Maskerade

2.4.02022 5 (3)

Beitragsfoto: Maskerade | © Pixabay

Verwaltungsversagen

Die Aussage, dass unseren Ämtern Personal fehlt ist nur die halbe Wahrheit. Unsere Ämter haben mehr als genug Personal, leider aber das falsche und für die heutige Zeit völlig ungeeignete.

Echte Verwaltungen — und die gibt es tatsächlich! — bewältigen das normale Grundrauschen ohne jegliche Probleme — haben dabei mehr als genug Zeit, um sich selbst zu verwirklichen — und freuen sich jedes Mal darüber, wenn sie herausgefordert werden und ihre gesamte Qualifikation als Verwaltungsmitarbeiter ausspielen können. Dabei laufen sie zur Höchstform auf und zeigen der Bevölkerung erneut, warum wir uns eigentlich Verwaltungen leisten. Dann sehen und erkennen die Bürger auch, warum möglichst qualifizierte und sehr leistungsfähige „Beamte“ unserem Land in den Verwaltungen dienen.

Die aufgetretenen Probleme sind gelöst, und unsere Verwaltungen kehren ins Grundrauschen zurück. Dabei nutzen sie die Chance, die jüngst gewonnenen neuen Erkenntnisse umzusetzen, um für die kommende Herausforderung gewappnet zu sein.

Verwaltungen, die im Jahr 2022 — 32 Jahre (!) nach der Digitalisierung unserer Gesellschaft — noch nicht vollständig digitalisiert sind und immer noch Papier von einer Ecke in die andere bewegen, sind so etwas von überflüssig und kontraproduktiv, man kann es sich einfach nicht mehr vorstellen! Da wäre es für uns alle wesentlich besser, wenn man diese Verwaltungen schließt und ihre Mitarbeiter in Arbeiten bringt, die sie auch bewältigen können. Bedarf an Handwerkern, Pflegekräften, Kindergärtnerinnen und Betreuern sowie Kellnern haben wir mehr als genug.

Aber ich will nicht meckern, man hat sich jetzt endlich dazu entschieden, dass man Maschinengewehrschützen 2 und Kanoniere 5 nicht mehr in die Verwaltungen entsendet — denn diese sind für die dortigen anfallenden Tätigkeiten völlig überqualifiziert. Jetzt greift man ganz folgerichtig auf Polizisten zurück. Man könnte seinen Verwaltungsmitarbeitern aber auch einmal nahelegen, dass es Dienstschluss, Wochenende oder Urlaub erst dann gibt, wenn die Arbeit getan ist.

Es würde mich nicht wundern, wenn wir dann übermorgen keine Probleme mehr in unseren Verwaltungen hätten.

Viktor Orbán

Morgen wird der jüngste Diktator in der Europäischen Union von seinem Volk ins Amt gehoben; wie wir alle wissen, hat das Volk — außer vielleicht mit einem Volksaufstand — keine Chance mehr, diesen kriminellen und unser Europa weiterhin demontierenden Berufspolitiker aus dem Amt zu heben.

Seine Karriere begann Viktor Orbán erst so richtig, als Helmut Kohl ihn als einen der Vertreter auserkoren hat, die der Union zukünftig im gesamten Europa zu einer permanenten Mehrheit im Europäischen Parlament und im Europäischen Rat verhelfen sollen. Und da es in der Union selbst immer mehr an Typen wie „Macho-Man“ und „Schmalspur-Casanova“ fehlt, die noch die eigene weibliche Anhängerschaft befriedigen können, war man bisher über jeden Sebastian Kurz oder Viktor Orbán der neuen Schwesterparteien froh. Diese machten sich dann auch auf jedem Parteitag besonders gut und waren immer sehr gern gesehene Gäste.

Und so war es dann auch nicht überraschend, dass die EVP — so heißt die Union in der EU nämlich — diesen Möchtegerndiktatoren bis zum heutigen Tage den Rücken stärkt. Sie sichern der EVP die Mehrheit und damit den Zugriff auf unsere Steuergelder; dieses Projekt trägt übrigens den Namen „geistig-moralische Wende“ — Humor hatte er, das muss man dem Helmut Kohl wirklich lassen.

Die letzte Chance, den ersten nun echten Diktator in der EU (so Jean-Claude Juncker bereits vor Jahren) zu verhindern, hatte das Europäische Parlament in einem letzten Aufbäumen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit (hierzu empfehle ich die Beiträge von Hans Müller). Dieses letzte Aufbäumen unseres Parlamentes und unserer Gerichte wird nun aber von Ursula von der Leyen (der letzten „echten Frau“ Europas und „Mutterkreuzträgerin“ — ganz selbstverständlich eine Politikerin der Union) unterdrückt.

Ab morgen ist es dann soweit, wir haben den ersten echten Diktator in der Europäischen Union! Dann kann niemand mehr etwas dagegen unternehmen — außer dem ungarischen Volk vielleicht. Und es würde mich auch nicht mehr wundern, wenn EU Truppen diesen Aufstand beenden.

Und sollte am Montag, wider aller Erwartung, doch ein Stöhnen und Lamentieren durch das demokratische Europa gehen, und man nur folgerichtig unsere verantwortlichen Politiker nach ihrer Verantwortung fragen, recyceln diese ihre Antworten z.B. für die Klimakrise, die Bankenkrise und den Ukrainekrieg: „wir haben uns geirrt“ oder „wir wurden getäuscht“.

Alterspräsident — ein Nachruf

Nachdem der Bundestag bereits den Alterspräsidenten abgeschafft hat, beeilt sich nun auch der Landtag in Stuttgart, diese urdemokratische Institution zu beerdigen. Er sei, so die Regierungsparteien, weder ein besonders bedeutender noch ein besonders langwieriger Posten.

Jedes Mal, wenn frei gewählte Volksvertreter zum ersten Mal zusammentreten, sind sie allesamt und zum letzten Mal auch völlig gleichwertig. Um funktionieren zu können, müssen sie sich organisieren und nicht nur eine Art Hierarchie, sondern auch eine Geschäftsordnung beschließen — natürlich kann man nach dem Motto, „das haben wir schon immer so gemacht“ verfahren, dann aber, wenn man es bis zum Schluss durchdenkt, benötigt man auch keine Volksvertreter.

Um das sicherzustellen, vor allem unter völlig Gleichen, bietet es sich an, einen von Anfang an und nur für diesen einen „Augenblick“ gleicher als die anderen zu machen, nämlich den Alterspräsidenten — übrigens eine weltweite und Jahrtausende alte sehr bewährte und außer bei uns in der Berliner Republik nicht in Frage gestellte Tradition.

Das wirklich Lustige an der Sache ist, dass diese funktionierende und bewährte Tradition mit Hilfe der Unionsparteien beerdigt wird, jenen Parteien, die von sich so gerne behaupten, konservativ zu sein. Aber diese Unionsparteien, die das „C“ im Namen führen, sind inzwischen auch die besten Sammelbecken für Atheisten und Teufelsanbeter aller Art.

Video des Tages

Geburtstag des Tages

Émile Zola


Beitragsfoto: Schachfiguren | © Pixabay

31.3.02022 5 (4)

Botschafter

Es gab tatsächlich einmal Zeiten, da waren solche Dienste wichtig und gefragt. Heute sind es Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, und im Falle der Mitgliedstaaten der EU als nationale Botschafter reine Geldverschwendung.

Deshalb ist es wohl auch nicht mehr so wichtig, dass Botschafter überhaupt noch über Expertise oder Mindestvoraussetzungen verfügen müssen. Diese Dienstposten werden inzwischen gerne an kriminelle ehemalige Minister, an ehemalige Pressesprecher oder sonstige erfolglose Berufspolitiker vergeben.

Der einzige Trost dabei ist, dass es anderswo bereits möglich ist, sich durch eine Parteispende einen solchen Botschafterposten zu kaufen. Aber auch dies wird bestimmt bei uns nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Beruflich bedingt, musste ich vor Jahren bereits sehr zweifelhafte Gestalten in dieser Funktion ertragen, und wie man jetzt so lesen kann, wird es nicht unbedingt besser. Und so hat es vielleicht doch etwas halbwegs Belustigendes, wenn wir die übelsten Politiker gleich als Botschafter im Vatikan entsorgen.

Der Unschuldige

Immer öfters und von immer mehr Seiten hört man jetzt plötzlich, dass auch Wladimir Putin nicht nur getäuscht wurde, sondern immer noch getäuscht wird. Geirrt hat er sich sicherlich nicht, das tun nur schwache demokratische Politiker.

Da das „Wenn das nur der Führer wüsste?!“ auch heute noch bei uns so gut funktioniert, müssen wir uns wirklich keine weiteren Gedanken mehr machen! Und in Kürze wird es dann wohl allgemein feststehen, und alle Welt wird sich darin einig sein, es sind erneut und wieder einmal die Geheimdienste und die einfachen Soldaten, die an alledem schuld sein werden.

Diese bösen Buben haben den Vladimir doch so schrecklich hintergangen und in die Irre geführt! Hätte er es doch nur gewusst (!), dann hätte er diese Verräter und Halunken vor Gericht gestellt und uns allen Gas und Öl ganz umsonst geliefert. Wie konnte man nur einen lupenreinen Demokraten so hinters Licht führen?!

Und auch die Oligarchen sind völlig schuldlos, warum, das weiß selbst ich noch nicht. Aber man wird es uns bald erklären.

Was ich aber schon heute weiß ist, dass wir Normalbürger die gesamte Zeche zahlen werden und bald wieder Putin und seine Freunde gemeinsam in allen Talkshows erklären werden, wie sie die Welt wieder einmal gerettet haben.

Abzocke

Ganz ohne Frage, wir befinden uns so langsam am ersten Höhepunkt eines Krieges, ob es sich dabei um den letzten Europäischen Krieg (Kümmerle) oder gar bereits um einen neuen Weltkrieg (Moos) handelt, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausdiskutieren. Dass Kriege nicht wie im Film oder in Büchern funktionieren, erkennen so langsam doch so einige Mitbürger, manche verstehen sogar, dass Krieg nicht nur aus direkten Konfrontationen mit Waffen besteht, sondern darüber hinaus auch ein „Hinterland“ besitzt. In diesem Hinterland befinden wir uns gerade — zumindest noch, muss man dazu sagen. Aber auch im Hinterland oder der Etappe herrscht Krieg: wir Deutschen lernen das gerade anhand unseres Allerliebsten kennen, dem Geldbeutel.

Schlimm genug, dass sich nun die deutschen Verantwortlichen für diesen Krieg (Politiker der CDU, CSU und SPD: man nannte sich noch vor Kurzem ganz stolz die GroKo) aus der Verantwortung stehlen. Angela Merkel hat sich schon verkrochen, wer weiß wo. Der Rest davon, dem es weiterhin nur um das Abzocken von uns Bürgern geht, beeilt sich nun wie z. B. heute der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz zu beteuern: „Wir müssen uns eingestehen, dass wir uns geirrt haben.“ Nein, Herr Merz, wir haben uns nicht geirrt, sie haben uns allesamt, zusammen mit ihrem Kollegen, ob SPD oder CSU, einfach nur verkauft!

Die SPD, der man zudem auch ideologische Gründe für den Ausverkauf von Freiheit und Demokratie unterstellen kann, wählt einen etwas anderen Ansatz. Olaf Scholz und seine Genossen lassen uns nun glauben, dass die SPD erst am Wahlabend der letzten Bundestagswahl geboren wurde, und nun alles daran setzt, um Deutschland zu retten. Dabei ist sich die SPD noch nicht einmal jetzt darin einig, ob sie Deutschland und gleich auch noch das ganze Europa Vladimir Putin als Morgengabe präsentiert, oder ob ihre Politiker besser damit wegkommen, wenn sie sich nun von Joe Biden retten lassen.

Wir sollten uns als Demokraten aber nicht allzu sehr darüber entsetzen, denn letztendlich sind wir Bürger allesamt selber daran schuld, denn das ist der Preis der Demokratie: wir haben diese „Abzocker“ nämlich selber gewählt! Und ganz bewusst nicht die Vertreter einer Marktwirtschaft oder die Vertreter eines ökologischen Wandels. Wir haben die „Abzocker“ gewählt, weil wir allesamt felsenfest daran glaubten, selbst mit zu den Abzockern zu gehören — Selbsttäuschung, der beste Weg in den Abgrund.

Und wenn Sie jetzt glauben, dass ich das Gesagte nicht mehr überbieten kann — weit gefehlt!

Denn, ob wir es wollen oder nicht, wir müssen uns langsam aber sicher an eine Art von Kriegswirtschaft gewöhnen, die, weil wir nach diesem Krieg allesamt (bis auf die Abzocker!) ganz offiziell Pleite sind — inoffiziell waren wir das schon vorab, weshalb wir doch gerade in diese Situation („von die Rente ist sicher“ Politikern) manövriert wurden — und es noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte benötigen wird, bis wir danach (nach dem Krieg) eine tragfähige und auch nachhaltige Wirtschaft aufgebaut haben — vorausgesetzt, dass Freiheit und Demokratie als Sieger vom Platz gehen!

Was mich an dieser Situation aber am meisten erschüttert ist, dass weder unsere Politik noch unsere Wirtschaft diese Situation erkennen wollen, sondern weiterhin in erster Linie an den eigenen ganz persönlichen Vorteil denken! Das fängt bei unseren Politikern an, geht bei unseren Bauern weiter und hört noch lange nicht bei der Öl- und Gasindustrie auf! — Jeder möchte erneut aus der Situation für sich das Beste herausschlagen.

War es aber jemals anders?

Gerade ergötzen wir uns an jenen Ukrainern, die wirklich alles für ihr Land geben! Und wir helfen zumindest noch bereitwillig jenen Ukrainern, die dazu nicht in der Lage sind oder sein wollen.

Und wir können ganz gut sehen, wie doch so einige russische Soldaten reagieren, die erkennen, dass sie nur für einen Diktator und eine paar Oligarchen mit deren Familien verheizt werden. Wenn Russen demnächst wieder in Deutschland und Europa Feste feiern und dabei mit Champagner und Kaviar um sich schmeißen, dann sicherlich nicht die russischen Soldaten. Vladimir Putin und Co. werden sicherlich bald wieder von unseren Politikern empfangen und gelobt werden — man kennt sich doch untereinander.

Zumindest meine Soldatengeneration wurde sehr kritisch erzogen und zur permanenten Selbstkritik gezwungen — und das ist auch ganz gut so! — und jetzt beginnen sich immer mehr Soldaten zu fragen, ob ihr Eid „das Recht und die Freiheit“ zu verteidigen überhaupt noch für unsere gesamte deutsche Gesellschaft gilt — das Recht des Stärkeren und die Freiheit der Abzocker?

Schlimmer noch, möchte unsere Gesellschaft überhaupt verteidigt werden? Und dann von „Mördern“, „Nazis“ und „Zivilversagern“?

Nicht nur ich glaube daran, dass es in Deutschland tatsächlich großen Gesprächsbedarf gibt! Und wir Bürger sollten allesamt das eine oder andere klären, bevor wir vielleicht doch noch zu einen Waffengang gezwungen (zumindest wir Soldaten!) werden. 100 Milliarden Euro den schnellsten Politikern und ihrem üblichen Klientel zum Fraß vor zu werfen, trägt nicht dazu bei.

Geburtstage des Tages

Joseph Haydn, Johann Sebastian Bach und René Descartes


Von Mons nach Cambrai

Neues Europa 5 (2)

Beitragsfoto: Von Mons nach Cambrai, britischer Angriff am 25. August 1914 | © Shutterstock

Der Gedichtband „Rhythmus des neuen Europa“ hält mich immer noch in seinem Bann. Dieser Gedichtband, der noch weitgehend von Gerrit Engelke selbst zusammengestellte Gedichte enthält, erschien erstmals 1921 etwa drei Jahre nach seinem gewaltsamen Tod bei Cambrai. Edward Thomas, den ich in einem Beitrag zu einem Gedicht von Robert Frost (The road not taken) erwähnte, fiel bereits ein Jahr zuvor bei Arras; so wie in unzählige weitere unschuldige Menschen, meistens Männer, die für unser Europa sinnlos abgeschlachtet wurden.

Gerrit Engelkes Gedicht „Nach schwerem Traum“ hatte ich bereits vor ein paar Tagen hier in diesem Weblog vorgestellt, was mich im Anschluss veranlasste, weiter in dessen Gedichtband zu blättern. Engelkes Rhythmus des neuen Europas lässt mich nun nicht mehr los und zwingt mich zu ganz eigenen Gedankenstürmen, welche durch diesen gerade tobenden europäischen Krieg (!) weiter zu einem Feuersturm angefacht werden. Ja, unser Europa befindet sich insgesamt wieder im Krieg, und der Rest der Welt muss sehr vorsichtig sein, dass wir Europäer die Welt nun nicht bereits zum dritten Male in Brand setzen.

Das neue Europa unzähliger dahingeschlachteter, meistens sehr junger Menschen fand tatsächlich nie seinen eigenen Rhythmus. Rückblickend muss man erkennen, dass die Hoffnung auf ein friedliches, freies und demokratisches Europa bereits in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges beerdigt wurde. Das letzte Aufbäumen junger Menschen, die von einer gemeinsamen Zukunft Europas in einem europäischen Bundesstaat als Blaupause für eine bessere Welt träumten, wurde regelrecht im Zweiten Weltkrieg zerbombt.

Wie wir heute sehen müssen, waren die letzten europäischen Bemühungen von den den Furor des Kriegs überlebenden, bekennenden Europäern — also uns — nichts anderes mehr als dürftige Blähungen. Die wirklich letzten Europäer werden nun wohl Opfer dieses jüngsten europäischen Krieges werden. Und die dann noch Überlebenden werden sich wohl nur noch zu Rülpsern in Sachen Europa aufraffen können — bevor dann unser Europa schlussendlich sein eigenes Schicksal erfüllt: „But it was all right, everything was all right, the struggle was finished. Europe had won the victory over itself. It loved Big Brother.

Ja, wir Europäer befinden uns allesamt in einem neuen europäischen Krieg, und dieses Mal sind die Fronten eindeutig und glasklar! Auf der einen Seite kämpfen Europäer für Freiheit und Demokratie, und auf der anderen Seite kämpfen Europäer für Knechtschaft und Unterdrückung — und dies über sämtliche Religionen, Landsmannschaften und Sprachräume hinweg!

Und dieser Krieg tobt von Anfang an nicht nur in der Ukraine — dort ist nur das Morden und Schlachten nach jahrelangem Weggucken nicht mehr zu übersehen. Der Krieg wird inzwischen bereits in unseren Parlamenten im gesamten Europa geführt, auf den Straßen, in den Wohnungen und nicht zuletzt in sämtlichen Medien. Und sein Ausgang ist noch völlig ungewiss, auch wenn ich selbst hier bereits meine Befürchtungen geäußert habe!

Zu den bereits zwei ausgefochtenen — lassen wir den Kalten Krieg einmal außen vor — Weltkriegen, die wir Deutschen maßgeblich verschuldet haben, kommt nun dieser dritte Krieg hinzu, wobei wir Deutschen es dieses Mal sogar geschafft haben, in diesem Krieg auf beiden Seiten vertreten zu sein. Wahrscheinlich wollen wir dieses Mal unbedingt mit auf der Siegerseite stehen! Und dabei ist es uns Deutschen offensichtlich völlig egal, wer gewinnen wird!

Unser Europa hatte weder jemals einen eigenen Rhythmus noch je eine eigene Zukunft! Europas Zukunft lag bereits auf den Schlachtfeldern begraben, bevor sie überhaupt beginnen konnte.

Auf jeden Fall aber können wir in diesem europäischen Krieg gleich mit zwei Mythen der Menschheit aufräumen, das der Kriegsschuld und das der Emanzipation.

Wie hieß es doch so schön: „Old men make war, young men fight and die.“ (Dieses Zitat wird oftmals Winston Churchill zugeschrieben). Heute wissen wir es besser und können es sogar life auf Youtube miterleben: Drückeberger machen den Krieg und unschuldige Menschen sterben!

Und gerade in diesem europäischen Krieg ist nun wirklich alles über Emanzipation geschwätzt. Emanzipierte Frauen — ich nehme hierbei junge Mütter und Schwangere aus(!) — stehen gerade in diesem Krieg Seit an Seit mit ihren Brüdern, Vätern, Männern und Söhnen. Was emanzipierte Frauen sind, können wir auch hier life und auf Youtube miterleben. Und wenn es ausreichend emanzipierte Frauen gäbe, dann könnten wir den Männern auch den Luxus der Fahnenflucht und des Drückebergertums zusprechen.

Und auch der nächste Krieg wird erneut von Drückebergern, Fahnenflüchtigen und kreischenden Weibern verursacht werden. Die letzten Europäer und auch -innen werden dann schon längst die Gänseblümchen von unten betrachten oder, wie es die Osteuropäer so blumig formulieren, für wunderbare Sonnenblumen gesorgt haben.

Nun aber wieder zurück nach 1918. Gerrit Engelke verfasste sein wohl letztes Gedicht am 20. Juli 1918. Am 11. Oktober 1918 wurde er erneut schwer verwundet und starb am 14. Oktober 1918 in einem britischen Feldlazarett bei Cambrai.

An die Soldaten des großen Krieges
In memoriam August Deppe

Herauf! aus Gräben, Lehmhöhlen, Betonkellern, Steinbrüchen!
Heraus aus Schlamm und Glut, Kalkstaub und Aasgerüchen!
Herbei! Kameraden! Denn von Front zu Front, von Feld zu Feld
Komme euch allen der neue Feiertag der Welt!
Stahlhelme ab, Mützen, Käppis! und fort die Gewehre!
Genug der blutbadenden Feindschaft und Mordehre!
Euch alle beschwör′ ich bei eurer Heimat Weilern und Städten,
Den furchtbaren Samen des Hasses auszutreten, zu jäten,
Beschwöre euch bei eurer Liebe zur Schwester, zur Mutter, zum Kind,
Die allein euer narbiges Herz noch zum Singen stimmt.
Bei eurer Liebe zur Gattin – auch ich liebe ein Weib!
Bei eurer Liebe zur Mutter – auch mich trug ein Mutterleib!
Bei eurer Liebe zum Kinde – denn ich liebe die Kleinen!
Und die Häuser sind voll von Fluchen, Beten, Weinen!

Lagst du bei Ypern, dem zertrümmerten? Auch ich lag dort.
Bei Mihiel, dem verkümmerten? Ich war an diesem Ort.
Dixmuide, dem umschwemmten? Ich lag vor deiner Stirn,
In Höllenschluchten Verduns, wie du in Rauch und Klirrn,
Mit dir im Schnee vor Dünaburg, frierend, immer trüber,
An der leichenfressenden Somme lag ich dir gegenüber.
Ich lag dir gegenüber überall, doch wußtest du es nicht!
Feind an Feind, Mensch an Mensch und Leib an Leib, warm und
dicht.

Ich war Soldat und Mann und Pflichterfüller, so wie du,
Dürstend, schlaflos, krank – auf Marsch und Posten immerzu.
Stündlich vom Tode umstürzt, umschrien, umdampft,
Stündlich an Heimat, Geliebte, Geburtsstadt gekrampft
Wie du und du und ihr alle. –
Reiß auf deinen Rock! Entblöße die Wölbung der Brust!
Ich sehe den Streifschuß von fünfzehn, die schorfige Krust,
Und da an der Stirn vernähten Schlitz vom Sturm bei Tahüre –
Doch daß du nicht denkst, ich heuchle, vergelt′ ich mit gleicher Gebühr:
Ich öffne mein Hemd: hier ist noch die vielfarbige Narbe am Arm!
Der Brandstempel der Schlacht! von Sprung und Alarm,
Ein zärtliches Andenken lang nach dem Kriege.
Wie sind wir doch stolz unsrer Wunden! Stolz du der deinigen,
Doch nicht stolzer als ich auch der meinigen.

Du gabst nicht besseres Blut, und nicht rötere Kraft,
Und der gleiche zerhackte Sand trank unsern Saft! –
Zerschlug deinen Bruder der gräßliche Krach der Granate?
Fiel nicht dein Onkel, dein Vetter, dein Pate?
Liegt nicht der bärtige Vater verscharrt in der Kuhle?
Und dein Freund, dein lustiger Freund aus der Schule? –
Hermann und Fritz, meine Vettern, verströmten im Blute,
Und der hilfreiche Freund, der Jüngling, der blonde und gute.
Und zu Hause wartet sein Bett, und im ärmlichen Zimmer
Seit sechzehn, seit siebzehn die gramgraue Mutter noch immer.
Wo ist uns sein Kreuz und sein Grab! –

Franzose du, von Brest, Bordeaux, Garonne,
Ukrainer du, Kosak vom Ural, Dnjestr und Don,
Österreicher, Bulgare, Osmanen und Serben,
Ihr alle im rasenden Strudel von Tat und von Sterben –
Du Brite aus London, York, Manchester,
Soldat, Kamerad, in Wahrheit Mitmensch und Bester –
Amerikaner, aus den volkreichen Staaten der Freiheit:
Wirf ab: Sonderinteresse, Nationaldünkel und Zweiheit!
Warst du ein ehrlicher Feind, wirst du ein ehrlicher Freund.
Hier meine Hand, daß sich nun Hand in Hand zum Kreise binde
Und unser neuer Tag uns echt und menschlich finde.

Die Welt ist für euch alle groß und schön und schön!
Geht her! staunt auf! nach Schlacht und Blutgestöhn:
Wie grüne Meere frei in Horizonte fluten,
Wie Morgen, Abende in reiner Klarheit gluten,
Wie aus den Tälern sich Gebirge heben,
Wie Milliarden Wesen uns umbeben!
O, unser allerhöchstes Glück heißt: Leben! –

O, daß sich Bruder wirklich Bruder wieder nenne!
Daß Ost und West den gleichen Wert erkenne:
Daß wieder Freude in die Völker blitzt:
Und Mensch an Mensch zur Güte sich erhitzt!

Von Front zu Front und Feld zu Feld,
Laßt singen uns den Feiertag der neuen Welt!
Aus aller Brüsten dröhne eine Bebung:
Der Psalm des Friedens, der Versöhnung, der Erhebung!
Und das meerrauschende, dampfende Lied,
Das hinreißende, brüderumarmende,
Das wilde und heilig erbarmende
Der tausendfachen Liebe laut um alle Erden!

Gerrit Engelke, 1918