Weihnachten 2024

Heiligabend 5 (14)

Beitragsfoto: Weihnachtstaler | © Bettina Kümmerle

Für meine bessere Hälfte und mich läutet nun der letzte Lebensabschnitt ein; dies an Heiligabend passender kann es nicht vonstattengehen. Beginnend 1994 feierten wir Heiligabend im kleinen Familienkreis. Dieses Jahr nun zum ersten Mal ohne unsere beiden Jungs und seit Längerem bereits ohne Hund.

Ein Rabbiner soll einmal auf die Frage, wann das Leben überhaupt beginne, eine auch heute noch sehr strittige Frage, wie folgt geantwortet haben: „Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist.“

Als dieser Rabbiner diese weisen Worte sprach, kannte er die heutige Zeit sicherlich noch nicht, und so müssen meine bessere Hälfte und ich wohl ein wenig auf unseren „Lebensbeginn“ warten.

Bis dahin und in Erinnerung von ein wenig Latein „Memento mori“ bietet es sich durchaus an, derweil doch schon einmal mit dem eigenen Leben zu beginnen. Und mit so viel Erkenntnisgewinn werden meine bessere Hälfte und ich heute einen besinnlichen Heiligabend genießen, zumindest haben wir beide dies so vor: „Memento te hominem esse.“

Auf alle Fälle aber wünschen wir all unseren Verwandten, Freunden, Kameraden und Bekannten ein besinnliches Weihnachtsfest zusammen mit einem möglichst sanften Rutsch ins neue Jahr, vor allem in diesen bereits jetzt schon beginnenden sehr schweren Zeiten.

Wir haben uns über sämtliche guten Wünsche sehr gefreut und freuen uns noch mehr darauf, mit möglichst vielen netten Menschen auch im kommenden Jahr noch schöne Stunden verbringen und gute Unterhaltungen führen zu dürfen.

„Dem Weisen bietet seine Lebenszeit Raum für so viel wie einem Gott die Ewigkeit.“

Seneca, 6. Buch, 53. Brief (2023: 345)

Konzert

Musikvideo der Woche 5 (6)

Beitragsfoto: Konzert | © Bild von Pexels auf Pixabay

Aktuell lese ich sehr viele Jahresrückblicke der unterschiedlichsten Blogger oder Medien. Spannend, auf was alles Wert gelegt wird. Das einigende Band dabei, keiner ist mit unserer politischen Welt so wirklich zufrieden und viele befürchten auch noch, dass selbst die letzten Volldeppen vergangener Regierungen wieder zum Zuge kommen werden — so wie demnächst Donald Trump auch.

Aber solche Lektüre sorgt auch für die eine oder andere Wiederentdeckung, wie z. B. die Band Steely Dan, welche bereits 1972 von Walter Becker und Donald Fagen in New York gegründet wurde und bis Mitte der 1970er-Jahre durchaus Erfolge erzielte. Obiger Song („Do It Again“) stammt aus 1972 und wurde auf dem Album „Can’t Buy a Thrill“ veröffentlicht. Ein weiterer Ohrwurm ist „Rikki Don’t Lose That Number“, welcher auf dem Album „Pretzel Logic“ (1974) zu finden ist.

1974 war übrigens mein zweiter New York-Aufenthalt, mit dem ich noch heute gute Erinnerungen verknüpfe. Ob es mir gelingt, mit 2024 gute Erinnerungen zu verknüpfen, sei einmal dahingestellt, denn in den letzten 50 Jahren hat sich die Welt ziemlich verändert und trotz sämtlicher technologischer Fortschritte und wissenschaftlicher Erkenntnisse leider nicht zum Besten.

Senecas Lektüre kann dafür Erklärungen, aber keine Entschuldigungen liefern. Bereits vor 2 000 Jahren badeten all jene, die es sich leisten konnten — oder auch nicht — an den schönsten Stränden dieser Welt, feierten in Luxusvillen zumindest in Strandnähe oder gleich auf ihren Jachten davor. Verschwendung, Völlerei und der Verzicht auf jegliche Nachhaltigkeit waren damals schon gang und gäbe. Und für alle, die es sich nicht leisten konnten, war solch ein Lotterleben das Ziel sämtlicher Anstrengungen.

Irgendwie beruhigend, schon damals dachte keiner an morgen oder gar folgende Generationen — die Welt drehte sich trotzdem weiter. Es ist müßig, darüber nachzudenken, in welch einem Schlaraffenland die Menschheit längst leben könnte, wenn wir Menschen zumindest mit dem technologischen Fortschritt hätten mithalten können. Weniger beruhigend ist, dass zum Unterschied zu heute die Jugend wenigstens noch lesen, schreiben und rechnen konnte.

Und so war mein diesjähriger Ausflug in die wissenschaftliche Seminarwelt eine völlige Enttäuschung, selbst meine eigenen studentischen Mindeststandards wurden um Längen unterboten — einziger Trost ist, dass es weiterhin Universitäten auch bei uns in Deutschland gibt, wo man sich noch ein wenig um Bildung oder wenigstens um Erkenntnisgewinne bemüht. Denn die Welt dreht sich weiter mit, aber auch ohne uns.

Erwähnenswert vielleicht noch, dass es wieder einmal einen Caligula oder Nero weniger gibt, denn der Assad-Clan musste Syrien verlassen und wird wohl in der Russischen Föderation so lange zwischengelagert, bis sich diese Massenmörder erneut an den Stränden Europas sonnen dürfen — wir Menschen vergessen immer schneller und so werden unsere VIP-Partys oder Parteitage bald ein paar illustre Gäste mehr haben.

Bereits heute feiert sich ein Elon Musk als Weltpolitiker, und sämtliche Totalitaristen stehen Schlange um dem erfolgreichsten Geschäftsmann aller Zeiten — nach Donald Trump versteht sich — in den Hintern zu kriechen. Weihnachten wäre dabei eine gute Gelegenheit, z. B. für eine Alice Weidel oder eine Sarah Wagenknecht bekannt zugeben, dass sie jeweils ein Kind von Elon Musk erwarten und uns bald der neue deutsche Führer geboren wird.

„Reelin’ In the Years“ stammt ebenfalls vom Album „Can’t Buy a Thrill“ (1972) und wurde von Musikkennern gerne als „perfect kiss-off anthem“ bezeichnet. Vergessen wir am besten 2024 und hoffen auf ein besseres 2025.

„Was nämlich ist der Geist anderes als eine besondere Seinsweise des Lufthauchs?“

Seneca, 5. Buch, 50. Brief (2013: 319)

lesendes Mädchen

Zeit für ein Gedicht 4.3 (6)

Beitragsfoto: lesendes Mädchen | © ThePixelman auf Pixabay

Auch wenn es mir heuer wirklich nicht nach Weihnachten zumute ist, muss es anderen nicht auch so gehen!

Manche Menschen, von einigen Bloggern weiß ich es sogar, bringen sich mit ganz bestimmten Hollywood-Schinken in Stimmung. Andere fangen an, bestimmte Lieder zu hören und je älter sie selbst werden, gerade jene, die sie noch vor Kurzem aus tiefsten Herzen heraus abgelehnt haben. Wiederum andere glühen auf den verschiedensten Weihnachtsmärkten vor und bauen darauf, dass sie bis zum Dreikönigstag ihren traditionellen Weihnachtsalkoholspiegel durchgängig halten können.

Völlig sinnloses Shoppen soll auch helfen — gerade jenen, deren einziger Lebensinhalt darin besteht als Verbraucher bei den Händlern respektiert zu werden — und völlig antiquierte Menschen versuchen sich im Basteln oder Brötchenbacken [Achtung: Regionalismus]. Erst gestern habe ich ganz spontan in einer Form von Übersprunghandlung Kerzen eingeschmolzen und neue daraus gegossen — half mir aber auch nicht viel weiter.

Und so habe ich noch in der Nacht eine Blu-ray gekauft und zwar „National Lampoon’s Christmas Vacation“ aus 1989. Dieser Film scheint völlig spurlos an mir vorübergezogen zu sein, da er aber wärmstens empfohlen wurde, versuche ich es in Kürze einmal damit.

Und wer die Überschrift zu diesem Blog-Beitrag gelesen hat, der weiß, was jetzt kommt; manche meiner Leser haben den Beitrag erst gar nicht geöffnet. Die Auswahl an Gedichten, gerade zu Weihnachten ist fast unermeßlich. Christian Morgenstern, Hoffmann von Fallersleben, Kurt Tucholsky, Joseph von Eichendorf oder Theodor Fontane dürften dabei immer eine gute Wahl sein. Ich habe mich allerdings für Joachim Ringelnatz entschieden, der gleich mit mehreren Weihnachtsgedichten aufwarten kann — ist wohl auch nur eine Altersfrage.

Sein Gedicht „Weihnachten“ stammt aus seinem Gedichtband von 1910, den er noch als Hans Bötticher herausgab. Dort finden sich auch seine Gedichte „Der Weihnachtsbaum“ oder auch „Weihnacht zur See“.

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit.
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
und das alte Lied von Gott und Christ
bebt durch Seelen und verkündet leise,
dass die kleinste Welt die größte ist.

Ein paar Jahre später liest sich das Ganze dann ein wenig anders, nämlich als er 1928 einen Einsiedler Weihnachten feiern ließ. Dieses Gedicht findet sich in seinem Gedichtband „Allerdings“, den er als Joachim Ringelnatz herausgab.

Einsiedlers Heiliger Abend

Ich hab’ in den Wehnachtstagen – 
Ich weiß auch, warum – 
Mir selbst einen Christbaum geschlagen, 
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele 
Und steckte ihn da hinein 
Und stellte rings um ihn viele 
Flaschen Burgunderwein. 

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter 
Zu sparen, ihn abend noch spät 
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter 
Und anderem blanken Gerät. 

Ich kochte zur heiligen Stunde 
Mir Erbsensuppe und Speck 
Und gab meinem fröhlichen Hunde 
Gulasch und litt seinen Dreck. 

Und sang aus burgundernder Kehle 
Das Pfannenflickerlied. 
Und pries mit bewundernder Seele 
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken 
Später der Lampendocht. 
Ich saß in Gedanken versunken. 
Da hat’s an der Tür gepocht,

Und pochte wieder und wieder. 
Es konnte das Christkind sein. 
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder? 
Ich aber rief nicht: „Herein!” 

Ich zog mich aus und ging leise 
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott, 
Und dankte auf krumme Weise 
Lallend dem lieben Gott.

Mögen meinen Lesern und gerne auch dem Rest der Welt die Weihnachtsfeiertage nicht beschwerlich erscheinen, manchen gar Frohe Weihnachten beschert sein und vielleicht wird zudem der eine oder andere etwas erleuchtet ins neue Jahr hinüberrutschen.

Inzwischen gucke ich mal, ob ich nicht doch noch meinen Grill so auf Vordermann bringe, damit ich ganz spontan die eine oder andere Wurst auflegen, was man durchaus als sinnvolle Beschäftigung zur Weihnachtszeit durchgehen lassen kann.

Nachtrag 17.12.2024

Wer von uns hat dieses Gedicht von Loriot ‚damals‘ nicht freiwillig auswendig gelernt? Und noch letztes Jahr durfte ich es bei den Werkrealschülern hier in Heilbronn abfragen; es gab dabei — Jahrzehnte später — nun sogar Noten dafür, mehr als drei Strophen waren bereits eine Eins. Was bereits kommendes Jahr in D’tschland für eine erfolgreiche Promotion ausreichend sein dürfte.

Loriots Gedicht wurde erstmals am 7. Dezember 1969 in der elften Folge der Fernsehserie „Cartoon“ (1967 – 1972) im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt — hat ‚damals‘ fast jeder geguckt, da es nicht sehr viel mehr zum Gucken gab.

„Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.“

Dietrich Bonhoeffer (2022: 188)