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Little Boy Blue

Heute muss ein einfach wieder einmal ein Gedicht sein und zwar eines, welches ich selber immer gerne lese. Sein Autor Eugene Field hat es wohl erstmals 1888 in der Chicago weekly veröffentlicht.

Bekannter wurde Field dann durch seinen Gedichtband „A Little Book of Western Verse“ von 1892, der neben dem Gedicht „Dutch Lullaby“, welches ich ebenfalls sehr empfehlen kann, auch das untenstehende Gedicht enthält.

Mir kam das Gedicht erstmals 1976 zu Ohren, und zwar in einer Interpretation des Magazins Mad, das zu meiner Schulzeit übrigens bei uns Schülern zur Pflichtlektüre gehörte.

Little Boy Blue

The little toy dog is covered with dust,
  But sturdy and stanch he stands;
And the little toy soldier is red with rust,
  And his musket moulds in his hands.
Time was when the little toy dog was new,
  And the soldier was passing fair;
And that was the time when our Little Boy Blue
  Kissed them and put them there.

„Now, don’t you go till I come,“ he said,
  „And don’t you make any noise!“
So, toddling off to his trundle-bed,
  He dreamt of the pretty toys;
And, as he was dreaming, an angel song
  Awakened our Little Boy Blue –
Oh! the years are many, the years are long,
  But the little toy friends are true!

Ay, faithful to Little Boy Blue they stand,
  Each in the same old place –
Awaiting the touch of a little hand,
  The smile of a little face;
And they wonder, as waiting the long years through
  In the dust of that little chair,
What has become of our Little Boy Blue,
  Since he kissed them and put them there.

Die oben erwähnte Parodie, welche übrigens von Frank Jacobs stammt, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

The little toy dog is covered with dust;
The Tinkertoys rot on the shelf;
The little toy soldiers are gathering rust,
And the teddy bear sits by himself.

The little toy engine won’t puff any more,
And, golly, I feel like a boob –
I’ve filled up his playroom with toys from the store,
But my kid won’t get up from the tube.

„A perfect poem is impossible. Once it had been written, the world would end.“

Robert Graves, in einem Interview mit Peter Buckman and William Fifield (1969)
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Wind, Sand und Sterne

Wer schon einmal etwas von Antoine de Saint-Exupéry gelesen hat, weiß sofort beim Titel dieses Beitrags, dass ich damit sein 1939 erschienenes Buch Terre des Hommes meine.

Meine Lektüre der Bücher de Saint-Exupérys begann noch zur Schulzeit mit Nachtflug, das erstmals im Dezember 1931 erschien, und endet immer wieder aufs Neue beim Kleinen Prinzen aus dem Jahre 1943.

In seinem „Erfahrungsbericht“ als Pilot, den er mit Terre des Hommes betitelt, reflektiert Antoine de Saint-Exupéry über uns Menschen und stellt dabei Folgendes fest:

„La vérité pour l’homme, c’est ce qui fait de lui un homme.“

Antoine de Saint-Exupéry, Terre des Hommes, VIII. Les hommes

Nämlich, dass es für den Menschen nur eine Wahrheit gibt, jene, die aus ihm einen Menschen macht.

Kameradschaft, Pflichterfüllung, Solidarität und Menschlichkeit sind wohl die dabei alles bestimmenden Themen. Nicht nur Antoine de Saint-Exupéry selbst ist der Meinung, dass uns heutigen Menschen der Sinn für das Leben im Allgemeinen und vor allem auch der Sinn für das eigene Leben abhanden gekommen ist.

Auch wir sind inzwischen offensichtlich zu einer reinen Spaßgesellschaft mutiert, die allein auf Kosten anderer, der Natur und der Umwelt existiert. Reisen ohne Bildung und Zweck, sowie Wellness-Urlaube, nur um ein inhaltsleeres Leben möglichst zu verlängern, sind neben weiteren sinnfreien Unterhaltungsprogrammen bei sehr vielen von uns en vogue.

Und dieses Verhalten wird von manchen Religionen sogar noch unterstützt; nehmen wir als Beispiel den Koran.

„Wisset, dass wahrlich das diesseitige Leben nur ein Spiel und ein Zeitvertreib ist.“

Koran, Sure 57:20

Am Zustand jener Länder, welche diese Erkenntnis schon seit Längerem zur Staatsraison erkoren haben, kann man die Folgen für alle leicht erkennen und auch beständig in den Nachrichten mitverfolgen. Gerade in diesen Ländern hätte schon viel eher als bei uns der Wunsch nach Orientierung aufkommen müssen, ganz besonders in Zeiten, in denen es politisch drunter und drüber geht, wenn auf den Common Sense kein Verlass mehr zu sein scheint, wenn auch die Wissenschaften nicht mehr recht weiter wissen, kurzum: wenn der Einzelne auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Viele hätten sich schon sehr lange die Grundfragen nach einem gelingenden Leben, für das bei uns traditionell die Philosophie zuständig ist, stellen müssen. Vielleicht hätten einige dann auch längst erkannt, dass es völlig egal ist, wo man sein sinnfreies Leben fristet. Es wäre damit wohl einigen zudem erspart geblieben, festzustellen, dass ihr sinnfreies Leben auch in der Fremde völlig sinnlos ist.

Denn unter vielen anderen auch, hatte bereits Michel de Montaigne erkannt, dass es nicht von Bedeutung ist, wie lange wir leben, sondern, was wir aus unserem Leben gemacht haben. Dabei hülfe es uns allen, wenn möglichst viele wieder das reine Spaßhabenwollen durch ein Streben nach mehr Kameradschaft, Pflichterfüllung, Solidarität und Menschlichkeit ersetzen und damit sich und der Gesellschaft insgesamt eine Chance zur Entwicklung und Entfaltung geben.

Es sind nämlich die Nächte, die wir zusammen mit Gleichgesinnten auf dem Truppenübungsplatz oder der Rettungswache verbracht, die Stunden in denen wir zusammen eine Idee oder ein Produkt entwickelt, „nur“ unsere alltägliche Pflicht erfüllt oder anderen Menschen geholfen haben, die jede Erinnerung an ein Kilo Kaviar auf dem Traumschiff oder einen Fünflitereimer Sangria auf Malle verblassen lassen.

Gabriel García Márquez hebt diese Art der Erinnerung besonders hervor:

„Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“

Gabriel García Márquez, Leben, um davon zu erzählen (2002)

Deswegen ist es für alle von Vorteil, wenn man sich bereits in früher Jugend darum kümmert, möglichst guten und zahlreichen Erinnerungen habhaft zu werden. Hilfreich dabei ist, wenn man die vielfältigen Angebote unserer Gesellschaft auch wahrnimmt und nicht alle Zeit und Mühen aufwendet, um sich zu drücken oder lediglich damit beschäftigt ist, Rosinen zu picken. Als letztendliche Folge kommt es dazu, wie Max Frisch in einem Werkstattgespräch anmerkt:

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält.“

Max Frisch, in Die Zeit (18. September 1964)

Dies erkennend hat unser Staat den von Martin Luther beendeten Ablasshandel modifiziert und gibt den Spätzündern unter uns die Möglichkeit, sich im Nachhinein ein sinnvolles Leben zu erkaufen: Stiftungen und elitäre Menschenrettungszirkel sprießen jüngst wie der Spargel.

Spätestens seit Martin Luther wissen wir aber auch, dass dies für das eigene Seelenheil wenig von Bedeutung, aber auch, dass es nie zu spät für ein selbstbestimmtes und sinnvolles Leben ist; die möglichen Aufgaben und Herausforderungen dafür sind tatsächlich unbegrenzt und für jedermann zugänglich.

Unsere englischsprechenden Mitbürger würden es ganz einfach wie folgt ausdrücken: „Just be a mensch!“ Harold Pinter meinte dazu:

„You’ll be a mensch … You’ll be a success.“

Harold Pinter, The Birthday Party (1959)

Und Saul Bellow ging sogar noch einen Schritt weiter:

„I want you to be a mensch.“

Saul Bellow, The Adventures of Augie March (1953)

Und für all jene, die nicht in einer Wüste zu sich selber finden können oder möchten, darf auch ein Spiegel genügen. Dale Wimbrow schrieb dazu 1934 das folgende Gedicht:

The guy in the glass

When you get all you want and you struggle for pelf,

and the world makes you king for a day,

then go to the mirror and look at yourself

and see what that man has to say.

For it isn’t your mother, your father or wife

whose judgment upon you must pass,

but the man, whose verdict counts most in your life

is the one staring back from the glass.

He’s the fellow to please,

never mind all the rest.

For he’s with you right to the end,

and you’ve passed your most difficult test

if the man in the glass is your friend.

You may be like Jack Horner and „chisel“ a plum,

And think you’re a wonderful guy,

But the man in the glass says you’re only a bum

If you can’t look him straight in the eye.

You can fool the whole world,

down the highway of years,

and take pats on the back as you pass.

But your final reward will be heartache and tears

if you’ve cheated the man in the glass.

„He hoped and prayed that there wasn’t an afterlife. Then he realized there was a contradiction involved here and merely hoped that there wasn’t an afterlife.“

Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy
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Aus meiner Jugend

Heute ist mir einfach wieder einmal danach, und die Lektüre von Gedichten steht auf dem Tagesprogramm. Dabei überlege ich, ob es nicht eine gute Gelegenheit wäre, als Lesepate auch einmal ein paar kurze Gedichte zu rezitieren.

Dabei kommt mir doch gleich ein Gedicht aus meinen eigenen Jugendtagen in den Sinn, welches allgemein Samuel Taylor Coleridge zugeschrieben wird, ohne dass man dafür bisher, zumindest meines Wissens, einen Beleg beigebracht hat.

Nichtsdestotrotz ist es ein sehr schönes und auch zeitloses Gedicht.

What if you slept?

What if you slept?

And what if, in your sleep, you dreamed?

And what if, in your dream, you went to heaven

and there plucked a strange and beautiful flower?

And what if, when you awoke, 

you had the flower in your hand?

Ah, what than?


Übrigens, ich hab meine Blume schon lange gefunden und geb sie auch freiwillig nicht mehr her.

Heilbronn im Sommer

„We don’t read and write poetry because it’s cute. We read and write poetry because we are members of the human race. And the human race is filled with passion. And medicine, law, business, engineering, these are noble pursuits and necessary to sustain life. But poetry, beauty, romance, love, these are what we stay alive for.“

Robin Williams als John Keating in Dead Poets Society (1989)
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Mein Lieblingsgedicht

Alte Schulfreunde können sich vielleicht sogar noch daran erinnern, denn es hing bereits sehr prominent in meinem Jugendzimmer. Letztendlich war es sogar dafür ausschlaggebend, dass ich Latein dem Französischen bei der Sprachwahl in der Schule den Vorzug gab.

In all den Jahren habe ich viele Übersetzungen meines Lieblingsgedichtes gefunden, nicht nur ins Deutsche, sondern auch ins Französische und Englische. Aber keine dieser Übersetzungen hat mich wirklich überzeugt. Und eine eigene Übersetzung möchte ich schon gar nicht anbieten, da mein altes Schullatein dafür bei Weitem nicht ausreichen dürfte.

Ich habe das Gedicht auch einmal auf eine Website zusammen mit anderen Gedichten gestellt, und dort wurde es von den Lesern in den Jahren 2010 bis 2013 zum meist gelesenen Gedicht gekürt.

Jetzt hoffe ich, Sie wirklich ein wenig auf dieses Gedicht neugierig gemacht zu haben. Es stammt von Publius Aelius Hadrianus und wurde so um das Jahr 100 herum verfasst.

Animula, vagula, blandula

Hospes comesque corporis 

Quae nunc abibis in loca

Pallidula, rigida, nudula, 

Nec, ut soles, dabis iocos.

Publius Aelius Hadrianus 

„When you explain poetry, it becomes banal. Better than any explanation is the experience of feelings that poetry can reveal to a nature open enough to understand it.“

Philippe Noiret als Pablo Neruda in Il Postino (1994)
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Mein letztes Gedicht

Da saß ich mal wieder zur Nachsorge im Krankenhaus, und die Schlange wurde wieder einmal eher länger als kürzer.

Da ein Soldat bekanntlich die Hälfte seines Lebens vergebens wartet, hat wohl jeder von uns seine eigene Methode entwickelt, wie er diese Zeit am Besten verbringt.

Meine war es, mich im Dichten zu üben und die Ergebnisse in einem kleinen Büchlein festzuhalten und dieses aber ganz für mich alleine und versteckt zu halten.

Aus irgendeinem Grund musste ich dann doch über Nacht bleiben und so geschah es, dass ein Stationsarzt von diesem Büchlein erfuhr und mein letztes Gedicht in Augenschein nahm.

Seine Frage danach war nur, wie ich denn überhaupt zum Dichten käme, und ich erklärte ihm, dass dies meine Art und Weise sei, wie ich längere Wartezeiten überbrücke.

Dieser Arzt muss wohl ein Kunstliebhaber gewesen sein, aber zumindest mochte er Gedichte, denn von diesem Tage an, musste ich im Krankenhaus nie mehr so lange warten, dass ich einen Bleistift nur zücken konnte.

Und so kam es, dass dies auch mein letztes Gedicht wurde, welches ich deswegen in besonderer Erinnerung behielt.

Who am I
A cloud in the sky
A beam of the sun
A thought on the run

Whatever I am
A shadow of a man
A part of a piece
A memory in grief

Whenever I can
Be all of a man
Be there if needed
Be till time is defeated

Ulm im Sommer

„The only way to survive such an insane system is to be insane oneself.“

Joseph Heller, Catch-22 (1961)
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Über die Zeit

Die Zeit, eigentlich gerade das Thema, welches jedem nicht nur die eigene Vergänglichkeit vor Augen führen müsste, sondern uns Menschen schon alleine wegen seiner Knappheit am meisten beschäftigen sollte, aber nicht damit, wie man sie am besten totschlägt, sondern, wie man sie optimal für sich selber nutzt.

Zum Einstieg zitiere ich gleich ein uraltes Sprichwort.

Nicht der Fluss fließt, sondern das Wasser. Nicht die Zeit vergeht, sondern wir.

Chinesisches Sprichwort

Vor allem beruflich musste ich mich mit dem Thema „Zeit“ oft und auch ganz existentiell auseinandersetzen, gehört die Zeit doch zu einem der wesentlichen Kriterien meines Berufes, und letztendlich auch zu dem alles entscheidenden.

Erstaunlicher Weise hat sich diese jahrtausendealte Erkenntnis allgemein nicht durchsetzen können, und Zeitverschwendung schlägt sogar noch den gleichermaßen hemmungs- wie sinnlosen Verbrauch unserer Natur und Umwelt.

Als Einstieg in eine kleine Sammlung zum Thema passender Gedichte, die Sie nicht nur erfreuen, sondern zudem auch zum weiteren Grübeln anregen sollen, stelle ich ein Gedicht von Gottfried Keller, der das Ganze bereits 1849 in der nachstehenden frühen Fassung seines Gedichtes sehr gelungen ausgedrückt hat.

Die Zeit geht nicht

Die Zeit geht nicht, sie stehet still
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist eine Karavanserai,
Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts –
Ein Tag kann eine Perle sein
Und hundert Jahre – Nichts!

Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit und Jeder schreibt
Mit seinem besten Blut darauf
Bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End‘!
Schreib‘ ich ’nen kurzen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.

Froh bin ich, daß ich aufgetaucht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb‘ ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz!


Mascha Kaléko brachte es in die folgenden Worte.

Die Zeit steht still

Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen. 
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen, 
scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen, 
wie ein Phantom an uns vorbeizurasen. 
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum, 
mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum. 

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens 
an uns vorbei zu einem andern Stern 
und ist im Nahekommen uns schon fern. 
Sie anzuhalten suchen wir vergebens 
und wissen wohl, dies alles ist nur Trug. 

Die Landschaft bleibt, indessen unser Zug 
zurücklegt die ihm zugemessnen Meilen. 

Die Zeit steht still. Wir sind es, die enteilen. 


Erich Kästner bündelte es kurz und knapp wie folgt zusammen.

Die zwei Gebote

Liebe das Leben, und denk an den Tod!
Tritt, wenn die Stunde da ist, stolz beiseite.
Einmal leben zu müssen,
heißt unser erstes Gebot.
Nur einmal leben zu dürfen,
lautet das zweite.


Ludwig Uhland blieb bei diesem Thema genauso tiefgründig wie fast immer.

In ein Stammbuch

Die Zeit, in ihrem Fluge, streift nicht bloß
Des Feldes Blumen und des Waldes Schmuck,
Den Glanz der Jugend und die frische Kraft:
Ihr schlimmster Raub trifft die Gedankenwelt.
Was schön und edel, reich und göttlich war
Und jeder Arbeit, jeden Opfers wert,
Das zeigt sie uns so farblos, hohl und klein,
So nichtig, daß wir selbst vernichtet sind.
Und dennoch wohl uns, wenn die Asche treu
Den Funken hegt, wenn das getäuschte Herz
Nicht müde wird, von neuem zu erglühn!
Das Ächte doch ist eben diese Glut,
Das Bild ist höher, als sein Gegenstand,
Der Schein mehr Wesen, als die Wirklichkeit.
Wer nur die Wahrheit sieht, hat ausgelebt;
Das Leben gleicht der Bühne: dort wie hier
Muß, wann die Täuschung weicht, der Vorhang fallen.


Eugen Roth ist mit uns dabei etwas nachsichtiger.

Lebensleiter

Wir sehen es mit viel Verdruss,
was alles man erleben muss;
und doch ist jeder darauf scharf,
daß er noch viel erleben darf.

Wir alle steigen ziemlich heiter
empor auf unserer Lebensleiter:
Das Gute, das wir gern genossen,
das sind der Leiter feste Sprossen.
Das Schlechte – wir bemerkens kaum –
ist nichts als leerer Zwischenraum.


Ernest Christopher Dowson fasste seine Erkenntnis 1896 in folgende Worte und griff dabei auf den alten Horaz zurück.

Vitae summa brevis spem nos vetat incohare longam

The brief sum of life forbids us the hope of enduring long. (Horace)

They are not long, the weeping and the laughter,
Love and desire and hate:
I think they have no portion in us after
We pass the gate.

They are not long,
The days of wine and roses:
Out of a misty dream
Our path emerges for a while, then closes
Within a dream.


Zuvor war bereits Edgar Allan Poe das folgende wunderbare Gedicht gelungen.

A dream within a dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow –
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand –
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep – while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Tales of Mystery and Imagination by Edgar Allan Poe (Narration Orson Welles)

Johann Gottfried Herder formulierte es dann wie folgt:

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
auf Erden hier.
Wie Schatten wir auf Wolken schweben
und schwinden wir.
Und messen unsere trägen Tritte
nach Raum und Zeit.
Und sind und wissens‘ nicht
in der Mitte der Ewigkeit.


Zuvor hatte sich schon Andreas Gryphius so seine Gedanken gemacht.

Es ist alles eitel

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiesen sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch’ und Bein,
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!


Joachim Ringelnatz fand für das Thema die folgenden Worte.

Auf ein Grab

Ein Wind, gütig fächelnd,
Läßt Blätter und Tränen verwehn.
Empfange einst lächelnd,
Die weinend dir nachgesehn.

Gewesen, nicht vergessen;
Erinnert, doch verziehn.

Was uns Besitztum schien,
Hat keins von uns besessen,
War höchstens nur geliehn.


Eugen Roth sieht den gesamten Sachverhalt wiederum etwas gelassener und dazu noch mit der notwendigen Prise Humor. Dieses Gedicht ist dem Band „Sämtliche Menschen“ entnommen, den ich gerne allen zum weiteren Lesen ans Herz lege.

Am Tisch des Lebens

Ein Mensch tät sich noch gerne gütlich,
Doch wirds am Tische ungemütlich:
Auf seinen Eßplatz wartet schon
Die nächste Generation,
Mit großem Löffel, spitzer Gabel,
Das Messer wetzend wie den Schnabel.
Der Mensch, der – was noch unvergessen! –
Manch zähes Zeug hineingefressen
Und der es oft schon satt gehabt,
Hätt zwar grad jetzt sich gern gelabt,
Wo es vorübergehend besser –
Doch schaut er sich die neuen Esser
Nicht ohne tiefe Rührung an:
Er sieht den holden Jugendwahn,
Der zu verspeisen sich getraut,
Was er, als Greis, nicht mehr verdaut,
Freiwillig rückt er sich ans Eck
Und trinkt sein letztes Schöpplein weg.
„Denn“, sagt er sich bescheiden klug:
„Viel oder wenig war – genug!
Auch diesen wird nicht ungemischt
Des Lebens Freude aufgetischt.
Geb Gott nicht allzu große Brocken –
Laß munter sie beisammenhocken,
Bis auf den Platz die nächsten kommen,
Den ich auch – zeitweis – eingenommen.
Gespeist – gezahlt: nun bin ich quitt
Und wünsche Guten Appetit!“


Ronald Stuart Thomas brachte es am Ende wie folgt auf den Punkt:

I think that maybe
I will be a little surer
of being a little nearer.
That’s all. Eternity
is in the understanding
that that little is more than enough.


Und zum Schluss zitiere ich noch John Wilkes, aus dem 18. Jahrhundert wohlgemerkt, versehen mit einem Hinweis von Friedrich Rückert.

Life

Life can little more supply,
Than a few good Fucks, and then we die.

Nie stille steht die Zeit …

Nie stille steht die Zeit,
der Augenblick entschwebt,
und den Du nicht genutzt,
den hast Du nicht gelebt.

„Time is the most valuable thing a man could spend.“

Theophrastus, zitiert nach Diogenes Laërtius, Lives and Opinions of Eminent Philosophers (1915: 186)
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Die Möve

In den 1980er Jahren gab mir einmal eine Freundin das folgende Gedicht von Frank Apps, und ich fand es so schön, dass ich es gleich in mein eigenes Büchlein einklebte.

The Seagull

I saw a seagull,
White against the
blue
Of sky and sea below.

He called to me
And cried, „Hello!“
And said …

„Why are you
earthbound,
Friend? When you
Can soar in mind
As high as I!“

„For in your sky,
Inside of you,
You’re limitless!“

„So be with me
And fly!“

George & Dodo (RIP)

„Poetry is the deification of reality.“

Edith Sitwell, im Life magazine (4. Januar 1963)