Ursula Schaffer: Leseabende

Es ist  halb  sieben,  und  ein  prall  gefüll­ter Tag  geht  zu En­de. Eigentlich sollten wir ja langsam zur Ruhe kommen und den Tag zu einem gemütlichen Ab­schluss bringen. Das ist bei uns aber nicht mög­lich, im Gegenteil: Spä­testens gegen halb sieben verfal­len wir in eine gewisse Hektik. Es muss noch zu Abend gegessen werden, die Kinder müssen die Zähne putzen, sich waschen, Schlafanzüge anziehen und das alles recht flott. Denn je eher wir fertig werden, desto mehr Zeit haben wir zum Vorlesen. Wir sind nämlich eifrige Eltern, haben unsere Hausaufgaben ge­macht und verfolgen mit großem Interes­se jede Bildungsdis­kussion. Deshalb wissen wir auch, wie wichtig das Vor­lesen für unsere Kin­der ist. Es fördert nicht nur die Lese­ und Sprachkompetenz unserer Lieben. Nein, wir wissen auch, dass es im menschlichen Gehirn Zeitfens­ter gibt, und wenn die erstmal geschlossen sind, na dann „Gute Nacht”!

Jetzt aber mal im Ernst, das mag wohl alles stimmen, aber soll ich Ihnen verraten, warum wir unse­ren Kindern vorlesen? Ganz ein­fach, weil es uns Spaß macht! Wir genießen die gemütliche Abendstunde, wenn wir es uns kuschlig machen und eintauchen in das Reich der Bücher. Lange Jahre haben sie uns beglei­tet: die Raupe Nimmersatt, Fin­dus und Petterson, der kleine Ra­be und Wie sie alle heißen. Mit der Zeit und mit dem Älterwer­den unserer Kinder ändert sich auch unser Repertoire. Und die Geschichten, die uns die Abend­stunden so wertvoll machen, sind gefüllt mit Helden unserer Kindertage: nochmal sich so stark fühlen wie Pipi Lang­strumpf, mit Jim Knopf auf Abenteuerreise ge­hen oder sich mit dem Kleinen Gespenst ein wenig gruseln. Dieses Er­leben rechtfertigt die Hektik der Abendstunde. Ich hatte ja schon er­wähnt, dass wir eifrige Eltern sind, und so lassen wir es zu, dass das Vorlesen auch immer vom gemeinsamen Gespräch un­terbrochen wird. Auf diese Weise fördern wir die Kommunikations­fähigkeit unserer Kinder und hegen insgeheim die Hoffnung, vielleicht doch einen elo­quenten Staranwalt großzuziehen …

Aber auch wenn aus diesen Berufshoffnun­gen nichts wird, uns werden wunderbare Erinnerungen blei­ben. Da fällt mir ein, kennen Sie ei­gentlich Herrn Nett? Er heißt Nett, ist aber ein ganz miss­mutiger, grimmiger Mann, der den Kin­dern aus Bullerbü das Leben schwer macht. Von Beruf ist er Schuhmacher. Bei dieser Geschichte angekommen, spüre ich bei unseren Kindern eine gewisse Unsicherheit. Und so frage ich, ob sie denn wissen, was ein Schuhma­cher ist.

Nach längerem Schweigen fängt das Gesicht unserer Tochter an zu strahlen und ganz in dem Be­wusstsein, die richtige Antwort geben zu können, sagt sie: „Der fährt doch Rennautos.“

Vielleicht müssen wir unsere Prioritäten doch nochmal neu überdenken, nicht dass sich bei unseren Kindern irgendwelche Zeitfenster schließen, bevor wir sie mit dem nötigen Wissen versorgt haben …


Dieser Blog-Beitrag erschien erstmals am 15. und 16. November 2003 in der Kolumne „Familienbande“ der Zeitung Trierischer Volksfreund, worin wechselnde Autoren den familiären Alltag glossierten. 

Ursula Schaffer ist Lehrerin an der Realschule Plus Bleialf in Rheinland-Pfalz, wohnhaft in Bitburg und mehr noch, meine Lieblingsschwester. Sie schrieb u.a. mehrere Glossen für obige Kolumne. Diese gefielen mir so gut, dass ich sie bat, zumindest einige davon auch auf meinem Weblog zu veröffentlichen.

Ursula Schaffer: Wer in wen?

Wissen Sie noch, in wen Sie wa­ren? Also ich war in Oliver, und zwar ziemlich ernsthaft. Wir hatten genaue Pläne für unsere Zukunft, wir woll­ten nämlich heiraten. Bis eines Tages mein Liebster mir von seinen Berufs­plänen erzählte: Er woll­te Feuerwehrmann oder Rennfah­rer werden. Ich sah mich schon als trauernde Witwe, mit einem Haufen Kinder und einem noch nicht bezahlten Einfamilienhäus­chen. (Dieses Detail kam wohl im Laufe des Er­wachsenwerdens dazu.) Und so beendete ich die Beziehung. Ich weiß es noch wie heute, wir saßen auf der Treppe zu Oli­vers Wohnung, ich vergewisserte mich über die Ernsthaf­tigkeit seiner Be­rufswahl und ver­abschiedete mich mit einem Kuss, auf die Wange natürlich. Damals war Oliver sechs und ich war fünf. Seit nun unsere Jüngste auch in der Schule ist, und zwar auf derselben wie unser Sohn, werde ich oft an meine Ju­gendliebe erinnert. Denn seit bei­de Kinder in der Schule sind, er­fahre ich endlich mal, was da so alles passiert. Am Mittagstisch entbrennt ein wahrer Wettkampf darüber, wer mir von der Schule erzählen darf. Nein, ich erfahre keine Einzelheiten aus dem Unterricht, aber Ich weiß Bescheid, was auf dem Pausenhof los ist. Wenn Sie meine Kinder fragen, ist’ das Wichtigste des Schulta­ges ohnehin die Pause. Und so erfahre ich auch, wer in wen ist: Jasmin ist schon lange in Florian. Florian ist aber in Nadi­ne. Und so weiter, und so weiter. (Die Namen sind selbstverständlich alle frei erfunden!)

Ich habe damals meine Jugend­liebe aus den Augen verloren. Vor einigen Jahren habe ich aber erfahren, dass Oliver Lehrer ge­worden ist. Was aus den Liebschaf­ten auf dem Pausenhof an der Schule unserer Kinder wird, kann heute natürlich noch niemand sa­gen. Falls Ihre Kin­der an derselben Schule sind, muss ich Sie aber leider enttäuschen. Ich werde mein Wissen nicht preisgeben, alle Anrufe sind zwecklos! Aber ich freue mich schon auf die nächsten Gespräche am Mittagstisch, wenn ich wieder erfah­re, wer in wen ist — verliebt na­türlich. Aber das Wort würden die Kinder nicht in den Mund nehmen …


Dieser Blog-Beitrag erschien erstmals am 12. und 13. Juni 2004 in der Kolumne „Familienbande“ der Zeitung Trierischer Volksfreund, worin wechselnde Autoren den familiären Alltag glossierten. 

Ursula Schaffer ist Lehrerin an der Realschule Plus Bleialf in Rheinland-Pfalz, wohnhaft in Bitburg und mehr noch, meine Lieblingsschwester. Sie schrieb u.a. mehrere Glossen für obige Kolumne. Diese gefielen mir so gut, dass ich sie bat, zumindest einige davon auch auf meinem Weblog zu veröffentlichen.

#family #first love