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Die grüne Wolke

Als Lesepate stehe ich fast jede Woche vor der Frage, was ich den Schulkindern vorlesen soll oder besser noch vorlesen kann, ohne dabei deren knappe Aufmerksamkeitsspanne zu überfordern.

In den ersten Klassen sind es möglichst schön bebilderte Kinderbücher, wobei ich feststellen muss, dass es dabei vier sehr unterschiedliche Geschmäcker gibt: den der Lehrerinnen, den der Bibliothekarin, den der Kinder und nicht zuletzt der meinige. Dabei merkt man ganz besonders, wie sich die Geschmäcker und Vorurteile alleine im letzten halben Jahrhundert geändert haben, und dies ist so offensichtlich, dass ich mich schon gar nicht mehr traue, mit dem Struwwelpeter um die Ecke zu kommen.

So freue ich mich schon jetzt darauf, einmal außerhalb der Grundschule aus einem ganz anderen Kinderbuch vorlesen zu dürfen, welches zwar bereits während meiner Schulzeit „uralt“ aber dennoch für die meisten damaligen Lehrer noch viel zu „revolutionär“ war.

Es handelt sich dabei um ein Buch von Alexander Sutherland Neill aus dem Jahre 1938, welches gerade heute bei der Jugend aktueller den je sein müsste, und im Original den Titel „The Last Man Alive“ trägt. In Deutschland ist es besser als Die grüne Wolke. Den Kindern von Summerhill erzählt bekannt, und hier erst gut 30 Jahre später, nämlich 1971 erschienen.

Sowohl die Handlung des Buches als auch die Erzähltechnik sind auch heute noch für viele Leser gewöhnungsbedürftig. Weiterhin interessant dabei ist, dass Neill selber Pädagoge war und seine von ihm, nach auch heute sehr umstrittenen Prämissen und Prinzipien, gegründete Summerhill Schule noch existiert.

Ob dort das Buch dort noch immer von Lehrern vorgelesen wird, ist mir allerdings nicht bekannt.

„Hate breeds hate, and love breeds love.“

A. S. Neill, Summerhill School: A New View of Childhood
(1995: 13)
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Heilbronn

Trappensee-Kiosk

Erst vor Kurzem hat Joachim Friedl von der Heilbronner Stimme eine nette und meines Erachtens auch sehr gelungene Reminiszenz über den Trappensee-Kiosk, der nach gut 80 Jahren Ende 2019 offensichtlich nicht mehr gebraucht und abgerissen wurde, geschrieben.

In den 1960er und 1970er Jahren waren meine Großeltern, Heinrich und Luise Kümmerle, fast 15 Jahre lang die Kioskbetreiber, wobei meine Großmutter als die „gute Seele“ des Kiosks bis heute vielen Trappenseebesuchern in positiver Erinnerung geblieben ist. Aber nicht nur ihren damaligen Stammgästen, sondern besonders auch vielen Innenstadtkindern, die sich des Öfteren gruppenweise über den alten Friedhof und dann weiter über den Pfühlpark hinweg aufmachten, um sich ein 10-Pfennig Eis abzuholen – nicht nur für die Spatzen aus der Vogelwelt, sondern auch für die der menschlichen Art war immer gesorgt.

Selbst ein großer Schäferhund kam nie zu kurz, der, wie sein Herrchen auch, regelmäßig ein Bier bekam, dieses aber stets im Wassereimer serviert, welcher genau für solche Fälle bereitstand.

Vom Eis gestärkt, ging es dann für uns Kinder wieder zurück in die Innenstadt, ohne zu versäumen, so lange über den Pfühlbach zu springen, bis mindestens eines der Kinder nasse Füße hatte. Und im Falle, dass dieses Abenteuer einmal nicht ausreichend war, musste man noch den Alten Friedhof auf seiner Mauer umrunden, was bei mindestens einem Jungen für eine bleibende Erinnerung und bei seiner Mutter für mehr Ärger als sonst sorgte.

Und damals so üblich, ging es für alle Beteiligten erst dann nach Hause, wenn es so langsam dunkel wurde oder die Mütter eine Zeit fürs Abendessen vorgegeben hatten. Heute kaum vorstellbar, gelangen all diese „Unternehmungen“ ohne Uhren, ohne Telefone, ohne jeglichen Plan, sogar ohne Kenntnis der Eltern über den Verbleib ihrer Kinder, wobei das ganze Geschehen immer der Gruppendynamik der jeweiligen Kinder überlassen blieb.

Dafür sorgte das Ganze aber dafür, dass aus all diesen Kindern mündige Bürger wurden, die allesamt in der Lage sind, auf eigenen Beinen zu stehen, und vor allem dazu, noch heute selbst für Unterhaltung zu sorgen und dabei auch mit kleinen Dingen zufrieden sein zu können.

„All they have to do is eat three or four children and there will be the most appalling publicity.“

Christopher Lee als Doctor Catheter in Gremlins 2: The New Batch (1990)
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