss man nicht viel schreiben, auch seine Platte „Thanks for the Dance“ (2019) ist noch hörenswert. Die eine oder andere Seminararbeit wird mich sicherlich auch zu John Lee Hooker führen, aber dann zum Schluss bleibt wohl nur noch Tom Waits’ „Blood Money“ übrig.

Nun bin ich selbst einmal gespannt, kämpfe mit dem Server und der ersten Arbeit …

„The presence, not that pleasant
Just a lot of things to do
I thought the past would last me
But the darkness got there too.“

Leonhard Cohen, DArkness (2012)

Sinnierende Frau

Zeit für ein Gedicht 4.4 (5)

Sinnierende Frau | © Pixabay

Aktuell befinde ich mich noch dabei, das laufende Semester abzuschließen, eine Voraussetzung, um es dann mit gutem Gewissen schnell vergessen zu können. Ein einziger Student wird mir und wahrscheinlich auch Detlef Stern dabei eine Weile in Erinnerung bleiben, letzterem weil er diesem in den kommenden Semestern bestimmt ein paar Mal begegnen wird — ich hingegen habe meine Schuldigkeit getan und gehe dabei davon aus, dass er mich im kommenden Semester nicht mehr hören wird bzw. muss.

Fast schon resigniert habe ich mich mit meinem Schicksal abgefunden und so war es dann auch kein großer weiterer Schritt, um auch noch bei den Vorbereitungen für die Hauptschulabschlüsse zu unterstützen. Auf alle Fälle führte es bereits dazu, dass ich mich ein wenig mit dem aktuellen „Pauker“ beschäftigte. Sehr erstaunlich dabei, was die Schüler für einen Hauptschulabschluss alles wissen müssen. Hätten diese nur 80 % vom Geforderten parat, lebten wir sicherlich in einer heilen Welt. So aber leben wir in einem Land der Spannungsverhältnisse, u. a. zwischen einem völlig plausiblen schulischen Anspruchsdenken und der bei uns vorherrschenden menschlichen Realität — inzwischen reichen meine Erfahrungen von der Grund- und Hauptschule bis hin zur Universität, einzig die Sonderschulen habe ich mir noch nicht näher angeschaut.

Sicherlich wäre es sehr spannend zu ergründen, warum es bei uns überhaupt zu einem solchen Spannungsverhältnis gekommen ist. Ich behaupte schon lange, dass unser falsch konzipierter Sozialstaat jegliches Leistungsdenken ausgehebelt hat, mit dem Essen und Trinken als einzige Ausnahme, denn selbst die Libido blieb irgendwann auf der Strecke [kleiner Insider an das 2. Semester. Stichwort: Maslowsche Bedürfnishierarchie].

Passend dazu das Gedicht, welches ich heute als prüfungsrelevant im Pauker gefunden habe. Dieses stammt von Erich Kästner aus dem Jahr 1928 und trägt den Titel „Sachliche Romanze“. Von den Schülern wird dabei eine Textbeschreibung gefordert. Das einzig wirklich interessante Wort wird sogleich in der Aufgabe erklärt; wahrscheinlich wird die Kenntnis dieses Wortes bei den heutigen Abiturienten dann vorausgesetzt — auch bei uns muss es wohl noch Unterschiede geben.

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut)
…

…

…

…
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Erstmals erschien die Romanze in der Vossischen Zeitung am 20. April 1928. Noch heute findet man das Gedicht in Erich Kästners Gedichtband „Lärm im Spiegel“ (1929).

Ich halte dieses Gedicht für ein sehr gutes Beispiel für die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit an sich. Und vielleicht wird gerade deshalb in unserem Bildungssystem so viel Kaffee getrunken.

„Facing this new world, there seems little doubt that our minds will continue to adapt and change. We’ll think, perceive, and moralize differently in the future, and we’ll struggle to comprehend the mentality of those who lived back at the dawn of the third millennium.“

Joseph Henrich (2020: 489)