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Videokonferenzen

Eine der Folgen der bei mir durch die von COVID-19 verursachten erlassenen Ausgangsbeschränkungen, früher einmal gerne auch als Hausarrest bezeichnet, ist eine erfreuliche, nämlich, dass ich mich wieder und dies nach gut dreißig Jahren, mit meiner alten Plattensammlung beschäftige, einen Plattenspieler an die Stereoanlage anschloss und zum Leidwesen meiner besseren Hälfte, auch wieder Schallplatten kaufe.

Eine weitere, eher weniger erfreuliche Folge ist, dass ich in den letzten Wochen wieder mehr Videokonferenzen, sowohl als Teilnehmer als auch nur Zuschauer bzw. Zuhörer er- und überlebe. Dies ist wiederum der glücklichen Lage geschuldet, dass ich mein Leben nicht als Single fristen muss.

Leider aber ist es den hiesigen Telekommunikationsunternehmen ganz offensichtlich bis heute völlig fremd, dass in einem Haushalt mehr als eine Person leben kann oder aber mehrere Haushalte in ein und derselben Stadt auch zur selben Zeit fernsehen möchten, und so müssen meine bessere Hälfte und ich trotz „des besten Internets“ ein eigenes Bandbreiten-Management unterhalten; dabei hatten wir bereits vorab die Hälfte der Familie ausgelagert.

Und dieses völlig unverschuldete Verwalten von Mängeln, die es im 21. Jahrhundert gar nicht geben dürfte, holen bei mir Erinnerungen hervor, die ich schon lange verdrängt hatte.

Ende der 1980er Jahre durfte ich erstmals an einer Übung im Mittelwesten der USA teilnehmen, die zwar vor Ort virtuell stattfand, aber zeitgleich real in Deutschland, Südkorea und irgendwo auf See. Für mich war der Höhepunkt der Übung, als die ersten Videos auf die Bildschirme kamen, die die Geschehen an den anderen Enden der Welt dokumentierten und uns bei der Entscheidungsfindung unterstützten.

In den 1990er Jahren waren dann Videokonferenzen state of the art, wobei wir damals der Technologie geschuldet, noch auf Bandbreiten von Satelliten- oder Richtfunkverbindungen achten mussten.

Da diese Videokonferenzen der Entscheidungsfindung dienten und regelmäßig als Resultat auch schwerwiegende Folgen mit sich brachten, war es zumindest damals noch üblich, dass der Schwerpunkt der Konferenzen auf der Inhaltsvermittlung und -übertragung lag.

Und schon damals mussten auch diese Konferenzen vorbereitet werden. Erschwerend kam aber hinzu, dass die „Briefer“ bis zum Beginn der Videokonferenz sicherstellen mussten, dass die jeweiligen Präsentationen auch an allen teilnehmenden Konferenzorten, egal wo auf der Welt vorlagen. Diese Datenübertragung konnte mehrere Stunden dauern und bis zum Schluss war man sich dabei nie sicher, ob auch jeder dann eine und auch die letzte Version vorliegen hatte. Da es sich meist um mehrere „Briefer“ handelte, die zudem von den unterschiedlichsten Orten zugeschaltet wurden, kann man sich jetzt gut vorstellen, was es jedes Mal für ein Gerangel um die letztmöglichen Übertragungszeiten gab. Und da sich die Welt dabei immer und unermüdlich weiterdrehte, die Nachrichtenticker nie stillstanden und auch die unterschiedlichen Nachrichtensender gerne parallel mitliefen, musste man jedes Mal hoffen, dass zumindest beim Beginn des eigenen Briefings die übertragenen Präsentationsinhalte noch mit dem Briefing-Inhalt übereinstimmten. Bei bis zu drei Briefings am Tag, jeden Tag und dies über Monate hinweg, lehrt es einen Betroffenen eins, es kann nie genug Bandbreite geben.

In den 201o Jahren hatte man letztendlich diese Technologie voll und ganz im Griff und selbst Low-Budget-Unternehmungen am „Arsch der Welt“ – im von mir erlebten Fall höflicher ausgedrückt, am Entstehungsort der Menschheit – konnten videounterstützt stattfinden. Wobei ich anmerken möchte, dass die damals dort erreichten und ständig verfügbaren Bandbreiten heute bei uns in Deutschland im Bestfall zwischen 3 Uhr und 5 Uhr morgens zu erreichen sind.

Allerdings durfte ich eine zumindest für mich fundamentale Änderung des Einsatzzweckes von Videokonferenzen feststellen. Lag der ursprünglich intendierte Zweck bei der Inhaltsvermittlung und -übertragung, kam jetzt etwas für mich Neues mit hinzu, die Selbstdarstellung. Konferenzhintergründe und -ausstattungen, sowie die Ausleuchtung einzelner Personen waren nunmehr Schwerpunkt zumindest aller Vorbereitungen.

Diese Änderung prägte dann auch die letzten Videokonferenzen, an denen ich bis zu meiner Pensionierung beiwohnen durfte, und weckte mein Interesse an gangbaren Alternativen.

Diese kamen meines Wissens dann aus der Spieleindustrie, welche die virtuelle Kommunikation anhand von Avataren ermöglichte; Avatare sind Figuren, die den einzelnen Nutzern zugeordnet werden. Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen war dies für mich die ideale Lösung des Problems, da sie zum einen der Bandbreitenproblematik und zum anderen dem Selbstdarstellungsbedürfnis oder im Gegensatz dazu der Angst, sich selber präsentieren zu müssen, ausgezeichnet begegnet und damit dem Transport von Inhalten wieder mehr Raum gibt.

Ich habe leider in den letzten beiden Jahren vergeblich versucht, diese Kommunikationsform in einem ehrenamtlichen Verband hoffähig zu machen. Dabei hatte ich geglaubt, in der Software von virBELA, welche inzwischen von Universitäten als auch von Firmen erfolgreich angewendet wird, eine passable wie auch attraktive, weil spielerische Lösung gefunden zu haben.

Die Bereitschaft, sich in einem virtuellen Umfeld zu begegnen, um Reisezeit und Kosten für alle zu sparen, sowie Verwaltungs- und Organisationsaufgaben zu vereinfachen, war einfach nicht gegeben; das persönliche Miteinander für alle Beteiligten viel zu wichtig.

Zu Beginn von COVID-19 versuchte ich dann einen zweiten Anlauf, weil ich davon überzeugt bin, dass bei uns in Deutschland das Bandbreitenproblem, welches übrigens seit den 1970er Jahren bekannt ist, erst in den kommenden Jahrzehnten gelöst werden wird.

Durch den Wegfall der Videoübertragung und das vorherige Installieren der notwendigen Software kann fast die gesamte vorhandene Bandbreite dazu genutzt werden, um bei Bedarf Informationen, Präsentationen und weitere Inhalte stets aktuell nicht nur für alle zur Verfügung zu stellen, sondern diese auch untereinander bilateral sowie in Untergruppen auszutauschen.

Offensichtlich dem Zeitgeist geschuldet, hat sich aber in den letzten Wochen die Videokonferenz bei den meisten Besprechungen durchgesetzt, und es geht nunmehr eher darum, wer die „schickere“ oder auch nur die datenschutzrechtlich abgesichertste Software benutzt.

Ich gestehe dabei gerne ein, dass eine Echtzeitbildübertragung, insbesondere von den sprechenden Personen, ebenfalls Inhalte transportiert und zudem das gegenseitige Verständnis durchaus unterstützen kann, aber gebe auch zu Bedenken, dass der Mehrwert gegenüber normalen Telefonkonferenzen überschaubar ist und im Gegensatz zu den Bildtelefonaten zweier Personen untereinander Gefahren birgt, da Video- und Tonmitschnitte sowie die beliebten Screenshots von jedem Teilnehmer und zu jeder Zeit von allen anderen Personen gemacht werden können.

Aber, wie es so schön heißt, „don’t fight the system“ und versuche das Beste daraus zu machen.

Da nach dem Wegfall der COVID-19 Beschränkungen wohl die meisten wieder in den alten Trott verfallen werden, muss man davon ausgehen, dass die Videokonferenzen eher wieder zur Ausnahme und dadurch wohl auch wieder alleine aus Kostengründen eher von potenteren Unternehmen und Institutionen weiter verwendet werden.

Der Einsatz einer Videokonferenzsoftware, die mehr als Bildtelefonie und einer rudimentären Chat-Funktion bietet sowie datenschutz- und urheberrechtlich abgesichert ist, wird für die meisten Anwender technisch wie finanziell nicht realisierbar sein.

Und sollte eine solche „Volks“-Software doch noch auf den Markt kommen, muss diese sich auch dort noch durchsetzen.

Deshalb versuche ich jetzt in meinem Bereich eine Hybrid-Lösung zu etablieren. Zum einen verwenden wir jetzt eine datenschutzrechtlich weniger bedenkliche und auch einfachere wie kostengünstigere Videokonferenz-Software und zum anderen verwenden wir eine bewährte Foren-Software, die wir beide in Kombination miteinander verwenden möchten.

Damit können wir den Vorteil der Videokonferenzen mit dem für alle einfachen Weitergeben von Inhalten in Foren kombinieren, und damit für unseren Bereich die Kommunikation untereinander sicherstellen.

Wer jetzt aber weitergehendere „Features“ wie z.B. Abstimmungs- und Planungstools mit integriert haben möchte, dem empfehle ich nun bereits zum dritten Mal die eingangs erwähnte Avatar-Lösung, weil sie bereits vorhanden und inzwischen auch bewährt ist, sowie Ressourcen schont – ein Vorteil, den man angesichts unsere Umwelt- und Rohstoffprobleme durchaus in Betracht ziehen sollte!

Zudem bietet sie den Vorteil, dass sie für die meisten Nutzer einfach zu verstehen und zu „erspielen“ ist.

„Reading maketh a full man; conference a ready man; and writing an exact man.“

Francis Bacon, Of Studies – Essays (1625)
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Heilbronn

Lerchenbergtunnel

Auch wenn ich es selbst lieber gesehen hätte, dass man die seit Jahrzehnten stillgelegte Bottwartalbahn reaktiviert, und dieses Mal normalspurig über den ehemaligen Südbahnhof, den ehemaligen Karlstorbahnhof und den Sülmertorbahnhof bis hin zum Heilbronner Hauptbahnhof weiterführt, so unterstütze ich nunmehr das Vorhaben, den Lerchenbergtunnel als eine Art Erlebnisweg für Fahrradfahrer und Fußgänger herzurichten.

Entsprechend der Vision des Heilbronner Vereins „Erlebnisweg Lerchenbergtunnel e.V.“ soll die ehemalige „Verbindungsbahn“ – die Bahntrasse vom ehemaligen Südbahnhof (Endstation der Bottwartalbahn) in Richtung Heilbronner Hauptbahnhof (Abzweig Pfühlpark) – in einen innerstädtischen Fuß- und Radweg umgestaltet werden. Auch der erste Teilabschnitt der Bottwartalbahn vom jetzigen Wohngebiet Südbahnhof zur Sontheimer Landwehr. Damit wären auch das Schulzentrum, Sontheim-Ost und der Neckarradweg vernetzt.

Dabei ist es weiterhin sehr bedauerlich, wie in Heilbronn grundsätzlich Verkehrsinfrastrukturflächen, vor allem die innerstädtischen, aufgegeben oder weiter reduziert werden, obwohl man zeitgleich Heilbronn nachverdichtet und zusätzlich weitere Neubaugebiete erschließt.

Damit hat man nämlich für weitere Jahrzehnte den Ausbau eines tragfähigen Straßenbahnnetzes oder auch den einst in den 1950er Jahren geplanten Ausbau der Straßeninfrastruktur verzögert.

Die Bottwartalbahn, welche gerne auch als „Entenmörder“ bezeichnet wurde, war eine Schmalspurbahn und knapp 35 Kilometer lang. Sie führte seit Ende 1900 von Marbach am Neckar entlang der Murr, der Bottwar und der Schozach über Sontheim nach Heilbronn (Südbahnhof) hinein. Auf Druck einiger in der Südstadt angesiedelter Firmen (z.B. Knorr) wurde 1901 der Lerchenbergtunnel gebaut und machte damit eine direkte Schienenverbindung zum Hauptbahnhof möglich, welche allerdings in Normalspur ausgebaut wurde und nur dem Güterverkehr diente. Deshalb hatte der Südbahnhof umfangreiche Gleisanlagen in Normal- und Schmalspur. Im Jahr 2000 wurde der letzte Abschnitt der Bottwartalbahn stillgelegt, und dabei auch die Bemühungen, die Bahn insgesamt wieder zu reaktivieren, aufgegeben.

Der aber immer noch unter dem Heilbronner Hauptfriedhof durchführende und gut 350 Meter lange Lerchenbergtunnel könnte nun, wenn die obige Petition erfolgreich ist, zu einem Fußgänger- und Fahrradfahrertunnel werden, der wenigstens diesen eine neue und bestimmt auch sehr attraktive Verbindung innerhalb Heilbronns ermöglicht; das Herrichten der Trasse beim ehemaligen Südbahnhof zeigt, dass dies durchaus im Bereich des Möglichen liegt.

„Though we see the same world, we see it through different eyes. Any help we can give you must be different from that you can give yourselves, and perhaps the value of that help may lie in the fact of that difference.“

Virginia Woolf, Three Guineas (1938: 18)