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Non, je ne regrette rien

In den 1990er Jahren waren französische Truppenübungsplätze für uns Soldaten eine ganz neue Spielwiese, die zudem Möglichkeiten und Herausforderungen boten, welche es so auf deutschen Truppenübungsplätzen kaum noch gab. Bei einem solchen Truppenübungsplatzaufenthalt, die gerne mehr als die doppelte, sonst bei uns übliche Zeit dauern konnten, traf ich einen französischen Kameraden, den ich bei einem gemeinsamen Lehrgang kennenlernen durfte und mit dem ich seitdem freundschaftlich verbunden war. Als er mich fragte, ob man hier nicht einmal Gelegenheit fände, um gemeinsam ein Bier zu trinken, konnte ich ihm erfreut berichten, dass unsere Brigade vor Ort bereits einen guten Cercle Mixte eingerichtet hatte. Er bestand aber auf sein Heimrecht und holte mich eines Abends zu einem Spaziergang ab. Dieser führte uns aus dem Lager heraus, querfeldein über den Platz, bis wir zu einem sehr kleinen, bereits in Dunkelheit gehüllten Straßendorf gelangten. Dort gab es zwei Kneipen, die erste offensichtlich mit französischen Kameraden gefüllt, welche ebenfalls gute Ortskenntnisse hatten, und eine kleinere am anderen Ende des Dorfes, die der Dorfjugend als Rückzugsgebiet diente.

Dort ließen wir uns an einem kleinen Tisch in der Ecke nieder und tranken unser Bier. Hinter der Theke stand eine etwas ältere Dame und eine jüngere kümmerte sich um den Service. Die Jugend war mit sich selbst beschäftigt und eine alte Wurlitzer Jukebox stand einsam und verlassen in der Ecke.

Irgendwie kam ich auf die Idee, meinem Kameraden zeigen zu müssen, wie man den gesamten Abend über Musik hören könne, ohne selbst dafür zahlen zu müssen. Er händigte mir ein paar Franc aus und ich wählte damit mehrfach ein und dieselbe Single — Edith Piaf passte so gar nicht ins Sortiment und würde, meiner Überzeugung nach, die Dorfjugend dazu animieren, die Jukebox am Weiterdrehen zu halten.

Meine Idee schien aufzugehen, ein paar Mädchen guckten bereits danach, neue Lieder aussuchen zu können, als die Wirtin hinterm Tresen hervorkam und ihre Gäste dazu bewog, für heute den Abend zu beenden. Dann kam sie zu uns, und ich verstand halbwegs, dass ihr verstorbener Vater oder Mann in Algerien kämpfte, aber ganz sicher, dass wir so lange bleiben dürften wie wir wollten, das Bier selber fänden, die Getränke aufs Haus gingen und wir beim Gehen nur die Tür hinter uns zuziehen müssten.

Den restlichen Abend über erhielt ich von meinem Kameraden die Geschichte des Algerienkriegs bis ins kleinste Detail geschildert, und irgendwie fanden wir in den frühen Morgenstunden auch wieder ins Lager zurück.

Am nächsten Morgen befand sich der Liedtext auf einer Serviette in meiner Hosentasche.

Non! Rien de rien …
Non! Je ne regrette rien
Ni le bien qu’on m’a fait
Ni le mal tout ça m’est bien égal!
Non! Rien de rien …
Non! Je ne regrette rien …
C’est payé, balayé, oublié
Je me fous du passé!
Avec mes souvenirs
J’ai allumé le feu
Mes chagrins, mes plaisirs
Je n’ai plus besoin d’eux!
Balayés les amours
Avec leurs trémolos
Balayés pour toujours
Je repars à zéro …
Non! Rien de rien …
Non! Je ne regrette rien …
Ni le bien, qu’on m’a fait
Ni le mal, tout ça m’est bien égal!
Non! Rien de rien …
Non! Je ne regrette rien …
Car ma vie, car mes joies
Aujourd’hui, ça commence avec toi!

Michel Vaucaire und Charles Dumont boten Edith Piaf 1960 dieses Lied an, und sie machte es über Nacht zu einem unvergesslichen Schlager.

Bei einem anderen Truppenübungsplatzaufenthalt führte mich einer meiner Mitarbeiter, der mich bereits zuvor über die Route Napoléon zum Übungsort gefahren hatte, eine Küstenstraße hinunter ans Mittelmeer, wo wir ein Café direkt am Strand aufsuchten, Sonne und Bier genossen, als sich plötzlich ein Herr zwischen uns und die Sonne schob, genau mich adressierend, nicht nur die Bundeswehr übel beschimpfte, sondern mir ganz persönlich die Pest, Cholera, sowie die Staatsanwaltschaft an den Hals wünschte. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und überlegte mir gerade, ob der Herr der Volksgruppe der Vandalen oder der der Oberlehrer angehöre, als sich mein Mitarbeiter einmischte: „No, no Monsieur! Sie verstehen das völlig falsch. Dieses Mal ward ihr Deutschen so schnell, selbst die Nachrichten konnten es noch nicht bringen. … Übrigens, ich bin sein Kriegsgefangener.“

Die Situation war gerettet, und wir fuhren später dann zusammen mit Edith Piaf und Gilbert Bécaud zurück ins Lager.

La vie en rose aus dem Jahr 1945

„Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“

Joseph von Eichendorff, Wünschelrute (1841)

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Politik

Politische Parteien und Wählergruppen

Die meisten der bekannten politischen Parteien und Wählergruppen in Deutschland bekennen sich in ihren Satzungen und Grundsatzprogrammen zur Einigung Europas. Zumindest eine dieser Parteien ist gerade dabei, Europa neu, und wieder eine andere, Europa erneut zu entdecken.

Am schnellsten kann man die Affinität zu unserem Europa an deren Mitgliedschaft im Netzwerk der Europäischen Bewegung feststellen. Folgende politische Parteien und Wählergruppen sind Mitglied im Netzwerk: Bündnis90/Die Grünen, Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU), Christlich-Soziale Union in Bayern (CSU), Freie Demokratische Partei (FDP), FREIE WÄHLER – Bundesvereinigung und Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), wobei diese Parteien damit auch nachweisen, dass sie ganz den ‚europäischen Gepflogenheiten‘ entsprechend, Zusammenarbeit auch über Parteigrenzen hinweg für richtig halten und selbstverständlich auch praktizieren.

Von dieser grundsätzlichen Anerkennung eines gemeinsamen Europas und seiner Gepflogenheiten ausgehend, ist es jetzt nur noch eine Frage des ‚Wie‘ und vielleicht auch noch des ‚Wie weit‘. Damit können sich Europäer ohne Vorbehalte bei obigen Parteien und Wählergruppen in die entsprechenden Diskussionen stürzen und versuchen, dabei auch ihre eigenen Meinungen und Überzeugungen mehrheitsfähig zu bekommen.

Bis zum heutigen Tage ist es leider aber allen diesen Parteien nicht gelungen, sich eine europäische Struktur zu geben; damit bleiben sie weiterhin Gefangene des jeweiligen Nationalstaates. Andrew Duff sieht dies wie folgt:

„But although European confederations of national political parties were formed across the conventional political spectrum, these loose alliances were no real political parties and did not evolve ineluctably, as the federalists hoped, into being so.“

Andrew Duff (2018: 103)

Dies ist umso mehr von Bedeutung, da Parteien in Demokratien, vor allem den föderal gegliederten, für den Interessenausgleich zwischen den unterschiedlichen Regionen bzw. Gruppen verantwortlich sind und damit das Funktionieren von Demokratie überhaupt erst ermöglichen.

Was für gravierende Folgen dies haben kann, können wir seit Kurzem im Kleinen mitverfolgen, da es bei uns in Deutschland einer Volkspartei nicht gelingt, für diesen Ausgleich zu sorgen und damit ein einzelnes Bundesland die gesamte Republik immer wieder in Schwierigkeiten bringt; schlimmer noch, es sieht derzeit sogar danach aus, dass alle unsere Volksparteien große Schwierigkeiten damit haben, länderübergreifend eine einheitliche politische Linie finden zu können.

Im Rahmen der EU wirkt sich dieser Mangel noch weit gravierender aus, da überhaupt keine Partei in der Lage oder auch nur willens ist über nationale Grenzen hinweg für den Interessenausgleich zu sorgen.

Andrew Duff merkt diesbezüglich weiter an:

„… although common manifestos were religiously produced by the European-level parties before every election, they were without exception ignored by national politicians during the actual electoral campaign and more or less forgotten by the parliamentary groups in the Parliament thereafter.“

Andrew Duff (2018: 104)

Ich meine darüber hinaus, dass eine ‚Europäisierung‘ unserer Parteien sowohl für Europa und seine Bürger als auch für die jeweiligen Parteien selbst eine Win-Win Situation wäre. Dies würde nicht nur die Parteien an sich wiederbeleben, sondern durch ihre Neufindung die eigenen Mitglieder aber auch die gesamte Zivilgesellschaft motivieren und für unser gemeinsames europäisches Friedensprojekt begeistern.

Ein weiterer Vorteil wäre, dass sich Parteien und Wählergruppen, die sich dieser Entwicklung aufgrund ihrer nationalistischen und oftmals auch antidemokratischen Gesinnung verschließen, sich damit endgültig selber marginalisieren und sich allenfalls als regionale Besonderheiten behaupten werden.

„Zur Verwirklichung eines vereinten Europas wirkt die Bundesrepublik Deutschland bei der Entwicklung der Europäischen Union mit, die demokratischen, rechtsstaatlichen, sozialen und föderativen Grundsätzen und dem Grundsatz der Subsidiarität verpflichtet ist und einen diesem Grundgesetz im wesentlichen vergleichbaren Grundrechtsschutz gewährleistet. Der Bund kann hierzu durch Gesetz mit Zustimmung des Bundesrates Hoheitsrechte übertragen. Für die Begründung der Europäischen Union sowie für Änderungen ihrer vertraglichen Grundlagen und vergleichbare Regelungen, durch die dieses Grundgesetz seinem Inhalt nach geändert oder ergänzt wird oder solche Änderungen oder Ergänzungen ermöglicht werden, gilt Artikel 79 Abs. 2 und 3.“

Grundgesetz, Artikel 23(1) [Europäische Union]

Falls Sie jetzt ein wenig neugieriger geworden sind, dann empfehle ich Ihnen die Lektüre meines Buches Europa ist für alle da!

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