Müllbehälter

Probleme 4.6 (9)

Beitragsfoto: Müllbehälter | © Selena Gallagher auf Pixabay 

Während die Studenten in meinem Seminar weiterhin verzweifelt nach Problemen suchen, die man dann auch als Grundlage für eine Seminararbeit nehmen könnte, strömen mir selbst die Probleme einfach nur so zu. Inzwischen habe ich es mir sogar abgewöhnt, von Herausforderungen zu sprechen, denn damit könnte man dem Ganzen doch noch etwas Positives abgewinnen.

Inzwischen bin ich bereits so weit, dass ich die Probleme erst nach Dringlichkeit und Konsequenzen vorsortiere, bevor ich überhaupt noch dazu komme, nach geeigneten Lösungen zu suchen. Und dabei wäre es meist überhaupt nicht meine Baustelle, sondern es gehört ins PAL-Feld, nämlich dem „Problem anderer Leute“. Leider ist es manchmal dabei nicht so einfach, wie man es selbst gerne hätte, denn man macht bei uns immer öfters seine eigenen Probleme zum Problem anderer Leute — und dies ganz egal, ob im Studium oder im „echten Leben“! Ein umgekehrtes PAL-Feld sozusagen.

Ich vermute, dass, wenn ich mein positives PAL-Feld plötzlich mit den negativen anderer Leute zusammenbringe, dann genau das geschieht, was viele Wissenschaftler beim Aufeinandertreffen von Materie und Antimaterie vermuten — der Physiknobelpreis wäre mir wohl sicher.

Und so arbeite ich weiterhin die Probleme anderer Leute ab, eins nach dem anderen, und kann mich nicht einmal daran erfreuen, dass meine ganz eigenen Probleme eher in die Kategorie „Problemle“ gehören.

Nachtrag

Für den Fall, dass doch ein paar Studenten hier vorbeischauen. Dies wäre ein Vortrag von Felix von Leitner zum Thema „Sollen wir in die Cloud gehen?“ — könnte für das Seminar durchaus hilfreich sein.

Passend zum Thema habe ich sogar noch ein Ölgemälde gefunden, das Franz Sedlacek bereits 1933 gemalt hat und den Namen „Geister im Baum trägt“. Sedlacek kannte weder PAL-Felder noch die Cloud, dennoch hatte er eine Vorahnung von beidem.

„Es gibt nur einen Wert, der Grund und Sicherung eines glücklichen Lebens ist, Vertrauen zu sich selbst.“

Seneca, 4. Buch, 31. Brief (2018: 217)

Konzert

Musikvideo zum Sonntag 5 (4)

Beitragsfoto: Konzert | © Bild von Pexels auf Pixabay

Da spiele ich ein wenig mit den sogenannten intelligenten Chatbots herum, wie zum Beispiel ChatGPT, Perplexity.ai oder LeChat, und stelle dabei erneut fest, dass man wirklich nicht alles glauben sollte, was man da so schwarz auf weiß präsentiert bekommt. Was schon bei Büchern und Zeitungen bekannt war, dürfte nun auch bei der Künstlichen Intelligenz nicht viel anders sein.

Auf alle Fälle aber ist es manchmal richtig belustigend, was da einem so angeboten wird. Da es aber doch um einiges bequemer ist als einfach nur schnöden Hyperlinks im Internet zu folgen, dürfte sich diese Art von Recherche bei den meisten Menschen durchsetzen.

Und so werden künftig nicht nur die wissenschaftlichen Arbeiten der Studenten, sondern auch die Gespräche mit den meisten Mitmenschen ganz neue Erkenntnisse zu Tage bringen — ob diese dann auch mit der Realität oder gar unserer eigenen Existenz etwas zu tun haben, dürfte dabei weniger wichtig sein; wir machen uns unsere Welt schon lange so wie sie uns gefällt (Pippi Langstrumpf). Die etwas Erwachseneren unter uns nennen das dann „alternative Fakten“ (Kellyanne Conway).

Jedem Menschen seine eigene Realität! Die Frage bleibt, ob das wirklich jemals anders war?

Bis zur Beantwortung dieser Frage höre ich ein wenig Jimi Hendrix, was übrigens ganz gut zum Thema passt. Und sein Gitarrenspiel dürfte noch heute unbestritten gut sein.

Jimi Hendrixs „Purple Haze“ wurde bereits am 17. März 1967, wenige Tage vor der Geburt meiner besseren Hälfte, veröffentlicht. Ich gehe jetzt nicht auf pränatale Fragestellungen ein oder gar darauf, wann der Mensch mit seinem eigenen Erkenntnisgewinn startet oder wieder aufhört –„passende“ Antworten darauf liefern die Chatbots schon heute.

Übrigens, Sokrates war der Überzeugung, dass jeder Mensch schon „alles weiß“ und man dieses Wissen „nur“ durch die richtigen Fragestellungen freilegen könne (Mäeutik). Da Sokrates bekannter Maßen keine Schriften hinterlassen hat, ist man hierbei aber auf Angaben von Platon und Aristophanes angewiesen.

Mit der Zunahme der intelligenten Chatbots wird die Mäeutik wohl ganz neue Höhenflüge erzielen; man führt künftig sozusagen mit der KI sokratische Gespräche.

Damit aber dann tatsächlich irgendein Erkenntnisgewinn herauskommt, müsste man die Chatbot-KI vom Fuß auf den Kopf stellen, nämlich insoweit, dass die Chatbots überhaupt keine Fragen beantworten, sondern ganz im Gegenteil, dem Nutzer beständig neue Fragen stellen und diese dann immer weiter — je nach dessen Antworten — präzisieren.

Aber auch hierbei sollten wir „42“ als Antwort nicht gelten lassen.

„[D]ie Quelle der Angst liegt in der Zukunft, und wer von der Zukunft befreit ist, hat nichts zu befürchten.“

Milan Kundera, Die Langsamkeit (1995: 6) — [er zitiert Seneca]

Zukunft

Erfolgsgeheimnis 4.8 (4)

Beitragsfoto: Zukunft | © mykedaigadget from Pixabay

Neben der Schrift und ihrem ganzen Drumherum ist es wohl die Fähigkeit in der Westlichen Welt gewesen, in der Kommunikation zwischen der Sach- und der Beziehungsebene zu unterscheiden.

Manche Älteren von uns erinnern sich noch an die demokratischen Titanen zu Anfang unserer Bundesrepublik, die sich in Bonn die größten und wildesten Wortgefechte lieferten, nur um sich im Anschluss wieder zum Kartenspiel und ein paar Alkoholika zu versammeln. Unbedarftere Zeitgenossen sahen dies als ein falsches Spiel an — weit gefehlt!

Selbst beim Militär wurde großer Wert darauf gelegt, geflissentlich die Unterschiede bei den Ebenen und Rollen zu bewahren — ganz besonders in der Kommunikation. Man schuf sogar eigene Zonen, um dort nach gewaltigen inhaltlichen Auseinandersetzungen die Beziehungsebene zu stärken; dort war es verboten, „den Dienst“ mit hineinzubringen. Allerdings konnte ich gerade dort über die Jahrzehnte hinweg den Zerfall unserer eigenen Kultur ganz gut miterleben.

Und so zerfällt so langsam aber sicher nicht nur das Schriftliche in unserer Gesellschaft, damit einhergehend zerfällt auch unsere Sprache immer weiter und ganz folgerichtig auch das Gehirn und Gedächtnis unserer Gesellschaft.

Sondern es ist es auch nicht mehr weiter verwunderlich, dass immer weniger Mitbürger zwischen einer inhaltlichen und einer Beziehungsebene unterscheiden oder gar die unterschiedlichen Rollen, die ein Mensch einnehmen kann, erkennen können oder noch erkennen wollen.

Allerorten werden notwendige Unterschiede nivelliert und auf dem Altar einer Gleichmacherei geopfert. Und so fällt es schon gar nicht mehr auf, dass man inzwischen Globuli und Hokuspokus neben immer wortgewaltigeren, aber nichtssagenden Anglizismen zur Wissenschaft verklärt und dafür ganze (Bildungs)Parks einrichtet.

Kommunikation findet fast nur noch auf der Beziehungsebene statt, die Rollen wurden bereits auf zwei reduziert: Verbraucher und Macher — was man auch immer darunter verstehen möchte — und wir müssen uns alle lieb haben, am besten in einer Unisex-Form. Am allerbesten aber unseren Großen Bruder, der bekanntlich dann auch schnell wechseln kann — was uns allen inzwischen aber völlig egal sein dürfte.

Denn wir schwimmen nun alle in derselben Suppe, einer Suppe, die bereits vorab ganze Gesellschaften in Afrika, der arabischen Welt und Asien ruinierte, und greifen sogleich verstärkt zum Messer, wenn einer einen nicht lieb hat: Wir sind alle gleich! Und wer nicht, der wird weggemetzelt.

Dabei waren es doch die kleinen, aber feinen Unterschiede, die unsere westlichen Gesellschaften erst zum Erfolg führten — und auch die Möglichkeit, aus seinem eigenen Leben das machen zu dürfen, was man selber wollte.

„Je nach der Lage des Staates und den Fügungen des Schicksals werden wir vorankommen oder auf der Strecke bleiben, jedenfalls werden wir tätig sein und nicht der Furcht unterliegen und dadurch in Reglosigkeit verfallen. […] Wenn du aber in eine weniger günstige Lage des Staates gerätst, musst du dich mehr ins Privatleben zurückziehen und dich mit der Wissenschaft beschäftigen, wie auf gefahrvoller Seefahrt sofort einen Hafen anlaufen, nicht auf deine Entlassung warten, sondern von selbst zurücktreten.“

Seneca, De tranquillitate animi V 4–5