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Unbequemes

Aus einer Erfahrung heraus, die durch jahrzehntelanges Beobachten und selber Erleben geprägt wurde, muss ich das nun Folgende feststellen; ohne Frage erschüttert diese Feststellung dabei auch meine eigenen Jugendüberzeugungen.

Auf den Punkt gebracht: eine Gesellschaft kann nur dann richtig tolerant sein, wenn es ihre Judikative und Exekutive ausdrücklich gerade nicht sind.

Unsere gemeinsamen Gesetze, Regeln und Grundsätze sind über Jahrhunderte hinweg entstanden und prägen heute unsere freiheitlich demokratische Grundordnung nicht nur, sondern sind auch das Fundament auf dem unsere Gesellschaft steht und sich weiter entwickeln wird.

Demokratie, Föderalismus, Christentum und Humanismus sind dabei aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken: sie prägen unsere offene Gesellschaft, die grundsätzlich allen Menschen offen steht, welche unsere Werte und Gebräuche nicht nur anerkennen, sondern auch selbst leben möchten. Unsere offene Gesellschaft kann es mit anderen Idealen, Werten und Gebräuchen nicht geben, denn dann wäre es eine andere Gesellschaft, vielleicht auch eine ähnlich offene aber auf jeden Fall eine ganz andere.

Deshalb ist es zwingend nötig, dass alle, ob „Alteingesessene“ oder Menschen mit Zuzugsgeschichte, sich zu unserer offenen Gesellschaft und ihrer freiheitlich demokratischen Grundordnung bekennen und diese mittragen.

Unsere offene Gesellschaft kann zwar Andersdenkende in unseren Reihen tolerieren, sich bis zu einem gewissen Maße auch an deren Ideen und Vorstellungen reiben und vielleicht auch das eine oder andere als gut mit übernehmen, denn jede Gesellschaft lebt vom Wandel, und Utopia ist per Definition reine Utopie und in ihrem Stillstand von Anfang an auch tot, aber sobald die oben genannten Grundsätze in Gefahr geraten, hat unsere Gesellschaft in Gänze vehement und effektiv zu reagieren.

Dwight D. Eisenhower mahnte bereits in seiner Antrittsrede als US-Präsident, dass

A people that values its privileges above its principles soon loses both.

Dwight D. Eisenhower, First Inaugural Address“ (20. Januar 1953)

Peter Hahne forderte 2004 in seinem viel beachteten Buch „Schluss mit lustig“ das Ende der Spaßgesellschaft. Leider sahen das wohl die meisten unserer Mitbürger als Startschuss, um noch lustiger als zuvor an allen unseren Grundfesten zu rütteln.

Dabei sind es doch genau diese unsere Gesetze, Regeln und Grundsätze, die den Erfolg unserer Gesellschaft erst möglich gemacht und unser Land zu einem der wenigen Traumländer vieler Menschen aus der ganzen Welt gemacht haben. Und mit einer weiteren Nichtbefolgung, Aushöhlung oder gar Abschaffung der Grundlagen unseres Wohlstandes schaffen wir langsam aber sicher unsere gesamte offene wie auch bisher erfolgreiche Gesellschaft ab.

Und genau hier setzt meine Forderung an, nämlich, dass unsere Judikative und Exekutive Null-Toleranz gegenüber allen, die gegen unsere Regeln verstoßen, walten lassen!

Da wir bereits längst die Grenze des Tolerierbaren überschritten haben, müssen wir die Legislative zwingen, dass Jurisdiktion und Exekutive ihren Aufgaben schonungslos und unnachgiebig nachkommen. Zudem dürfen wir bereits bei kleinsten Regelverstößen keine Nachsicht mehr walten lassen, denn sonst reichen bald keine Kapazitäten mehr aus, um das Ganze noch in den Griff zu bekommen.

Schluss mit lustig! muss endlich nicht nur zu einer allgemein formulierten Forderung werden, sondern auch von allen umgesetzt und mitgetragen werden.

Regelverstöße wie auch Verstöße gegen Ruhe und Ordnung müssen schnellstmöglich sanktioniert werden. Der Mehrbedarf an Personal und Aufwand macht sich sehr schnell wieder bezahlt und setzt zudem Kapazitäten frei, die bisher zur Schadenbegrenzung bzw. -behebung aufgewendet werden müssen.

Auch Anforderungen, ob geistiger, körperlicher, technischer oder anderer Art, müssen wieder gänzlich erfüllt werden und dürfen nicht weiter einem vorübergehenden Zeitgeist geopfert werden. Ein Arzt ohne Ethos, ein Richter ohne Hirn oder ein Lehrer ohne Bildung helfen genau so wenig wie ein Feuerwehrmann oder Polizist ohne Arme und Beine.

Aber auch diese Korrekturen sind bei Weitem nicht mehr ausreichend, wir müssen die Schrauben weiter anziehen, um den allmählichen Zerfall unserer offenen Gesellschaft noch abzuwenden.

Die Religionsfreiheit ist eine der Freiheiten, die unsere Gesellschaft mit ausmachen, das heißt aber bei Weitem nicht, dass wir Religionen schützen oder dulden müssen, die eine offene Gesellschaft oder unsere freiheitlich demokratische Grundordnung sowie deren Werte und Regeln ablehnen.

Die Null-Toleranz muss hierbei sogar so weit gehen, dass selbst eine christliche Kirche, die es ablehnt, im Falle von in ihren Reihen begangenen Straftaten mit dem Staat zusammenzuarbeiten, wirkungsvoll sanktioniert wird. Selbst der Verstoß gegen die Geschlechtergleichheit ist nicht nur zu ahnden, sondern der Mangel auch abzustellen.

Eine doppelte Staatsbürgerschaft kann es eigentlich gar nicht geben und macht nur in den folgenden Fällen halbwegs Sinn, nämlich im Falle der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die sich im Prozess befinden, die nationale gegen eine europäische Staatsbürgerschaft einzutauschen, und historisch bedingt mit Israel, den USA und Kanada.

In diesem Falle muss die Null-Toleranz sicherstellen, dass multiple Staatsbürgerschaften dokumentiert und im Zuge dessen auch möglichst aufgelöst werden, und darüber hinaus zudem die Chance ergriffen wird, im Falle krimineller Staatsbürger mit weiteren Staatsbürgerschaften, die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen.

Das Asylrecht gehört zu den allgemeinen Menschenrechten und ist bei uns nicht nur anerkannt, sondern auch gesetzlich festgeschrieben. Aber auch dieses hat seine notwendigen und allgemein anerkannte Grenzen, nämlich wenn der Asylsuchende zur Strafverfolgung ausgeschrieben ist, die tatsächlich auf Grund von Verbrechen nichtpolitischer Art oder auf Grund von Handlungen erfolgt, die gegen die Ziele und Grundsätze der Vereinten Nationen verstoßen.

Darüber hinaus muss Null-Toleranz auch dann sofort walten, sobald ein Asylant bei uns kriminell wird oder unsere freiheitlich demokratische Grundordnung sowie deren Werte und Regeln ablehnt. Hierfür wären durch die Vereinten Nationen unterhaltene Auffanglager durchaus denkbar und wünschenswert.

Unsere offene Gesellschaft ist offensichtlich immer noch viel zu fragil, um weiterhin den von innen als auch außen angestoßenen Erosionen weiter wie bisher begegnen zu können.

Wenn wir jetzt nicht handeln und endlich für unsere Werte und Überzeugungen offensiv und vor allem auch sehr nachhaltig eintreten, dann wird unsere offene Gesellschaft nicht von außen, sondern von innen heraus zerbrechen und in Zeiten zurückfallen, die wirklich kein normaler Mensch haben oder gar durchleben möchte.

Deswegen müssen wir unsere Judikative und Exekutive dazu auffordern, Null-Toleranz walten zu lassen, auch wenn es für uns selber sehr schwierig, vielleicht auch äußerst unangenehm werden kann.

Barack Obama schrieb dazu 2006:

„If we aren’t willing to pay a price for our values, then we should ask ourselves whether we truly believe in them at all.“

Barack Obama, The Audacity of Hope: Thoughts on Reclaiming the American Dream (2006: 68)

„I only regret that I have but one life to lose for my country.“

Nathan Hale, New York, City Hall Park 
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Allgemein

Wind, Sand und Sterne

Wer schon einmal etwas von Antoine de Saint-Exupéry gelesen hat, weiß sofort beim Titel dieses Beitrags, dass ich damit sein 1939 erschienenes Buch Terre des Hommes meine.

Meine Lektüre der Bücher de Saint-Exupérys begann noch zur Schulzeit mit Nachtflug, das erstmals im Dezember 1931 erschien, und endet immer wieder aufs Neue beim Kleinen Prinzen aus dem Jahre 1943.

In seinem „Erfahrungsbericht“ als Pilot, den er mit Terre des Hommes betitelt, reflektiert Antoine de Saint-Exupéry über uns Menschen und stellt dabei Folgendes fest:

„La vérité pour l’homme, c’est ce qui fait de lui un homme.“

Antoine de Saint-Exupéry, Terre des Hommes, VIII. Les hommes

Nämlich, dass es für den Menschen nur eine Wahrheit gibt, jene, die aus ihm einen Menschen macht.

Kameradschaft, Pflichterfüllung, Solidarität und Menschlichkeit sind wohl die dabei alles bestimmenden Themen. Nicht nur Antoine de Saint-Exupéry selbst ist der Meinung, dass uns heutigen Menschen der Sinn für das Leben im Allgemeinen und vor allem auch der Sinn für das eigene Leben abhanden gekommen ist.

Auch wir sind inzwischen offensichtlich zu einer reinen Spaßgesellschaft mutiert, die allein auf Kosten anderer, der Natur und der Umwelt existiert. Reisen ohne Bildung und Zweck, sowie Wellness-Urlaube, nur um ein inhaltsleeres Leben möglichst zu verlängern, sind neben weiteren sinnfreien Unterhaltungsprogrammen bei sehr vielen von uns en vogue.

Und dieses Verhalten wird von manchen Religionen sogar noch unterstützt; nehmen wir als Beispiel den Koran.

„Wisset, dass wahrlich das diesseitige Leben nur ein Spiel und ein Zeitvertreib ist.“

Koran, Sure 57:20

Am Zustand jener Länder, welche diese Erkenntnis schon seit Längerem zur Staatsraison erkoren haben, kann man die Folgen für alle leicht erkennen und auch beständig in den Nachrichten mitverfolgen. Gerade in diesen Ländern hätte schon viel eher als bei uns der Wunsch nach Orientierung aufkommen müssen, ganz besonders in Zeiten, in denen es politisch drunter und drüber geht, wenn auf den Common Sense kein Verlass mehr zu sein scheint, wenn auch die Wissenschaften nicht mehr recht weiter wissen, kurzum: wenn der Einzelne auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Viele hätten sich schon sehr lange die Grundfragen nach einem gelingenden Leben, für das bei uns traditionell die Philosophie zuständig ist, stellen müssen. Vielleicht hätten einige dann auch längst erkannt, dass es völlig egal ist, wo man sein sinnfreies Leben fristet. Es wäre damit wohl einigen zudem erspart geblieben, festzustellen, dass ihr sinnfreies Leben auch in der Fremde völlig sinnlos ist.

Denn unter vielen anderen auch, hatte bereits Michel de Montaigne erkannt, dass es nicht von Bedeutung ist, wie lange wir leben, sondern, was wir aus unserem Leben gemacht haben. Dabei hülfe es uns allen, wenn möglichst viele wieder das reine Spaßhabenwollen durch ein Streben nach mehr Kameradschaft, Pflichterfüllung, Solidarität und Menschlichkeit ersetzen und damit sich und der Gesellschaft insgesamt eine Chance zur Entwicklung und Entfaltung geben.

Es sind nämlich die Nächte, die wir zusammen mit Gleichgesinnten auf dem Truppenübungsplatz oder der Rettungswache verbracht, die Stunden in denen wir zusammen eine Idee oder ein Produkt entwickelt, „nur“ unsere alltägliche Pflicht erfüllt oder anderen Menschen geholfen haben, die jede Erinnerung an ein Kilo Kaviar auf dem Traumschiff oder einen Fünflitereimer Sangria auf Malle verblassen lassen.

Gabriel García Márquez hebt diese Art der Erinnerung besonders hervor:

„Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“

Gabriel García Márquez, Leben, um davon zu erzählen (2002)

Deswegen ist es für alle von Vorteil, wenn man sich bereits in früher Jugend darum kümmert, möglichst guten und zahlreichen Erinnerungen habhaft zu werden. Hilfreich dabei ist, wenn man die vielfältigen Angebote unserer Gesellschaft auch wahrnimmt und nicht alle Zeit und Mühen aufwendet, um sich zu drücken oder lediglich damit beschäftigt ist, Rosinen zu picken. Als letztendliche Folge kommt es dazu, wie Max Frisch in einem Werkstattgespräch anmerkt:

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält.“

Max Frisch, in Die Zeit (18. September 1964)

Dies erkennend hat unser Staat den von Martin Luther beendeten Ablasshandel modifiziert und gibt den Spätzündern unter uns die Möglichkeit, sich im Nachhinein ein sinnvolles Leben zu erkaufen: Stiftungen und elitäre Menschenrettungszirkel sprießen jüngst wie der Spargel.

Spätestens seit Martin Luther wissen wir aber auch, dass dies für das eigene Seelenheil wenig von Bedeutung, aber auch, dass es nie zu spät für ein selbstbestimmtes und sinnvolles Leben ist; die möglichen Aufgaben und Herausforderungen dafür sind tatsächlich unbegrenzt und für jedermann zugänglich.

Unsere englischsprechenden Mitbürger würden es ganz einfach wie folgt ausdrücken: „Just be a mensch!“ Harold Pinter meinte dazu:

„You’ll be a mensch … You’ll be a success.“

Harold Pinter, The Birthday Party (1959)

Und Saul Bellow ging sogar noch einen Schritt weiter:

„I want you to be a mensch.“

Saul Bellow, The Adventures of Augie March (1953)

Und für all jene, die nicht in einer Wüste zu sich selber finden können oder möchten, darf auch ein Spiegel genügen. Dale Wimbrow schrieb dazu 1934 das folgende Gedicht:

The guy in the glass

When you get all you want and you struggle for pelf,

and the world makes you king for a day,

then go to the mirror and look at yourself

and see what that man has to say.

For it isn’t your mother, your father or wife

whose judgment upon you must pass,

but the man, whose verdict counts most in your life

is the one staring back from the glass.

He’s the fellow to please,

never mind all the rest.

For he’s with you right to the end,

and you’ve passed your most difficult test

if the man in the glass is your friend.

You may be like Jack Horner and „chisel“ a plum,

And think you’re a wonderful guy,

But the man in the glass says you’re only a bum

If you can’t look him straight in the eye.

You can fool the whole world,

down the highway of years,

and take pats on the back as you pass.

But your final reward will be heartache and tears

if you’ve cheated the man in the glass.

„He hoped and prayed that there wasn’t an afterlife. Then he realized there was a contradiction involved here and merely hoped that there wasn’t an afterlife.“

Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy
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Politik

Berufspolitik

Jüngst hat mich ein befreundeter Berufspolitiker gefragt, was ich denn eigentlich gegen alle Berufspolitiker hätte? Ganz spontan hätte ich ihm gerne geantwortet, dass es genau dieses pauschale „Kastendenken“ sei.

Dies wäre aber weder unserer Freundschaft noch dem Thema gerecht geworden, und so kam ich ins Grübeln …

Grundlage meines Verständnisses von „Berufspolitik“ ist ein vor einhundert Jahren gehaltener Vortrag von Max Weber, welchen Sie auch hier finden können. Weber hätte ihm wohl wie folgt geantwortet:

„Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber: ‚dennoch!‘ zu sagen vermag, nur der hat den ‚Beruf‘ zur Politik.“

Max Weber (Politik als Beruf, 1919)

Max Webers Vortrag ist noch heute sehr lesenswert und die meisten seiner Aussagen noch immer gültig. So gefällt mir diese wohl bekanntestes Aussage Webers am Besten:

„Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.“

Max Weber (Politik als Beruf, 1919)

Und genau an dieser Aussage möchte ich meine Bedenken an so manchem Berufspolitiker festmachen, welcher Schnellschüssen und Medienergüssen immer öfters den Vorzug vor dem Augenmaß und dem langsamen Bohren von dicken Brettern gibt. Dabei lässt er zudem noch jegliche Leidenschaft vermissen und signalisiert den Bürgern damit, dass Politik „ein Beruf wie jeder andere“ sei, und er doch auch irgendwie sein Geld verdienen müsse.

Hinzu kommt noch Webers Feststellung:

„ … führerlose Demokratie, das heißt: die Herrschaft der ‚Berufspolitiker‘ ohne Beruf, ohne die inneren, charismatischen Qualitäten, die eben zum Führer machen. Und das bedeutet dann das, was die jeweilige Parteifronde gewöhnlich als Herrschaft des ‚Klüngels‘ bezeichnet.“ 

Max Weber (Politik als Beruf, 1919)

Hans August Lücker, ehemaliger Bundestags- und Europaabgeordneter sagte noch vor ein paar Jahren hier in Heilbronn zu seinen Kollegen:

„Ihr seid keine Politiker mehr, nur noch bessere Verwaltungsbeamte.“

Hans August Lücker (2006)

Soweit möchte ich nun wieder nicht gehen, stelle dennoch fest, dass es charismatischen und aufgrund von Eignung, Leistung und Befähigung aus der Masse herausragenden Politikern immer schwerer fällt, sich in Parteiapparaten hochzudienen. Nach rund siebzig Jahren sind wir wohl allesamt in einer Mediokratie angelangt.

Dies aber gefällt doch gerade den meisten Mitbürgern auch, da „ihr“ Politiker damit auf alle Fälle „einer von ihnen“ ist und viele zudem noch meinen, auf diesen herabschauen zu können. Manche glauben sogar, über diesen ein wenig „mit an der Macht“ zu sein.

Das Problem stellt sich aber dann, wenn die Mitbürger von „besseren Verwaltungsbeamten“ plötzlich erwarten, dass diese weltbewegende Probleme über Nacht lösen.

Hier möchte ich zu deren Gunsten einwerfen, sie versuchen es doch immer wieder, meist auch medial sehr aufgebauscht, und kommen letztendlich immer zum selben Ergebnis, nämlich, dass Mediokratie und Lösungen über Nacht nicht miteinander zu verheiraten sind.

Das ist von uns aber auch nicht gefordert, denn wir haben uns allesamt in den letzten Jahrzehnten dazu entschieden, dass für uns Politik das langsame Bohren dicker Bretter mit Augenmaß ist, und wir deswegen auch bestehende und neu hinzukommende Problemstellungen und Herausforderungen sachlich und peu à peu lösen müssen.

Anders ausgedrückt: wir bewegen uns von einem Kompromiss zum nächsten und hoffen dabei, dass wir nicht das Ziel aus den Augen verlieren. Dieses Vorgehen hat sich sowohl in der Bonner als auch in der Berliner Republik bewährt und ist inzwischen auch eine besondere Politikform. Denn selbst wenn alle heutigen Berufspolitiker einer Meinung wären, käme ein Kompromiss dabei heraus.

Das bedeutet für uns Bürger aber auch, dass wir nicht „führerlose Demokratie“ und „Führerdemokratie“ zugleich haben können!

Deswegen dürfen wir Bürger nicht plötzlich vermeintlichen Führern hinterherlaufen wollen. Ich sage ganz bewusst vermeintlich, denn wo sollen diese Lichtgestalten denn überhaupt herkommen? Diese kommen ganz bestimmt auch nicht von außerhalb der Politik, denn dann müssten sie schon vom hintern Mond her einfliegen.

Und deswegen, um die ursprüngliche Frage meines mit mir befreundeten Berufspolitiker zu beantworten, dürfen Berufspolitiker nicht versuchen, den Bürgern vorzugaukeln, dass sie diese neuen Lichtgestalten seien, die auch für alle Probleme dieser Welt eine Antwort hätten, sondern sie müssen wieder an die dicken Bretter zurück, die sie dann möglichst mit Augenmaß, hart und vor allem anderen wieder mit Leidenschaft langsam bohren.

Auf den Punkt gebracht: ich habe etwas gegen Politiker, die ihre eigentliche Arbeit verweigern und dafür in Talkshows und bei anderen Gelegenheiten herumgeistern. Denn die Welt retten sie damit auch nicht! Die Welt retten nur wir Bürger selbst, und unsere Politiker könnten uns dabei behilflich sein, so wie auch alle Verwaltungsbeamten.

Berlin im Winter

„Leute mit Mut und Charakter sind den anderen Leuten immer sehr unheimlich.“

Hermann Hesse, Demian: Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend (1974 [1919]: 36)
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Allgemein Politik

Bürger & Pflicht

Nicht zum Ruhme der Menschheit, bildet sich seit Urzeiten der tatsächliche Wert von Gemeinschaften aus der Menge von Wehrfähigen, die diese zu generieren im Stande sind. Zumindest zu meinem Leidwesen wird sich daran auch in den kommenden Jahrhunderten wenig ändern – unsere „eine Welt“ bleibt weiterhin Utopie.

Die Wehrfähigkeit des Individuums setzt eine körperliche, geistige und charakterliche Eignung sowie die Bereitschaft voraus, für die Gemeinschaft zu töten als auch selber getötet zu werden. Die tatsächliche Kampfkraft einer Gemeinschaft ergibt sich aus der Einbindung der Wehrfähigen in die jeweilige Gemeinschaft und deren Unterstützung durch dieselbe.

Im Laufe der Jahrtausende haben sich weitere Gemeinschaftsdienste herausgebildet, nämlich der Dienst zum Erhalt von Ruhe und Ordnung, Rettungsdienste, sowie Heil-, Pflege- und Betreuungsdienste, welche meines Erachtens in ihrer alltäglichen Bedeutung für die Gemeinschaft mit dem Wehrdienst durchaus gleichzusetzen sind.

Jede Gemeinschaft muss für all diese Dienste ausreichend Mitglieder gewinnen, um idealtypisch eine Bestenauslese sicherstellen zu können, denn dies ist für ein funktionierendes Gemeinschaftleben wesentlich und im Falle einer kriegerischer Auseinandersetzung ausschlaggebend. 

Gemeinschaften können ihre jeweiligen Dienste durch einen Appell an ihre Mitglieder, diese freiwillig abzuleisten (z.B. Bundesfreiwilligendienst) sicherstellen. Im Falle, dass dies nicht ausreicht, einzelne bis alle Dienste professionalisieren (z.B. Polizei) oder aber auch ihre Mitglieder in die Dienstpflicht (z.B. Wehrpflicht) nehmen. 

Kennzeichnend für jede Gemeinschaft ist es, ob und wie sie ihre Gemeinschaftsdienste sicherstellen kann und vor allem auch, ob es ihr dabei gelingt, eine Bestenauslese zu erreichen. 

Ursprünglich haben sich Mitglieder in allen Gemeinschaften dadurch Verdienste erworben, indem sie Dienst an der Gemeinschaft leisteten und dies möglichst freiwillig und darüber hinaus auch für die Gemeinschaft gewinnbringend.

Inzwischen scheint es eher der Fall zu sein, dass der Dienst für die Gemeinschaft zum Beruf geworden, die Dienstpflicht weder zeitgemäß noch gemeinschaftlich akzeptiert ist, und die Freiwilligkeit einen Exotenstatus erlangt hat. 

Auffallend bei uns in Deutschland ist es, dass die nunmehr berufsmäßigen Diensttuer – in allen Diensten – nicht nur schlecht alimentiert werden und damit eine Bestenauslese kaum mehr möglich ist, sondern auch ihr Dienst an der Gemeinschaft nicht mehr als „Verdienst“ wahrgenommen wird. Schlimmer noch, es wird als Makel angesehen, sich für die Gemeinschaft einzubringen. 

Richtig wäre es,

  • die Alimentierung, ob Pfleger oder Militär, so zu erhöhen, dass der Gemeinschaft jederzeit genügend und bestmöglich qualifizierte berufsmäßige Diensttuer zur Verfügung stehen;
  • den freiwilligen Dienst an der Gemeinschaft so zu fördern, dass dies wieder allgemein als Verdienst angesehen wird.

Falsch ist es,

  • den offensichtlichen Mangel an Diensttuern dadurch zu beheben, indem man jene, die sich der Dienstpflicht nicht entziehen wollen oder können, in Pflichten zwingt, denen sie oftmals weder gerecht werden können noch für die sie hinterher ausreichend von der Gemeinschaft estimiert werden. 

Und völlig unmöglich ist es,

  • dass Mitglieder einer Gemeinschaft, welche sich zum einen selber der Dienstpflicht entzogen und zum anderen niemals freiwillig einen Dienst geleistet haben, andere in die Dienstpflicht zwingen wollen!

Wie gesagt, jede Gemeinschaft zeichnet sich dadurch aus und wird auch so von anderen gesehen werden, wie sie ihre Gemeinschaftsdienste organisiert und sicherstellt. Und jene Gemeinschaften, die sie nicht sicherstellen können, werden sich letztendlich in allgemeines Wohlgefallen auflösen. 

„And so, my fellow Americans, ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country.

My fellow citizens of the world, ask not what America will do for you, but what together we can do for the freedom of man.“

John F. Kennedy in seiner Antrittsrede
Antrittsrede am 20. Januar 1961
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Heilbronn Politik

Rede zum Treffpunkt Europa 2014

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren! 

Es freut mich heute ganz besonders hier erneut dieses Grußwort sprechen zu dürfen, nicht nur weil wir morgen den 25. Treffpunkt Europa feiern, sondern weil wir alle – und dies nur wenige Tage nach der Amtseinführung unseres neuen OB – heute zum Empfang des Oberbürgermeisters am Vorabend des Treffpunkts Europa eingeladen sind.

Damit führen Sie, Herr Oberbürgermeister, eine Tradition fort, die unter Ihren Vorgängern Herrn Dr. Manfred Weinmann begann und unter Herrn Helmut Himmelsbach für die meisten von uns zu einem Highlight des Jahres geworden ist.

Tradition ist es dabei nicht, wie Thomas Morus es treffend formulierte, die Asche zu bewahren, sondern die Flamme weiterzutragen. Und sie Herr Oberbürgermeister haben sich dankenswerter Weise dazu bereit erklärt.

Ich meine mit dieser Flamme aber nicht das olympische Feuer, dies wird zum Entsetzen vieler inzwischen von Diktatoren, Potentaten und Kriegstreibern weitergereicht. Ich meine mit dieser Flamme unsere Europäische Idee, welche in vielen von uns lodert und hoffentlich den Funken Europa weiterträgt, auch über Heilbronn hinaus, und möglichst bei vielen unserer Mitbürger die europäische Begeisterung entflammen lässt.

Aus diesem Grund veranstalten wir seit 25 Jahren den Treffpunkt Europa und aus diesem Grund fordern wir auch ein Europahaus für Heilbronn. Dieses Europahaus soll aber kein weiterer „Infopoint Europa“ und auch kein weiteres „Europe Direkt“ sein, sondern eine europäische Bildungsstätte werden, gerne auch als Gegenpol zur Heilbronner „Experimenta“ – welche bekanntlich die Technologie in den Vordergrund stellt.

Denn Bildung ist Bürgerpflicht! Nur die Bildung – und dies möglichst für alle – kann uns vor der schleichenden Entmenschlichung dieser Welt retten. Und nur die Bildung – nicht Waffen – kann uns vor zukünftigen Kriegen bewahren.

Europa ist Bildung und Bürgerbeteiligung zugleich! Hier bei uns in Heilbronn sind wir weiterhin auf dem richtigen Weg. Und diesen wollen wir auch gemeinsam weitergehen. Morgen beim Treffpunkt Europa, am 25. Mai in den Wahlkabinen und vielleicht in ein paar Jahren auch im „Europahaus Heilbronn“.

Heilbronn im Mai

„You answered without saying anything. That’s politics.“

Arthur Kennedy als Jackson Bentley in Lawrence of Arabia (1962)