Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

In Zeiten wie diesen, sollte, ja, muss man sich die Zeit dafür nehmen und nach Gedichten Ausschau halten, die einem persönlich und vielleicht sogar auch seelisch weiterhelfen können. Ein solches Gedicht fand ich heute in der New York Times. Elisa Gabbert schrieb am 6. März 2022 unter dem Titel „A Poem (and a Painting) About the Suffering That Hides in Plain Sight“ über ein Gedicht von W. H. Auden, welches dieser bereits 1938 angesichts des bevorstehenden Zweiten Weltkrieges in Brüssel verfasst hat.

Ich hatte dieses Gedicht vor ein paar Jahren schon einmal auf einer meiner Websites gestellt und mich darüber gewundert, warum es bei den Lesern so wenig Beachtung fand. Wahrscheinlich war einfach die Zeit noch nicht reif dafür, um sich näher mit diesem Gedicht auseinanderzusetzen.

Musee des Beaux Arts

About suffering they were never wrong,
The old Masters: how well they understood
Its human position: how it takes place
While someone else is eating or opening a window or just walking dully along;
How, when the aged are reverently, passionately waiting
For the miraculous birth, there always must be
Children who did not specially want it to happen, skating
On a pond at the edge of the wood:
They never forgot
That even the dreadful martyrdom must run its course
Anyhow in a corner, some untidy spot
Where the dogs go on with their doggy life and the torturer’s horse
Scratches its innocent behind on a tree.

In Breughel’s Icarus, for instance: how everything turns away
Quite leisurely from the disaster; the ploughman may
Have heard the splash, the forsaken cry,
But for him it was not an important failure; the sun shone
As it had to on the white legs disappearing into the green
Water, and the expensive delicate ship that must have seen
Something amazing, a boy falling out of the sky,
Had somewhere to get to and sailed calmly on.

W. H. AUDEN (Dezember 1938)

So wurde ich heute mehr als positiv überrascht, als ich die Besprechung dieses Gedichtes von Elisa Gabbert lesen durfte. Alleine schon diese Besprechung ist es wert, dass man die New York Times abonniert.

Und immer noch sehr von dieser Besprechung beeindruckt, wage ich es nicht, mich ebenfalls zu diesem Gedicht zu äußern. So kann ich jedem nur empfehlen, nicht nur das Gedicht zu lesen, sondern sich auch die Mühe zu machen und die entsprechende Besprechung von Gabbert zu lesen.

Über W. H. Auden kann man noch ganz kurz berichten, dass er als Brite geboren wurde, 1946 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, mit einer Deutschen verheiratet war und in seinen letzten Lebensjahren Teilzeitösterreicher wurde, wo er auch begraben ist.


We would rather be ruined than changed 

We would rather die in our dread 

Than climb the cross of the moment 

And let our illusions die.

W. H. Auden, The Age of Anxiety (2011 [1947]: 105, Epilog)

2 thoughts on “Zeit für ein Gedicht

  1. Re: “… In Zeiten wie diesen, sollte, ja, muss man sich die Zeit dafür nehmen und nach Gedichten Ausschau halten, die einem persönlich und vielleicht sogar auch seelisch weiterhelfen können …”

    Lieber Heinrich Kümmerle,
    Bei der Lektüre des Gedichts und der Rezension habe ich mich an eine Sendung des SWR vom 1. Januar 2020 erinnert, die sich mit der Wirkung von Gedichten und deren “überraschenden und vor allem physich nachweisbaren Wirkungen, die sogar überlebenswichtige Funktionen besitzen können..”, befasst. Die Sendung berichtet neben der Darstellung von Beispielen aus der Lyrik, auch von neurologischen Forschungen, die die Reaktionen von speziellen Hirnarealen und dem Herz/ Kreislaufsystem auf den Reim, den Versfuß, die Wiederholung, den Rhytmus, die Anlaut- und Auslautgleichheit über die sog. “Anklangssnerven” reagieren und unser Befinden beinflussen können.
    Die Sendung und das Manuskript zur Sendung finden Sie unter folgendem link:
    https://www.swr.de/swr2/wissen/manuskript-aula-2020-01-01-die-lyrische-hausapotheke-100.pdf

    Mit freundlichen Grüßen

    Peter Schulze

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