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Wutbürger

Manche meinen, dass ein Wutbürger das reine Gegenstück zum Mutbürger sei, den man gerade in schwierigen Zeiten immer wieder finden kann und welcher sich trotz oder gerade wegen der vorherrschenden Unterdrückungssituation vor Ort zu Wort meldet und seine ureigenen Bürgerrechte einfordert.

Als sehr gute Beispiele können derzeit die Mutbürger aus China — und hier ganz besonders Hong Kong — oder der Russischen Föderation angeführt werden, die wegen ihrer Aktionen vom Staat ermordet, zumindest aber weggesperrt, vergewaltigt oder gefoltert werden.

Wutbürger hingegen findet man eher in unseren offenen Gesellschaften, wo diese ihre gefühlte oder tatsächliche Empörung lauthals an allen denkbar möglichen Orten kundtun dürfen und auch immer öfters von diesem Recht Gebrauch machen.

Der Fehler dabei ist, diese Wutbürger als Gegenstück zum Mutbürger anzusehen, denn das Gegenstück zum Mutbürger ist tatsächlich der „Egal-Bürger“, gerade jenem Bürger, dem alles egal ist, so lange er nur irgendwie seine Grundbedürfnisse gedeckt bekommt (Primärprozessler) oder möglichst ungestört seine eigenen Gewinne maximieren kann (Krisengewinnler); genau so wie Gleichgültigkeit, nicht Hass, das Gegenteil von Liebe ist.

Was macht also den Wutbürger aus?

Ein Wutbürger ist ein Bürger, dem erstens „sein Staat“ nicht egal ist und der zweitens mit der derzeitigen Situation im Land ganz und gar nicht zufrieden ist. Und dazu kommt drittens die Ohnmacht, dass er nicht mehr glaubt, auf den bisher eingeschlagenen und teilweise auch sehr ausgetretenen demokratischen Wegen eine Veränderung erreichen zu können.

Wirklich schlimm dabei ist, dass die gesamtgesellschaftlichen Probleme in unserem Land inzwischen so groß, vielfältig und umfangreich geworden sind, dass die Bürgerschaft insgesamt kaum noch daran glaubt, eine Änderung zum Positiven bewirken zu können – die weiterhin fallenden Zahlen der Wahlbeteiligung dürfen als Indiz dafür gesehen werden.

Noch schlimmer ist, dass sich die „stille Mehrheit“ der Bürgerschaft als „Egal-Bürger“ gebären und weiterhin am Irrglauben festhalten, dass es zumindest für sie selber noch reichen wird. Die sinkenden Mitgliedszahlen bei allen politischen Parteien und die gebetsmühlenhaft vorgetragenen Zusicherungen, dass die Renten sicher seien, sind zwei Indizien dafür.

Am schlimmsten aber ist, dass obwohl inzwischen Parlamente und Verwaltungen aus allen Nähten platzen und immer weitere staatliche, halbstaatliche und staatsabhängige Institutionen geschaffen werden, die ein „gesundes“ prozentuales Verhältnis zwischen Staatsapparat und Bürgerschaft immer weiter zum Schlechten kehren — was letztendlich zum einen alle Bürger entmündigt und zum anderen auch unbezahlbar ist –, bestehende und kommende gesamtgesellschaftliche Probleme weder adressiert noch nach gangbaren Lösungsmöglichkeiten gesucht wird.

Genau diese fehlende Zukunftsfähigkeit und der scheinbare Unwillen der derzeit handelnden Personen, auch nur über Lösungen nachzudenken — was übrigens Regierungspolitiker immer wieder gerne kolportieren („Lösungen für bekannte Probleme werden erst dann gesucht, wenn es dezidiert und über Wochen hinweg von der Bildzeitung gefordert wird.“), bringen interessierte Bürger zur Verzweiflung. Auch wenn ich selbst davon überzeugt bin, dass es kein Unwillen, sondern nur blanke Unfähigkeit der verantwortlichen Personen ist, ändert es nichts an den Auswirkungen.

Und selbst wenn ein Bürger versucht, Änderungen durch einen „Marsch durch die Instanzen“ — besser: „durch die Parteien“ zu bewirken, muss er schnell feststellen, dass er alleine keine Chance hat, um überhaupt nur sein Wissen und seine Expertise dort einbringen zu können, denn dies ist prinzipiell überhaupt nicht gefragt, noch für Parteien in irgend einer Form relevant; sie beschäftigen sich inzwischen alleine mit sich selbst und den von ihnen geschaffenen Regularien und Traditionen — eine Welt für sich, die jeglichen Bezug zur Realität verloren hat.

Für die zweite Alternative, einen „Marsch durch die Verwaltungen und Apparate“, kommt meist die Absicht und der Versuch zu spät, um selbst noch etwas bewirken zu können, denn die Bürokratie rekrutiert sich seit Langem selbst. Und spätestens wenn man deren beiden Credos „eine Verwaltung kann nie groß genug sein, und der Bürger ist für die Verwaltung da“ in Zweifel zieht, ist man dort eine Persona non grata.

Die dritte Alternative, nämlich eine eigene Partei oder gar Bewegung zu gründen, ist nicht nur sehr sehr langwierig und mühsam, sondern wird von allen Seiten her zumindest mit Misstrauen goutiert. Und auch hier gilt, wenn man diesen Weg beschreitet, dann bereits in sehr jungen Jahren und einer hohen eigenen Opferbereitschaft.

So bleibt meist nur die vierte Alternative, die Besetzung des öffentlichen Raums (virtuell und tatsächlich), wobei dieser in offenen Gesellschaften richtiger Weise auch für alle da ist, und deshalb eine Besetzung desselben schwieriger als vermutet ist.

Diese Besetzung des öffentlichen Raumes ist es nun, die sich viele Wutbürger zur Aufgabe gemacht haben. Und mit ausreichend Verve, Kraft und Ausdauer werden sie in einer offenen Gesellschaft damit auch wirksam werden und Änderungen herbeiführen können.

Allerdings muss jedem Wutbürger dabei klar sein, dass dieser Weg mindestens genau so schwierig und steinig ist, wie die anderen Alternativen auch. Da der öffentliche Raum in Gegensatz zu etablierten Parteien und Institutionen keine eigenen Regeln hat, müssen diese zumindest rudimentär geschaffen werden, um letztendlich eine öffentliche Meinung generieren und auch weitertragen zu können. Erschwerend kommt hinzu, dass man diesen öffentlichen Raum mit allen anderen Geschöpfen, ob Aluminiumhutträger oder Götterdämmerungsverkünder, teilt, und die auch hier unter Menschen zwingend notwendigen Gespräche, Diskussionen, Abstimmungs- und Dokumentationsprozesse deshalb wesentlich länger als sonst üblich dauern.

Letztendlich aber ist es aller Mühen wert, weil es vielleicht doch so einige der „Egal-Bürger“ wachrüttelt, aber bestimmt mittel- bis langfristig Parteien und Institutionen zum eigenen Handeln zwingt, um nicht selbst weiter in die Bedeutungslosigkeit zu fallen.

Und genau dieser Mut zum innergesellschaftlichen Konflikt ist es, welcher meines Erachtens den Wutbürger auszeichnet, und im Falle, dass die meisten der Wutbürger Freiheit und Demokratie an sich wertschätzen, dazu führen wird, dass sich unsere Gesellschaft wieder in Bewegung setzt und derzeitige als auch künftige Probleme anerkennt und gemeinsam nach gangbaren Lösungsmöglichkeiten sucht.

Wunderbar wäre es, wenn wir dies allesamt auf dem Boden unserer bestehenden freiheitlich demokratischen Grundordnung durchleben könnten, denn dies erspart uns allen die existentielle Frage, ob wir, wenn es dann darauf ankommt, auch Mutbürger wären!


Seit den 2. Hertensteiner Gesprächen 2018 versuchen wir uns auch dem „Phänomen“ Wutbürger zu nähern und dabei dessen Herkunft, Sinn und Zweck besser zu ergründen. Mit einer ersten Gesprächsrunde zum Thema „Der Mensch, seine Bedürfnisse und Ängste als Triebfeder und Grenze von Politik“ machten wie den Anfang und führten dieses Thema 2019 weiter fort. Dieses Jahr werden wir uns dem Thema unter dem Titel „Europa als Projekt – was heißt das für die Europäer von heute?“ aus einem weiteren Blickwinkel heraus betrachten.

La politique est la science de la liberté: le gouvernement de l’homme par l’homme, sous quelque nom qu‘ il se déguise, est oppression; la plus haute perfection de la société se trouve dans l’union de l’ordre et de l‘ anarchie.“

 Pierre Joseph Proudhon, Qu’est-ce que la propriété? (1840: 346)
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Hauptsache billig!

Dabei sollte es doch jeder halbwegs denkende Mensch bereits wissen, nämlich dass es überhaupt Nichts umsonst gibt, und selbst der Tod kostet jeden bekanntlich das Leben.

Und seit spätestens den 1930 Jahren ist es in aller Munde: „There ain’t no such thing as a free lunch.“ Seit dieser Zeit gibt es dafür sogar eigene Akronyme: TANSTAAFL, TINSTAAFL oder TNSTAAFL.

Deswegen muss man sich nur noch wundern, dass der eigentliche widersinnige Ruf nach „möglichst billig“ und besser noch, nach „ganz umsonst“, welcher von den meisten unserer Mitmenschen immer öfters zu hören ist, immer noch populärer wird, und sogar vereinzelt sogar bereits ein „Gratis-Dasein“ eingeklagt wird.

Es scheint von allen und jedem voll und ganz verdrängt worden zu sein, dass der Staat oder die Gesellschaft, welche das „alles umsonst“ sicherzustellen hat, nicht die anderen Leute oder gar irgendwelche unbekannten Geldscheißer sind, sondern einzig und alleine wir alles höchst selbst!

Das bedeutet jetzt nicht unbedingt, obwohl alles und jeder seinen originären Preis hat, dass man diesen dann auch von allen und jedem auch abverlangen muss, aber eins muss uns allen dennoch dabei klar sein, irgendwer muss letztendlich dafür zahlen, also auch zur Kasse treten.

Ein allen einleuchtendes Beispiel sind die Universitäten, Schulen und neuerdings auch Kindergärten, die von Kindern, Schülern und Studenten kostenfrei genutzt werden können. Die Kosten dafür tragen wir alle, auch diejenigen, die selbst keine Kinder haben.

Das Rational dahinter ist, dass eine gut ausgebildete, besser noch eine gebildete Gesellschaft für alle ein Vorteil ist, auch für die Kinderlosen, und deshalb diese Investition in Bildung und Ausbildung für die Gesellschaft insgesamt eine Notwendigkeit ist, welche sich zudem sogar noch amortisiert.

Deswegen bin ich dafür, dass Kindergärten grundsätzlich umsonst sein müssen, denn dies ist nur folgerichtig.

Aber schon dieses einleuchtende Beispiel hat einen sehr, sehr großen Haken, nämlich uns Menschen selbst.

Erstens schätzen wir Menschen nicht, was es umsonst gibt und zweitens höhlen die, für die Sicherstellung der Leistung Verantwortlichen, diese klamm heimlich immer weiter aus.

Das hat schon jetzt zu einem Teufelskreis geführt, der staatliche Schulen und Bildungseinrichtungen im wahrsten Sinne des Wortes verwahrlosen lässt und im Gegenzug privaten Anbietern die Möglichkeit zum grenzenlosen Profit ermöglicht, was letztendlich dafür sorgt, dass aus einer beabsichtigten und auch erstrebenswerten klassenlosen Gesellschaft eine waschechte Klassengesellschaft wird.

Deswegen wäre es wohl, auch wenn eine kostenfreie Bildung und Ausbildung für alle grundsätzlich wünschenswert ist, für uns alle und insbesondere für unsere Gesellschaft eindeutig besser, wenn man allen zwar eine exzellente staatliche Bildungs- und Ausbildungslandschaft garantiert, dabei aber, so wie es sich jeder leisten kann, zusätzliche Schulgebühren abverlangt, und damit private Bildungseinrichtungen wieder in ein Nischendasein führt.

Damit ich nicht missverstanden werde, selbstverständlich bin ich weiterhin für freie Bildung, so lange diese auch für jeden frei zugänglich ist. Zurzeit sieht es aber danach aus, dass aus „Bildung umsonst“ zum einen sehr billige Bildung und zum anderen Bildung für die Reichen und Bessergestellten wurde; also der zuvor benannte Teufelskreis! Wenn es andere, als die von mir aufgezeigte, Möglichkeiten gibt, um diesen Teufelskreis wieder zu durchbrechen, bin ich gerne mit dabei.

Ein weiteres nicht mehr so einleuchtendes Beispiel ist die jüngste Forderung nach einem kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Dieser wird schon heute von uns allen zum größten Teil mitfinanziert, egal ob wir diesen nutzen oder nicht. Damit wäre ein für die Nutzer angeblich kostenloser Nahverkehr – auch diese müssen ihn über Steuern und Abgaben mitfinanzieren – nur eine weitere Umverteilung der Kosten auf möglichst viele Schultern.

Auch wenn man mit einer gewollten staatlichen Lenkung von uns Bürgern, und dies „nur zu unserem Besten“, argumentieren könnte, und damit versucht die Verkehre in den Städten neu zu regeln, muss man sich den Hinweis gefallen lassen, dass die Manipulation von Verbrauchern über den Preis („Geiz ist bekanntlich geil!“) nur halbwegs eine positive Lenkungsfunktion hat, und dies weitere Veränderungen mit sich bringt, die ähnlich dem Bildungswesen zu einem Verkehrswesen führt, welches, beständig unterfinanziert, die Verkehre gar nicht mehr bewältigen kann und zumindest meiner Überzeugung nach, damit auch die Gesellschaft eher weiter spaltet – in zukünftige Straßenbahn- oder Lufttaxinutzer – als eint.

Das jüngste Beispiel von Kostenfreiheit kommt gerade aus Schottland, wo offenbar die kostenlose Abgabe von Hygieneartikeln außer Klopapier an bestimmte Bevölkerungsteile beschlossen wurde, und macht sehr deutlich, wie weit diese Entwicklung bereits in unseren Gesellschaften vorangeschritten ist.

Was kommt wohl als nächstes, etwa das Recht für Männer auf Freibier? Eins ist dabei sicher, die Möglichkeiten, um unser Gesellschaftssystem aus den Angeln zu heben, werden immer vielfältiger und die entsprechenden Einfälle immer abenteuerlicher!

Dass Entscheidungen bestimmte Dinge oder Dienstleistungen kostenlos oder auch nur als Flatrate anzubieten, nicht unbedingt die gewünschten Erfolge erzielen, kann man an den Kosten für die Telekommunikation erkennen, die, zwar gut gemeint, zum Wohle aller so weit gesenkt wurden, dass inzwischen der völlig sinnfreie Gebrauch so überhand nimmt und dabei noch zu einem Energieverbrauch führt, den wir uns eigentlich kaum noch leisten können.

Sicher ist aber weiterhin, egal welche Begehrlichkeiten man gerade kostenfrei stellen möchte, dass die Kosten dafür bestehen bleiben und wir alle diese letztendlich auch bezahlen müssen.

Mir völlig unverständlich ist das Ganze aber damit geworden, dass in allen Diskussionen um Flatrates oder gar kostenlose Waren und Dienstleistungen eine Sache inzwischen ganz gewaltig in die völlig entgegengesetzte Richtung läuft, nämlich die Diskussion um die beiden Güter Wasser und Luft, auf die jeder Mensch völlig zurecht immer Anspruch hat und dafür auch niemals extra zahlen sollte.

Wie lange werden wir uns diese Güter noch leisten können?!

„Money often costs too much, and power and pleasure are not cheap. The ancient poet said, ‚the gods sell all things at a fair price.‘“

Ralph Waldo Emerson, The Conduct of Life (1860: 94)