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Osterspaziergang

Wenn man zu Ostern schon nicht in die Kirchen gehen darf, dann ist es, und dies vor allem bei diesem guten Wetter, zwingend, dass man sich, wenn auch nur alleine, mit seinem Partner oder vielleicht gar im Familienkreise, in der freien Natur wieder etwas Luft verschafft; und dies nicht nur zum Atmen!

Einen wunderbaren Einstieg zum heutigen Osterspaziergang hat das Theater Heilbronn ermöglicht, indem unten stehend Frank Lienert-Mondanelli sehr schön aus Johann Wolfgang von Goethes Faust 1 (1808) zitiert und zwar

Vor dem Tor

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Am Ostersonntag, unternimmt Faust mit Wagner einen festtäglichen Frühlingsspaziergang und mischt sich dabei vor dem Tor unter das promenierende Volk. Übrigens, das Glockengeläut zum Ostersonntag hat verhindert, dass Faust sich gleich am Anfang das Leben nahm. Dadurch konnte Goethe an seinem Werk weiterarbeiten und vielen Mitmenschen genüssliche Stunden bereiten.

Rezitiert von Frank Lienert-Mondanelli

„Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

Johann Wolfgang von Goethe, Faust 1
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Rudyard Kipling

Seine beiden Dschungelbücher aus den Jahren 1894 und 1895 kennt wohl jeder, und die meisten haben zumindest auch eine Verfilmung davon gesehen.

Mich hat Rudyard Kipling besonders dadurch beeindruckt, indem er unter anderem die Erhebung in den Adelsstand ablehnte und damit selbst die bekannte Hanseatische Ablehnung „alt aussehen“ lässt.

Aber nicht wegen seiner Bücher, wie z.B. sein wohl bekanntester Roman Kim aus dem Jahr 1901, oder seiner bereits erwähnten Zurückhaltung, sondern wegen des folgenden Gedichts aus dem Jahr 1910 blieb mir Kipling bis heute in sehr guter Erinnerung.

If

If you can keep your head when all about you 
Are losing theirs and blaming it on you, 
If you can trust yourself when all men doubt you, 
But make allowance for their doubting too; 
If you can wait and not be tired by waiting, 
Or being lied about, don’t deal in lies, 
Or being hated, don’t give way to hating, 
And yet don’t look too good, nor talk too wise:

If you can dream – and not make dreams your master; 
If you can think – and not make thoughts your aim; 
If you can meet with Triumph and Disaster 
And treat those two impostors just the same; 
If you can bear to hear the truth you’ve spoken 
Twisted by knaves to make a trap for fools, 
Or watch the things you gave your life to, broken, 
And stoop and build ‚em up with worn-out tools:

If you can make one heap of all your winnings 
And risk it on one turn of pitch-and-toss, 
And lose, and start again at your beginnings 
And never breathe a word about your loss; 
If you can force your heart and nerve and sinew 
To serve your turn long after they are gone, 
And so hold on when there is nothing in you 
Except the Will which says to them: ‚Hold on!‘

If you can talk with crowds and keep your virtue, 
‚Or walk with Kings – nor lose the common touch, 
if neither foes nor loving friends can hurt you, 
If all men count with you, but none too much; 
If you can fill the unforgiving minute 
With sixty seconds‘ worth of distance run, 
Yours is the Earth and everything that’s in it, 
And – which is more – you’ll be a Man, my son!

Rezitiert von Tom O’Bedlam

Das Gedicht wurde um 1895 herum wohl in Anlehnung an Leander Starr Jameson verfasst.

Die beiden Zeilen des Gedichts „If you can meet with Triumph and Disaster / and treat those two impostors just the same“ findet man übrigens ganz prominent im All England Lawn Tennis and Croquet Club in London, sowie auch im West Side Tennis Club in New York.

Manche meinen, dass das Gedicht ganz gut die Idee der Bhagavad Gita, eine der zentralen Schriften des Hinduismus wiedergibt. Ich meine, dass das auch ganz gut zu Rudyard Kiplings eigenem Leben passen würde.

Ich möchte dabei aber nicht unerwähnt lassen, dass Albert Schweitzer (Die Weltanschauung der indischen Denker 1935) die Bhagavad Gita sehr kritisch sieht, nämlich als „das meist idealisierte Buch der Weltliteratur.

„Look for the bare necessities, the simple bare necessities. Forget about your worries and your strife.“

Phil Harris als Baloo in The Jungle Book (1967)