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Gedanken zur Migration

Abgesehen von der letzten größeren Auswanderungswelle vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA, sind unserer Gesellschaft wohl eher die Fluchtbewegungen von ‚Volksdeutschen‘ in den freien Teil Deutschlands zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Erinnerung. Diese kamen aus dem ehemaligen Siedlungs- oder auch Staatsgebiet Deutschlands, das mit Ende des Krieges zunehmend unter den Einfluss der damaligen Sowjetunion und in den Besitz weiterer Länder kam.

Schon damals war es beobachtbar, dass die eher politisch denkenden Menschen in Gebiete weiterzogen, die unter dem Schutz von Demokratien, den damaligen Westmächten, standen; also auch Deutsche aus der russisch besetzten Zone Deutschlands in die Bundesrepublik übersiedelten. Auch war beobachtbar, dass mit den ‚Volksdeutschen‘ weitere Bevölkerungsgruppen mit flohen, die ebenfalls nicht in den Einfluss des Sowjetsystems gelangen wollten. Was schon damals zu verstärkten Abwehrreaktionen bei den aufnehmenden Bevölkerungsteilen führte und sich bis heute nicht wesentlich geändert hat; u.a. der Begriff ‚Rucksackdeutscher‘ ist wohl dabei entstanden.

Auch nachdem sich die neuen politischen Strukturen gefestigt hatten und der Kalte Krieg tobte, kam es immer wieder zu weiteren Wanderungsbewegungen von Ost nach West. Motivation der Migranten war zum einen der Freiheitswunsch, dem Wunsch sich in einer offenen Gesellschaft frei entfalten zu können, und zum anderen aber auch das bloße Verlangen nach einem wirtschaftlich besseren Leben.

In diesen gut 40 Jahren, wobei jene, die dem Sowjetterror auch entkommen wollten, mit wohl wenigen Ausnahmen bereits 1989 im Westen lebten, ließ sich bei den Zuwanderern doch das Folgende beobachten. Jene, die aus politischen Gründen flohen, versuchten sich schnellstmöglich in ihrer neuen Heimat zu integrieren und partizipierten von Anfang an auch sehr erfolgreich. Jene, denen es in erster Linie um eine wirtschaftliche Besserung ging, wollten hingegen zwar in einer offenen Gesellschaft und dabei vor allem anderen in einer sozialen Marktwirtschaft leben, aber dabei möglichst ihre alte Lebensweise beibehalten, ergo, einen Wandel ohne Veränderung erreichen. Meines Erachtens scheitern diese Mitmenschen deswegen bis heute nicht an der Gesellschaft, sondern immer an sich selbst!

Erschwerend kam hinzu, dass man beginnend mit den ‚Gastarbeitern‘ zahlreiche neue Bevölkerungsteile einlud, ohne von diesen aber Integration oder gar Partizipation zu verlangen, und diese damit in die Versuchung brachte, dass sie zwar wirtschaftlich besser gestellt sein aber ansonsten alles beim Alten belassen wollten. Damit schuf man durch diese zwei Arten von wirtschaftlich motivierten Zuwanderern – wobei ich deren Beweggründe zur Migration überhaupt nicht als verwerflich ansehe – Parallelgesellschaften, und dies je nach deren Herkunft.

Diese Parallelgesellschaften mit ihren oftmals für unsere offene Gesellschaft völlig antiquierten und wirtschaftlich wenig erfolgreichen Lebensmodellen sind es auch, die ihre Mitglieder und unfreiwillig Angehörige bis heute scheitern lassen, und zudem dafür sorgen, dass unsere offene Gesellschaft insgesamt immer mehr in Gefahr gerät.

Solange unsere Wirtschaft floriert, kann man zwar diese gravierenden Diskrepanzen ignorieren und mit vermeintlicher Toleranz gegenüber den durchaus negativen Auswirkungen begegnen, aber nur solange auch für alle ausreichend Wohlstand generiert werden kann.

Es zeichnet sich nun aber zunehmend ab, dass die Bevölkerungsteile, welche die offene Gesellschaft eigentlich ausmachen, stützen und auch maßgeblich für deren wirtschaftlichen Erfolg Verantwortung tragen, immer weniger alleine die Kosten einer offenen Gesellschaft tragen möchten.

Das ausschließliche Verbraucherverhalten der meisten Parallelgesellschaften und auch die immer stärker beobachtbare Partizipationsverweigerung der Bevölkerung insgesamt, lässt befürchten, dass die Errungenschaften unserer offenen Gesellschaft langsam aber sicher ins Hintertreffen geraten und die Existenz unserer Gesellschaft an sich in Frage gestellt wird.

Deshalb muss man allen Mitbürgern schnellstmöglich aufzeigen, dass eine offene Gesellschaft und ihre wirtschaftlichen Erfolge von der Partizipation der großen Bevölkerungsmehrheit abhängt und, dass Migration allen auch Vorteile bringt, so lange sich die Zuwanderer nicht nur in unsere offene Gesellschaft integrieren, sondern auch an ihr partizipieren.

Deshalb muss man es aber auch zwingend sanktionieren, sobald sich hier bei uns lebende Menschen der offenen Gesellschaft verweigern, und dies unabhängig eines Migrationshintergrunds. Letzterer hat im Falle einer Partizipations- und Integrationsverweigerung aber den großen Vorteil, dass man niemand verpflichten kann, hier bei uns zu leben, und diese ohne Weiteres wieder in Gesellschaften, die ihren eigentlichen Wunschvorstellungen entsprechen, zurück- oder weiterziehen können.

Budapest im Frühjahr
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Weltbürgerschaft

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit und in der heutigen Zeit auch eine Notwendigkeit.

Die Besatzung von Apollo 8 schoss vor 50 Jahren das erste Foto unserer Welt aus dem All. Es ist der Moment, in dem die Menschen die „aufgehende Erde“ zum ersten Mal mit eigenen Augen sehen können und sich damit auch deren Zerbrechlichkeit bewusst werden.

Am 14. Februar 1990 schoss Voyager 1 aus einer Entfernung von etwa sechs Milliarden Kilometern das letzte Bild unseres Planeten („Pale Blue Dot“) und machte sehr deutlich, dass es für die Menschheit keinen Ersatzplaneten gibt.

Wer jetzt noch glaubt, dass er sich auf einer „Insel“, egal welcher Größe, von den Geschehnissen unserer Welt in Sicherheit bringen könne, den wird es wohl in absehbarer Zeit sehr schwer treffen. Hinweise hierfür gibt es zuhauf: Klimawandel, Ressourcenknappheit, Umweltzerstörung, Pandemien, Migration und last but not least Kriege, die sich kaum noch regional begrenzen lassen.

Mit dem ehemaligen Völkerbund und den heutigen Vereinten Nationen wurden bereits Organe geschaffen, um allen Herausforderungen der Menschheit gemeinsam begegnen zu können. Aber seit dieser Zeit gibt es immer wieder auch Bestrebungen von „Ewiggestrigen“ und „Flacherdlern“ diese ersten Schritte zu einer Problemlösung zu unterminieren und rückgängig zu machen.

Seit diesen Tagen gibt es aber immer wieder auch Menschen, die sich selbst als Weltbürger oder Kosmopoliten sehen und sich in verschiedenen Gruppen organisieren. Nicht unerwähnt möchte ich dabei die Welt- und Europäischen Föderalisten lassen, die dabei auch fundierte Vorschläge unterbreiten, wie man unsere Welt nicht nur einen, sondern damit auch noch sehr lange für alle Geschöpfe unseres Planeten erhalten kann.

Auf der Website World citizenship können Sie sich einen Überblick über diese Organisationen verschaffen und, wenn gewünscht, sich dort gleich als Weltbürger „outen“.

Selbstverständlich stehe auch ich Ihnen gerne für weitere Fragen zur Verfügung.

Schwarzwald im Sommer
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Was ist Europa?!

Europa ist ein Kommunikations-, Interaktions- und Erlebensraum, welcher zusammen mit ähnlichen solcher Räume die westliche Welt bildet. Europas „Geburtsstunde“ liegt in der Staatsbegründung von Augustinus von Hippo ausgangs der Spätantike und führte die gesamte Menschheit in gut eineinhalb tausend Jahren zu universellen Menschenrechten und die Mitglieder von Europarat und Europäischer Union zusätzlich zur formalen Anerkennung der europäischen Grundrechte. Europa ist somit eine Wertegemeinschaft, die Recht vor Macht setzt und von ihrer ureigenen Wesensart her, frei nach Hölderlin, Fremdes annimmt, umwandelt und sich zu eigen macht.

Aber Europa führte uns auch in die Sackgasse der Nationalstaaten, deren Überwindung wir Europäer spätestens seit 1945 anzustreben vorgeben.

Inzwischen ist die Euphorie, dass Europa „das Ende der Geschichte einleitet“ (Francis Fukuyama) und die Welt zum Paradies auf Erden macht, einer nicht mehr zu leugnenden Ernüchterung gewichen. Andere Kommunikations-, Interaktions- und Erlebensräume (KIER) beginnen nicht nur bevölkerungsmäßig die Welt zu dominieren, sondern scheinen mit ihren eigenen Werten für viele Menschen auch wieder attraktiver zu sein.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich aufgrund der heutigen Mobilität KIER verstärkt überschneiden und sich politische Gemeinschaften immer häufiger über mehrere solche KIER erstrecken können; was offensichtlich vermehrt zu Spannungen und auch immer häufiger zu Schlimmeren führt. 

Zudem muss man erkennen, dass sowohl der Europarat als auch die Europäische Union – wahrscheinlich der Euphorie anlässlich der Selbstauflösung des Ostblocks und der falschen Überzeugung, dass Europa sich geographisch definiert, geschuldet – auch politische Gemeinschaften aufgenommen hat, in der nichteuropäische KIER eindeutig dominieren. 

Wenn man aber politische Gemeinschaften erhalten möchte, in der verschiedene KIER aufeinandertreffen, kann man zwei unterschiedliche Ansätze wählen. Einen totalitaristischen Ansatz, wie z.B. heutzutage in China, Russland, Türkei, Polen und Ungarn zu beobachten, oder man wählt einen demokratischen Ansatz und findet verbindliche Regeln, Vorschriften und Gesetze für ein gemeinsames Zusammenleben. Vom Grundsatz her gibt die Europäische Union dafür mit ihrer ihr immanenten Europaidee eine gute Blaupause ab, wie auch unterschiedliche KIER miteinander leben könnten, solange sie nur alle mindestens Recht vor Macht stellen. Wolffsohn bietet diesbezüglich in seinem politischen Entwurf (Zum Weltfrieden) einen neuen, erweiterten Föderalismus an, welchen man durchaus diskutieren sollte. 

Im Falle aber, dass einzelne KIER Macht vor Recht und zudem die universellen Menschenrechte generell in Frage stellen, – dies gilt explizit auch für Menschengruppen, welche seit Jahrhunderten in den europäischen Gesellschaften verwurzelt sind (z.B. Neonazis) – kommt es auch in unseren aufgeklärten Gesellschaften zu Friktionen; und diese Friktionen sind oftmals schwerwiegender als die von außen hereingetragenen Konflikte. Für diese Friktionen und Konflikte muss Europa schnellstmöglich Lösungsansätze finden, um zum Einen die eigenen Errungenschaften nicht zu gefährden und in ein Zeitalter der Oligarchien (Ian Mortimer), sprich Ausbeutung und Intoleranz, zu gelangen und zum Anderen durch seine Vorbildfunktion – bitte aber durch Taten, nicht nur durch Worte (!) – anderen KIER den Weg zu ebnen, um unsere eine gemeinsame Welt doch noch zur Weltunion zu führen.

Ein solcher Lösungsansatz könnte das Versagen von Transferzahlungen sein. Ein weiterer, die anfallenden Kosten von nichtkompatiblen Bevölkerungsteilen auf diese umzulegen oder aber von ihren Ursprungsländern einzufordern.

Auf jeden Fall aber muss das „Staat-Bürger-Verhältnis“ – die Rechte und Pflichten des Einzelnen – neu bzw. genauer austariert werden, um auch zukünftig weiter Bestand haben zu können. 

Es böte sich zudem an, dass man analog zu den universellen Menschenrechten und den europäischen Grundrechten Mindeststandards festlegt, wie Menschen (Unterkunft & Verpflegung) weltweit, wie Unionsbürger oder eigene Staatsbürger versorgt werden müssen. 

Dies trüge auch der Tatsache Rechnung, dass Europa, bei all seiner Verantwortung für die heutige Weltlage, kaum alleine die gesamten Migrationsbewegungen auffangen oder gar finanzieren kann.

Heilbronn im Frühjahr
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Politik

Yourope – wir alle sind Europa!

Beim diesjährigen Neujahrsempfang der Kreisjugendreferentin des Hohenlohekreises, Frau Yasemin Serttürk, und dem Forum Jugend hielt ich im Hohenloher Integrationszentrum einen Vortrag zum Thema „Yourope“.

Der Neujahrsempfang war dank des Engagements von Frau Yasemin Serttürk rundum eine sehr gelungene Veranstaltung. Gerne gebe ich Interessenten die Gelegenheit, um den Vortrag nochmals nachzulesen.

 

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu Gast sein und gleich dazu noch einen Vortrag halten zu dürfen.

Das „Forum Jugend“, welches zusammen mit Frau Yasemin Serttürk diesen Neujahrsempfang der Jugendarbeit im Hohenloher Integrationszentrum ausrichtet, hat mir als dem diesjährigen Vortragenden dankbarer Weise nicht nur sehr viel Spielraum eingeräumt, sondern mit dem Stichwort „Yourope“ – einem meines Erachtens äußerst gut gelungenem Wortspiels – auch dafür gesorgt, dass mein Interesse, bei Ihnen den heutigen Vortrag zu halten, sofort geweckt wurde.

Unter diesem Namen war ein Redaktionsteam von ARTE sieben Jahre lang in Europa unterwegs, um den jugendlichen Zuschauern die Vielfalt Europas einmal auf eine etwas andere Art näherzubringen.

Und noch heute gibt es eine Organisation dieses Namens, welche sich zum Ziel gesetzt hat, die unterschiedlichsten Open-Air-Konzerte und Festveranstaltungen für unsere Jugend in ganz Europa zu vernetzen.

Mein Vortragsziel ist es, zusammen mit Ihnen etwas über unser „Yourope“ und den weiteren mir gegebenen Stichworten Jugendliche & Europa, gemeinsame Werte & Solidarität sowie politische Bildung & Demokratie zu reflektieren und Ihnen dabei in den kommenden knapp 20 Minuten ein paar Gedanken mit an die Hand zu geben, die Sie gerne auch im Anschluss mit mir diskutieren können.

Ich würde mich sehr freuen, wenn mein Vortrag und die sich daran anschließende Diskussion Ihnen später noch in Erinnerung bleibt und zu weiterem Nachdenken führt.

Beginnen möchte ich mit einer kurzen Vorstellung meiner Person und der Bürgerbewegung, welche ich vertrete, um zu erklären, warum ich hier und heute zu Ihnen spreche.

Danach möchte ich darüber nachdenken, wo wir heute als Menschen und Bürger Europas stehen. In einem nächsten Schritt klären, was Europa überhaupt ist, um – last but not least – die Frage aufzuwerfen, wo wir als Menschen eigentlich hinwollen.

Warum spreche zu Ihnen?

Als überzeugter und auch bekennender Europäer bin ich seit gut 12 Jahren Vorsitzender des Kreisverbandes Heilbronn der Europa-Union Deutschland und vertrete damit im Stadt- und Landkreis Heilbronn die größte Bürgerbewegung für ein Europa in Vielfalt geeint.

Aufgrund der Tatsache, dass der Kreisvorsitzende der Europa-Union Main-Tauber/ Hohenlohe, Herr Dr. Ulrich Derpa, aus terminlichen Gründen verhindert ist, habe ich ganz im Sinne guter Nachbarschaft, meine Unterstützung angeboten. Sehr gerne richte ich die Grüße von Herrn Derpa, verbunden mit den besten Wünschen für das neue Jahr aus und schließe mich diesen von ganzem Herzen an.

Einige von Ihnen werden sich jetzt fragen, was ist die Europa-Union überhaupt?

Die Europa-Union ist der Zusammenschluss hunderter Orts- und Kreisverbände Europäischer Föderalisten, welche sich als gemeinnützige Vereine mit derzeit gut 17 000 Mitgliedern zusammengeschlossen haben und damit die Union Europäischer Föderalisten in Deutschland vertreten.

Der Name Europa-Union, welcher inzwischen nur noch in Deutschland geführt wird, ist der Entstehungsgeschichte unserer Bewegung geschuldet und hat nichts mit den Unionsparteien zu tun.

Sie haben mit Sicherheit bereits von vielen Europaorganisationen gehört. Zurzeit ist „Pulse of Europe“ in aller Munde. Auch gibt es die „Freunde Europas“, „Laute Europäer“, „Europa-Clubs“ und viele andere Gruppen, die sich Europa auf die Fahnen geschrieben haben. Selbst wir Bürger, für die Europa seit Jahrzehnten ein Steckenpferd ist, haben hierbei schon lange die Übersicht verloren.

Deswegen ist es bestimmt auch für Sie von Interesse, mehr über die Entstehungsgeschichte der größten Bürgerbewegung für Europa zu erfahren. Menschen, die sich für unser Europa einsetzen und auch ein gemeinsames Europa herbeiführen möchten, gibt es nachweislich seit Jahrhunderten. Ich behaupte sogar, von Anbeginn der Menschheitsgeschichte selbst.

Mit Beginn der Erfolgsgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika wurde die Forderung nach einem geeinten Europa immer lauter und nach dem 1. Weltkrieg begannen sich die an einem gemeinsamen Europa interessierten Bürger immer mehr zu organisieren.

So wurde 1922 in Wien die Paneuropa-Union und gleich darauf 1923 in der Schweiz die Europa-Union als deren bürgerlicher Gegenpol gegründet. Beide Verbände wurden 1933 verboten und ihre Mitglieder gingen in die innere Emigration, ins Exil oder in den Untergrund.

Während des Krieges kam es unter der Federführung europäischer Kommunisten zu mehreren Zusammenkünften von Vertretern aller europäischen Widerstandbewegungen in der Schweiz, wobei auch Vertreter der Europäischen Föderalisten von Anfang an beteiligt waren.

Diese Treffen führten 1946 zur Verabschiedung des Hertensteiner Programmes, dem bis heute gültigen Grundsatzdokument aller Europäischen Föderalisten.

Die Europäischen Föderalisten, welche von Anfang an die Weltunion im Blick hatten und dabei einen föderalen europäischen Bundesstaat als fundamental ansehen, stießen auf sehr großes Interesse bei den Bürgern Europas, mussten sich aber von Anfang an mit den Europäern Churchills, die eher einen europäischen Staatenbund anvisierten und den Europäern de Gaulles, welche einen europäischen Zentralstaat oder alternativ ein „Europa der Vaterländer“ anstrebten, auseinandersetzen.

Im Zuge dieser bis heute geführten Auseinandersetzung kam es dann 1948 zu einem Zusammenschluss der meisten Europaverbände unter dem Dachverband der Europäischen Bewegung International. Dem Geschick Churchills ist es dabei geschuldet, dass sich bis heute weder die französischen Zentralisten noch die Anhänger eines föderalen Bundesstaates durchsetzen konnten.

Auf den Punkt gebracht, vor Ihnen steht kein Vertreter eines „Europa-Fan-Clubs“, sondern ein Befürworter eines föderalen Bundesstaates, den zukünftigen Vereinigten Staaten von Europa oder wie auch immer die Europäische Union dann auch heißen mag.

Wo stehen wir heute?

Die meisten von uns gehören nicht der Generation an, die noch in den 50er Jahren Schlagbäume weggetragen hat oder mit wehenden Europafahnen – Spötter nannten sie damals „Churchills Unterhosen“ – gegen die Nationalstaaten und für Europa zu Tausenden auf die Straße gingen.

Wir sind die Generation, die die ersten Früchte eines immer weiter zusammenwachsenden Europas ernten durfte. Schüleraustausche, Partnerstadtaufenthalte oder das Interrail-Ticket gehören zu unserer gemeinsamen Jugenderinnerung.

Unserer eigenen Jugend liegt bereits die gesamte Welt zu Füßen. Ohne Reisepass oder Geldumtausch kann man sich fast einen gesamten Kontinent erfahren oder erfliegen – Möglichkeiten von denen unsere Großeltern in ihren kühnsten Träumen nicht zu denken wagten!

Und für uns? Wirkliche Armut kennen wir nur noch aus dem Fernsehen und vielleicht von Fernreisen. Verstehen Sie mich bitte jetzt nicht falsch! Auch bei uns gibt es noch arme Menschen, aber dass jemand verhungert, ist in der Europäischen Union nur noch ein äußerst tragisches Einzelschicksal.

Auch wir Europäer sterben. Ohne jetzt die exakten Zahlen zu kennen, behaupte ich, dies eher an zu viel Nahrung und zu wenig Bewegung als an Unterernährung oder Überarbeitung. Verkehrsunfälle töten bei uns mehr Menschen als Raubüberfälle oder Streitigkeiten.

Wir Europäer haben noch nie so sicher, so komfortabel und so freizügig wie heute gelebt. Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, die sich uns allen erschließen.

Vielleicht weiß man das nur noch zu schätzen, wenn man eine Zeit lang in Asien oder Afrika lebt und dort sieht, wie die Menschen von der Hand in den Mund leben müssen und abends nicht wissen, wie und ob sie den nächsten Tag überleben werden.

Krieg ist für die meisten Europäer schon so lange Geschichte, dass manche schon wieder davon anfangen, über Krieg als etwas Notwendiges zu sinnieren.

Bei aller berechtigter Kritik und mit Sicherheit auch sehr gravierenden Mängeln leben wir in einer heilen Welt. Und diese haben wir den grundsätzlichen Entscheidungen überzeugter Europäer aus den Jahren 1945 bis 1950 zu verdanken: die Vereinten Nationen, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Organisation des Nordatlantikvertrags (NATO), den Europarat, die Europäischen Bürgerrechte, unser Grundgesetz und die Europäische Union sowie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.

Auch wenn diese Organisationen, Verträge und Gesetze nie ihre ursprünglich intendierte Funktion oder Tragweite erreicht haben, haben sie doch für uns das Umfeld geschaffen, in dem wir heute so gut leben.

Lassen Sie es mich noch deutlicher ausdrücken. Unsere Bundesrepublik, das „deutsche Wirtschaftswunder“, den „Exportweltmeister“ Deutschland, unseren Wohlstand, die Wiedervereinigung Deutschlands und wahrscheinlich auch alle anderen Leistungen und Verdienste auf die wir so stolz sind, hätte es ohne die „westliche Welt“ und den europäischen Einigungsprozess nie gegeben!

Und ich behaupte darüber hinaus, dass es die Probleme und Herausforderungen, welche uns derzeit immer stärker bewusstwerden – lassen Sie mich hier exemplarisch die zunehmenden Migrationsbewegungen in Europa und nach Europa hinein erwähnen – , nicht gäbe, wenn wir die europäische Idee der Weltunion und die damals getroffenen Grundsatzentscheidungen in den letzten 70 Jahren auch umgesetzt hätten, anstatt weiter in nationalen Begrenzungen zu denken und zu handeln.

Was ist Europa überhaupt?

Beginnen wir damit, was Europa nicht ist. Wahrscheinlich zum Leidwesen vieler Erdkundelehrer: Europa ist kein Kontinent. Und bestimmt zum Leidwesen der meisten Schüler: Alles was einfach ist, ist nicht Europa!

Europa ist eine Idee, die Idee von einer Weltunion in der alle Menschen friedlich miteinander leben, föderal gegliedert in Gemeinschaften, die den unterschiedlichen Lebensweltbezügen der jeweiligen Menschen besser gerecht werden.

Europa ist eine Wertegemeinschaft, eine Gemeinschaft von Menschen und Völkern, die über die vergangenen Jahrtausende gemeinsame Werte herausgebildet haben, an die sie glauben und nach denen sie ihr Leben ausrichten möchten: Frieden, Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Menschenrechte, Subsidiarität und Solidarität.

Europa ist eine Rechtsgemeinschaft, eine Gemeinschaft in der Recht, egal auf welche Ebene, für alle gleich orientierend, integrierend und legitimierend wirkt. Das Recht ist das einigende Band Europas.

Auf einen einfachen Nenner gebracht: Europa ist Arbeit.

Zum einen kontinuierliche Überzeugungsarbeit, um die Mitbürger von der „Idee Europa“ zu begeistern und diese den Menschen dabei auch verständlich zu machen.

Zum andern aber noch viel mehr Arbeit, um unsere europäischen Werte nicht nur zu vertreten und zu vermitteln, sondern auch höchst selbst zu leben. Europa ist somit Bildungsarbeit, Jugendarbeit, Sozialarbeit und vor allem aber auch Arbeit an sich selbst, die eigene Person im Laufe des Lebens zu einem besseren Menschen zu machen.

Und noch mehr Arbeit, wenn man sowohl dem Recht als auch allen Bürgern „gerecht“ werden möchte. Die hierzu notwendigen Institutionen und Organe sind vielfältig und umfangreich und ein „Marsch durch die Instanzen“ kann Jahre dauern.

Wie schon gesagt, Europa ist nicht einfach. Und wer die Welt verändern möchte, fängt immer am besten gleich bei sich selber an.

Ich bin davon überzeugt, hier bei Ihnen auf offene Ohren zu stoßen. Viele von uns leben bereits Europa in seiner besten Form, und dies ohne sich darüber noch allzu groß den Kopf zu zerbrechen – sie erarbeiten sich Europa jeden Tag immer wieder aufs Neue.

Europa ist nicht Utopia! Europa ist eine permanente und immerwährende Baustelle.

Wir werden wahrscheinlich nie damit fertigwerden. Und das Besondere, wenn nicht gar Liebenswerte an der Baustelle Europa ist, dass die einen bereits am Dach bauen, während die anderen noch am Fundament oder am Keller werkeln. Wieder andere reißen bereits die Garagen ein, da sie diese für nicht mehr zweckmäßig erachten. Und wir Europäischen Föderalisten wundern uns von jedem Tag aufs Neue, warum unsere Rosenbeete ums Haus herum immer wieder niedergetrampelt werden.

Europa ist auch nicht der Turmbau zu Babel, welcher den Unmut Gottes hervorrief und, in Folge davon, an der Sprachenvielfalt scheiterte.

Europa baut gerade auf dieser Vielfalt auf und wenn es scheitert, dann scheitert Europa an uns Menschen! An uns Menschen dann, wenn wir der Trennung, der Diskriminierung, der Ausgrenzung, dem Neid, der Intoleranz und anderen Widerlichkeiten menschlicher Eigenarten das Wort reden, anstatt unsere Mitmenschen zu umarmen und zu versuchen, gemeinsam zum Wohle aller unsere eine Welt und damit auch uns selber besser zu machen!

Lassen Sie mich deshalb zum Schluss meines Vortrages die Frage aufwerfen:

Wo möchten wir hin?

Wollen wir eine bessere Welt? Dann sind wir bereits mit Europa auf dem richtigen Wege!

Diese bessere Welt gibt es aber nicht umsonst! Und unser Europa ist auch nur der kleinere Teil davon. In ein paar Jahren sind wir Europäer keine 5% mehr der Weltbevölkerung; bei einer Bevölkerung die bald über 10 Milliarden Menschen zählt. Und schon heute ist Deutschland in den Augen eines Chinesen, bevölkerungsmäßig betrachtet, nur noch ein Rundungsfehler.

Ohne wesentliche technologische Fortschritte und einem nachhaltigen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen wird die Menschheit in absehbarer Zeit den Offenbarungseid leisten müssen.

Spätestens dann werden die letzten von uns erkennen müssen, dass Europa auch keine Insel ist.

Deshalb, lassen Sie uns gemeinsam den Weg, den wir vor gut 70 Jahren beschritten haben, weitergehen. Lassen Sie uns endlich das „Klein-Klein“ nationaler Betrachtungsweisen zu den Akten legen. Und lassen Sie uns zusammen einen Zahn in Richtung Europa zulegen.

Ich weiß, es ist Arbeit, viel Arbeit. Es kostet Schweiß und wird auch – ob wir es wollen oder nicht – Verzicht mit sich bringen.

Sehr geehrte Damen und Herren, „Yourope“ – das Stichwort des heutigen Vortrages –  sind wir alle! Lassen Sie uns gleich wieder an der Baustelle Europa weiterarbeiten! Ich glaube, ein Neujahrsempfang ist die passende Gelegenheit dazu.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und stehe Ihnen nun gerne für Ihre Fragen und Anmerkungen zur Verfügung.“

 
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Europatag 2016

Ein verstärkter Klimawandel, immer häufiger auftretende Umweltkatastrophen, der Zerfall von Staaten, Kriege, Terrorismus, Hungersnöte und Epidemien beschleunigen die Wanderungsbewegungen weltweit. Flüchtlingsbewegungen in die EU, Finanzkrisen und eine zunehmende Diskrepanz in den Vermögensverhältnissen, Vertrauensverlust der Bürger zu ihren Parteien, ihren Institutionen und des Projektes „Europa“ insgesamt sowie eine zunehmende Radikalisierung vieler Unionsbürger sind derzeit wohl die dringendsten Herausforderungen der Europäischen Union.

Wir Europäischen Föderalisten sind weiterhin fest davon überzeugt, dass die Lösung für die meisten der oben benannten Probleme nicht in einer weiteren Abschottung, einer Renationalisierung und einer höheren Gewaltbereitschaft liegt, sondern ganz im Gegenteil in einer weiteren Europäisierung unserer Gedanken und unserer Umwelt – Menschlichkeit und Verantwortungsbewusstsein sind die einzige Lösung!

Wir alle müssen weiter fest an der Idee unseres „Europas in Vielfalt geeint“ festhalten und dürfen nicht auf halber Strecke das Ziel aus den Augen verlieren. Es gab noch nie in der Geschichte der Menschheit ein zurück, und auch das Paradies liegt nicht hinter, sondern vor uns!

Wir Europäer müssen Europa und die Welt und dies ganz im Sinne des Hertensteiner Programmes von 1946 zum Besseren gestalten; das kostet Kraft und Anstrengung, denn es gibt nichts auf dieser Welt geschenkt, außer der göttlichen Vergebung.

Viele überzeugte Europäer haben sich in den letzten 70 Jahren für unsere Welt und ein gemeinsames Friedenseuropa mit sehr großem Engagement und viel Verve eingesetzt, Überzeugungsarbeit geleistet und sichergestellt, dass bis dato 28 europäische Staaten gemeinsam auf diesem einzig richtigen Weg sind und zudem gut 20 weitere Staaten diesen Weg auch offiziell als zielführend anerkannt haben.

Noch nie hatten Menschen so viele persönliche Freiheiten und Möglichkeiten wie heutzutage in der Europäischen Union – und unserer Jugend steht die ganze Welt offen!

Deshalb dürfen wir trotz all der derzeitigen tatsächlich vorhandenen Missstände und den großen Herausforderungen nicht klein beigeben und vor allem auch nicht die größte Errungenschaft der Menschheit, die universell geltenden Menschenrechte, der Bequemlichkeit wegen aufgeben oder den „Gegen-alles-Menschen“ und „Verlierertypen“ für ihr ständiges Geblöke als Morgengabe opfern.

Wir müssen es als Demokraten allerdings akzeptieren, wenn sich andere Menschen aus unserer Gemeinschaft herauslösen wollen. Wir müssen dabei aber nicht dulden, dass diese Verweigerer dann weiter auf unsere Kosten ihr Tun finanzieren oder weiter von Gemeinschaftsleistungen profitieren. Es darf auf Dauer keine Extrawürste geben. Rechte, Pflichten, Gesetze und Verträge sind in jeder funktionierenden Demokratie für alle gleich bindend – auch in der Europäischen Union.

Hier bei uns im Stadt- und Landkreis Heilbronn ist die Welt für die meisten von uns trotz alledem noch in bester Ordnung, wir profitieren immer noch mehr als wir zur Kasse gebeten werden, und wir dürfen hoffen, dass dies bei einer umsichtigen Politik auch noch weiter anhalten wird. Wir können uns weiter auf Urlaube, Feste und Feiern freuen und unsere Zukunft ohne all zu große Einschränkungen planen.

Lassen Sie uns dies auch weiter so handhaben. Werden Sie kein Opfer von billigen Populisten und ewigen Schwarzmalern. Die EUROPA-UNION Heilbronn wird Ihnen dabei gerne helfen. Wir informieren dazu das ganze Jahr über Mitglieder und Interessenten über die aktuellen Geschehnisse rund um Europa und versuchen dabei gemeinsame Lösungen für die aktuellen Herausforderungen zu finden und der Politik anzubieten. Wir veranstalten darüber hinaus ganzjährig Bildungs- und Informationsfahrten zu den politischen „Hot Spots“ Europas und freuen uns dabei immer über neue Mitfahrer und weitere Interessenten.

Und wie die vergangenen Jahre auch, feiern wir am 7. Mai zusammen mit unseren Partnervereinen den Europatag beim inzwischen 27. Treffpunkt Europa. Treffen Sie dort überzeugte Europäer und lassen Sie sich von der wundervollen Atmosphäre begeistern.

Ich bedanke mich ganz recht herzlich bei allen Mitstreitern, Helfern, Unterstützern und dem Organisationsteam für ihr Engagement für unser gemeinsames Europa. Ich wünsche uns allen wieder einen wunderbaren Treffpunkt Europa in der Europawoche und baue darauf, dass wir auch in Zukunft gemeinsam alle Herausforderungen meistern und unseren vor 70 Jahren eingeschlagenen Weg zu einer besseren Welt weiter fortsetzen werden.

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Migrationsbewegungen

Motiviert durch die jüngsten politischen Äußerungen, dass wir derzeit eine „Flüchtlingskrise“ durchleben müssen und dabei Menschen immer mehr zur Sache degradiert werden sollen, schreibe ich über meines Erachtens verschiedene Wanderungsbewegungen – eine von der Politik jahrzehntelang völlig ignorierte Tatsache – und schlage Lösungsmöglichkeiten vor, wie man mit der derzeitigen, für alle Beteiligten unglücklichen Situation besser zurecht kommen könnte.

Migrationsbewegungen sind so alt die Menschheitsgeschichte selbst. Alle unsere Vorfahren kamen dabei aus Afrika, wo sie vor ca. 100.000 Jahren auswanderten und in der Folge davon ungefähr vor 30.000 Jahren auch Europa erreichten. Und seit dieser Zeit gibt es immer wieder und aus den verschiedensten Gründen Völkerwanderungen von Ost nach West mit dem Ziel Europa und seit der Neuzeit auch weiter bis nach Amerika.

So kann man davon ausgehen, dass die Ost-West-Migration eine fortwährende Wanderung von Menschen aus dem asiatischen Raum sowie aus dem Nahen und Mittleren Osten ist.

Auch wir Europäer haben uns stets an diesen Wanderungsbewegungen beteiligt und selbst über die Jahrhunderte hinweg dabei den amerikanischen Kontinent sowie Australien bevölkert.

Einwanderungs- und Auswanderungswellen sind damit Bestandteil unseres Lebens und unterscheiden sich meist nur in der Menge der bei uns regelmäßig neu ankommenden Menschen. Man darf davon ausgehen, dass diese Migration zur Gesunderhaltung und Stabilität unserer Bevölkerungen beigetragen hat, und in Nachkriegs- und Epidemiezeiten für uns Europäer existentiell notwendig waren. Auch muss man davon ausgehen, dass wir unsere eigene europäische Kultur diesen Einwanderungswellen verdanken; wir heutigen Europäer sind somit das Produkt dieser fortwährenden Einwanderungsbewegungen.

Neu für die meisten von uns ist aber die Intensität und Qualität der derzeitigen „Flüchtlingsströme“ in die Europäische Union hinein. Diese Entwicklung zeichnete sich aber bereits seit Jahrzehnten ab, und Wissenschaftler als auch interessierte Bürger haben spätestens seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder darauf hingewiesen; vielleicht ist einigen noch das britische Fernsehdrama „der Marsch“ von 1990 in Erinnerung.

Um die heutige und bestimmt auch für uns Europäer bedrohliche Situation besser verstehen zu können, bedarf es einer detaillierteren Betrachtung der derzeitigen Migrationsbewegungen.

Als erstes möchte ich die kontinuierlichen innereuropäischen Wanderungsbewegungen nennen, die ihre Hauptursache in den unterschiedlichen europäischen Sicherheits- und Wohlstandsverhältnissen sowie Arbeitsmöglichkeiten hat. Dazu zähle ich zum Einen auch die Wanderungsbewegungen der traditionell nicht sesshaften Bevölkerungsgruppen in Europa und zum Anderen die Einwanderungsbemühungen von Bevölkerungsteilen Nordafrikas, die sich selbst schon immer als zu Europa gehörig sehen.

Als zweites kommt die seit Jahrtausenden anhaltende Einwanderungsbewegung aus dem Osten hinzu, bei der nicht- chinesisch- oder indisch stämmige Bevölkerungsteile weiterhin in Richtung Westen migrieren und sich ihre neue Heimat in Europa oder darüber hinaus suchen.

Als drittes führe ich die Wanderungsbewegung von „Kriegsflüchtlingen“ aus dem Nahen und Mittleren Osten auf, die den seit Jahren anhaltenden katastrophalen Gegebenheiten in ihren jeweiligen Heimatländern nicht mehr standhalten wollen oder können.

Zu diesen drei unterschiedlichen Wanderungsbewegungen kommen neuerdings zwei weitere hinzu, welche in ihrer Qualität und den daraus resultierenden Folgen einzigartig für Europa sind und letztendlich die Existenz Europas – so wie wir es kennen – zumindest in Frage stellen werden:

Diese vierte und wahrscheinlich für Europa folgenschwerste Einwanderungsbewegung kommt von Menschengruppen aus Schwarzafrika, die erstmalig seit ungefähr 100.000 Jahren ihren Kontinent verlassen müssen, nur um ihre nackte Existenz sichern zu können.

Die fünfte und in ihrer Qualität bisher einzigartige Einwanderungswelle kommt von chinesischen und indischen Bevölkerungsteilen, die die Chancen der sogenannten Globalisierung ergreifen und die von uns in Europa geschaffenen Lücken füllen, qualifizierte Arbeitsplätze suchen oder die Chance zur eigenen wirtschaftlichen Existenzgründung nutzen.

Alle diese fünf aufgezeigten Einwanderungsbewegungen in die Europäische Union hinein scheinen zusammen genommen derzeit alle Verantwortlichen in Europa völlig zu überraschen oder zu überfordern.

Populismus, Aktionismus und Schockstarre ersetzen zurzeit die Suche nach geeigneten Handlungsmöglichkeiten und verzögern damit weiterhin die unausweichliche politische Diskussion um eine für alle Beteiligten tragbare gesamteuropäische Einwanderungspolitik. Mit den folgenden Vorschlägen möchte ich einen Beitrag zu dieser notwendigen Diskussion leisten.

Die erste Einwanderungswelle sollte durch für Europa einheitlich geltende Regeln administriert werden können.

Eine Möglichkeit wäre, dass Unionsbürger in ihren jeweiligen Sozialsystemen verbleiben, egal wo sie sich in der EU aufhalten oder die verantwortlichen Staaten für ihre Bürger Ausgleichszahlungen leisten müssen. Nicht-Unionsbürger sollten hingegen in ein unionsweit gültiges Sozialsystem überführt werden.

Die Administration der zweiten Einwanderungswelle sollte sich am Bedarf der EU nach qualifizierten Arbeitskräften orientieren und durch ein europäisches Einwanderungsgesetz geregelt werden können.

Der dritten Einwanderungswelle wird man nur dadurch gerecht werden können, indem man durch eine verantwortliche europäische Außen- und Sicherheitspolitik zur politischen Stabilität in den Ursprungsländern beiträgt; dies kann auch Militäreinsätze beinhalten.

Das Recht auf Asyl muss dabei europaweit einheitlich geregelt werden – einschließlich der Einrichtung von „sicheren Aufenthaltsorten“ außerhalb Europas. Auch könnte ein zu schaffendes europäisches Einwanderungsgesetz entlastend wirken und den Druck auf die „Auffangstationen“ für Asylsuchende nehmen. 

Der vierten Einwanderungswelle wird man selbst durch ein europäisches Einwanderungsgesetz nicht mehr gerecht werden können. Die EU muss hier schnellstmöglich ihrer Verantwortung gegenüber Afrika nachkommen und zumindest die weitere Ausbeutung dieses Kontinentes durch EU-Mitgliedsstaaten stoppen, endlich auch eine europäische Entwicklungspolitik schaffen, die nicht nur als arbeitsplatzschaffende Maßnahme für ansonsten schwer vermittelbare Unionsbürger oder zur Durchsetzung eigener Wirtschaftsinteressen dient. Auch sollte darüber nachgedacht werden, dass Afrika durch europäische Entschädigungszahlungen Mittel an die Hand bekommt, um endlich eigenständig wirtschaften zu können.

Der fünften Einwanderungswelle muss man mit einer möglichst europaweit einheitlichen Sozial- und Bildungspolitik begegnen, um es den meisten Unionsbürgern zu ermöglichen, auch weiterhin die notwendigen qualifizierten Arbeitsplätze besetzen oder schaffen zu können.

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Was kommt nach der Europäischen Union?

Folgt man der Grundidee der Europäischen Föderalisten ist das eigentliche Ziel einer europäischen Integration die Weltunion. So wurde es auch 1946 im Hertensteiner Programm[1] festgelegt. Selbstverständlich war auch den Unterzeichnern dieses wegweisenden Dokumentes völlig klar, dass es sich bei dieser mutigen Forderung um eine Vision für eine ferne Zukunft handelt. Wer aber Zukunft mit gestalten möchte, der benötigt auch eine diesbezügliche Zielvorstellung, am besten sogar eine klare Vision dieser wünschenswerten Zukunft.

Auch wenn es sich dabei bekanntermaßen nicht um eine nahe sondern eher um eine ferne Zukunft handelt, und wir in unseren Überlegungen zudem davon ausgehen müssen, dass es nur eine von vielen möglichen Zukünften ist, wird diese ferne Zukunft auf jeden Fall aber eine gemeinsame Welt sein. Und diese in den Augen der Europäischen Föderalisten eine Weltunion.

Und auch für diese eine wünschenswerte Welt hatten die Autoren des Hertensteiner Programmes eine eindeutige Zielvorstellung: im Gegensatz zur kommunistischen oder den eher „wirtschaftsliberalen“ Utopien ist die Weltunion auf jeden Fall immer demokratisch und föderal; auf eine weitergehende Definition dieser Zukunft wurde dabei bewusst verzichtet.

Da sich die Welt zumindest bis dahin weiter dreht und auch das schon vor wenigen Jahren erreicht geglaubte „Ende der Geschichte“[2] eine mögliche, wenn auch inzwischen eher eine wenig realistische Zukunftsversion darstellt, muss es doch bestimmte Leitlinien und Zwischenziele für diesen Weg zu einer Weltunion geben. Aber auch hier waren die Europäischen Föderalisten wegweisend: „Durch den Beweis, dass es seine Schicksalsfragen im Geiste des Föderalismus selbst lösen kann, soll Europa einen Beitrag zum Wiederaufbau und zu einem Weltbund der Völker leisten.“[3]

Heute leben viele von uns in der Europäischen Union und noch mehr Menschen würden sich wünschen, in ihr leben zu dürfen. Aber auch die inzwischen existierende EU mit all ihren Höhe- und Tiefpunkten und der beständigen Auseinandersetzung zwischen Europäern und Nationalisten stellt nur einen weiteren Zwischenschritt im Laufe der Geschichte dar, hat aber schon jetzt mit ihrer ureigenen politischen Struktur, nämlich als Hybrid[4] zwischen Bundesstaat und Staatenbund, mögliche Weichen für unsere weitere Zukunft gestellt.

Bereits George Washington hatte mit seiner Idee über die Vereinigten Staaten von Europa eine gewisse Vorstellung darüber, wie ein zukünftiges Europa aussehen sollte. Und diese Vorstellung – ein Europa, wie die Vereinigten Staaten von Amerika zu haben – gewann schnell nach dem Ende des zweiten Weltkrieges Sympathisanten, nicht zuletzt auch deshalb, weil die USA zumindest zu dieser Zeit für die meisten Menschen das Non-Plus-Ultra eines erfolgreichen Bundesstaates darstellte. Auch die Europäischen Föderalisten konnten sich dieser Stimmung nicht entziehen und forderten deshalb ebenfalls die Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa. Und viele von ihnen glauben noch heute daran, dass die Vereinigten Staaten von Europa die folgerichtige Weiterentwicklung der Europäischen Union seien.

Unabhängig von dieser möglichen Weiterentwicklung der EU und selbst mit ihrer wahrscheinlich damit einhergehenden Erweiterung wird dies nur ein weiterer Zwischen- und vielleicht sogar ein Rückschritt auf dem Weg zu einer Weltunion sein.

Denn zu Beginn der Europäischen Union, bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaften waren die Europäischen Föderalisten konzeptionell bereits ein paar Schritte weiter. Ihre Ideen, zum Einen eine „Transatlantische Lösung“[5] und zum Anderen ein „Eurafrika“[6] wurden wahrscheinlich in der Auseinandersetzung mit den viel zu schnell wiedererstarkenden Nationalisten geopfert um ganz pragmatisch zuerst eine „Kleineuropäische“ Lösung zu erreichen. Damit einhergehend wurden aber auch viele Chancen, die diese beiden Ideen beinhalteten, vertan. Mit den daraus resultierenden Folgen – zurzeit sehr offensichtlich die unkontrollierbaren Migrationsbewegungen und die weniger sichtbaren horrenden Effizienzverluste – müssen wir wohl die nächsten Jahrzehnte leben.

Die bitterste Folge davon aber ist die Tatsache, dass inzwischen auch viele Europäische Föderalisten zu glauben scheinen, dass ein „Großeuropa“ mit der Europäischen Idee an sich vereinbar sei. Dies ist nicht der Fall, denn dies wäre nur der europäische Nationalstaat, von dem bereits viele Diktatoren über Jahrhunderte hinweg träumten und Abermillionen Menschen dafür opferten!

Nicht nur deshalb müssen wir an unserer Vision einer Weltunion festhalten und versuchen, die inzwischen bereits vielfältig vorhandenen Ansätze einer weiteren Einigung der Welt miteinander zu verbinden. Wir können dabei auf mehr Grundsteine aufbauen als vielen von uns bewusst ist: eine zunehmende „Globalisierung“ der Wirtschafts- und Finanzsysteme, eine weltumspannende Verkehrsinfrastruktur, das Internet als weltweite Kommunikationsplattform und mit den Vereinten Nationen[7] und ihren Unterorganisationen eine rudimentäre politische Struktur.

Auch gibt es inzwischen weltweit Ansätze, um vorhandene nationale Strukturen aufzubrechen und durch zwischenstaatliche Lösungen zu ersetzen. Für die Europäische Union sind schon alleine aufgrund ihrer direkten Nachbarschaft und ähnlicher ideologischer Ausrichtung folgende „Zusammenschlüsse“ denkbar: eine Transatlantische Union als folgerichtige Erweiterung der NATO und das zuletzt in den Römischen Verträgen angedachte Eurafrika. Dabei würden beide Verbindungen einer Annäherung an die jüngst geschaffene „Eurasische Union“[8] nicht widersprechen.

Die Transatlantische Union

Basierend auf dem Nordatlantikvertrag könnte man die Transatlantische Union (TU) realisieren. Dabei wären die Europäische Union, die Vereinigten Saaten von Amerika und Kanada bereits drei mögliche Mitglieder. Die weitere Ausgestaltung der TU würde sich hierbei schwerpunktmäßig an einer Neuorientierung innerhalb aller amerikanischer Staaten ausrichten. So wäre denkbar, dass sich innerhalb Amerikas sowohl eine Nordamerikanische Union[9] als auch eine Union Südamerikanischer Nationen[10] ausbilden, die dann sowohl getrennt als auch gemeinsam als Amerikanische Union Mitglied in der TU werden könnten.

Interessanter Weise gibt es auch hier zwischen Nord und Süd, wie zwischen Europa und Afrika auch, eine gewisse Unschärfe in der Trennung beider „Blöcke“.

Eurafrika

Am Beispiel der EU haben auch die afrikanischen Staaten begonnen sich in einer Afrikanischen Union (AU)[11] zusammenzufinden. Ähnlich der europäischen Einigung wird auch dieses Projekt über Jahrzehnte hinweg realisiert. Aber unabhängig dieser Entwicklung und diese wahrscheinlich sogar fördernd, könnte man die alte Idee eines Eurafrika wieder aufleben lassen. Die EU könnte hierbei ihrer Verantwortung Afrika gegenüber besser gerecht werden und selber auch von einer gleichberechtigten Zusammenarbeit beider „Blöcke“ profitieren. Ein Zusammenschluss der EU mit der AU wäre für beide Parteien auf lange Sicht von Vorteil und könnte, wie bei den amerikanischen Staaten auch, entweder alleine oder im Rahmen der TU erfolgen. Die „Unschärfe“ zwischen beiden „Blöcken“ kann dabei durch die antike oder eine neuzeitlichere Idee von Europa aufgelöst werden.

Australien und Neuseeland

Der europäischen Geschichte Rechnung tragend, darf man diese beiden Staaten nicht außer Acht lassen und muss ihnen ggf. auch den Beitritt zur TU ermöglichen.

Fazit

Es liegt an uns allen, an unserer erfolgreichen Vision einer friedlichen Welt, und diese immer durch die Ideen von Freiheit und Demokratie geeint und nicht zuletzt auch immer föderal gegliedert, festzuhalten.

Wir müssen auch akzeptieren, dass die EU nicht das Maß aller Dinge, sondern der erste Schritt in eine gemeinsame Zukunft für die Menschheit ist.

Und so, wie sich die Kontinentalplatten verschieben, wird es auch zukünftig immer wieder neue Blöcke, neue Konstellationen und neue Zusammenschlüsse unter den Staaten und Staatenbünden geben.

Allerdings dürfen wir dabei nie unser gemeinsames eigentliches Ziel – die Weltunion – aus den Augen verlieren, denn die Geschichte geht unaufhörlich weiter und dies bis ans Ende der Welt.

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[1] Hertensteiner Programm der Europäischen Föderalisten (Hertenstein, Schweiz, 1946)

[2] The End of History? (Essay von Francis Fukuyama, 1989)

[3] Artikel 12 (Hertensteiner Programm)

[4] „Europas Vielfalt – sein Reichtum, seine Bürde“ (Artikel von Christian Moos, 2015)

[5] Der Nordatlantikvertrag (4. April 1949, Präambel)

[6] Robert Schuman: „Für Europa“ (2. Auflage 2010, Seite 104)

[7] Charta der Vereinten Nationen (26. Juni 1945, Präambel)

[8] Eurasische Union nimmt Arbeit auf (tagesschau.de, 01. Januar 2015)

[9] Building a North American Community – Report of an Independent Task Force (2005)

[10] Erklärung von Cuzco (8. Dezember 2004)

[11] Sirte-Deklaration (9. September 1999)

Hertenstein im Sommer