Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 5 (7)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Heute ist Totensonntag und die Kirchenglocken sind längst verklungen. Eigentlich wollte ich mir heute eine kleine Auszeit gönnen und Kraft für die restlichen Wochen des Jahres schöpfen. Vielleicht nur kurz einmal über das letzte Protokoll einer Sitzung schauen, einen Beitrag über eine Veranstaltung schreiben und den Tag beim Tanzen ausklingen zu lassen.

Auch weiß ich, dass Detlef Stern großes Verständnis dafür hat, dass ich unser letztes sehr nettes Gespräch und auch über dessen Ergebnis nicht schreibe, denn u. a. hatten wir über das Kürzertreten gesprochen. Dann aber sitze ich so gemütlich am Tisch, erfreue mich an den Leckereien, die meine bessere Hälfe aufgetischt hat, und schon strömen die unterschiedlichsten Wortfetzen bei mir zusammen, die mir seit Freitag zu Gehör kamen. „Blauäugigkeit“ (Thomas Zimmermann), „tendenziös“ (Thomas Randecker), „grundsätzlich“ (Rainer Hinderer), „gemeinsam“ (Herbert Burkhardt) und „Lore-Ley“ (Hans Müller).

Wie schon geschrieben, die Kirchenglocken sind schon längst verklungen und wir haben allesamt wirklich riesige, gar weltbewegende und alleine kaum lösbare Probleme auf dem Tisch liegen, darunter eine paar waschechte Kriege, eine unvergleichbare Umweltkatastrophe — wenn man die Dinosaurier einmal außen vor lässt — und daraus resultierende gesamtwirtschaftliche Herausforderungen, welche die eigenen persönlichen Probleme und Herausforderungen wie auch die aus dem nächsten Umfeld klein erscheinen lassen müssten. Aber es sind gerade diese kleinen lokalen und uns persönlich betreffenden Probleme, die uns tatsächlich bewegen. Und so lange wie wir uns weiterhin mit Schuldenbergen, Raubbau und gegenseitigen Schuldzuweisungen aushelfen können, werden die wirklichen lebensbedrohlichen Probleme einfach ausgeblendet.

Ich konnte das noch nie — einer meiner größeren Fehler — und wollte deshalb einfach nur eine kleine Auszeit von meinen (lokalen) Problemchen nehmen. Unsere drei großen und miteinander verwandten Religionen helfen dabei schon lange nicht mehr, ganz im Gegenteil, anstatt in diesen Zeiten alle an einem Strang zu ziehen und ihre wenigen tatsächlich existierenden Gläubigen für ihre gemeinsame Sache unter einen Hut zu bringen, schüren sie allesamt — hier lasse ich das Judentum in Deutschland aber außen vor, da dieses leider bei uns kaum bis keine Bedeutung mehr hat — das Feuer. Und seit diesem Freitag schürt die Heilbronner Stimme wieder heftig mit.

Ich befürchte, dass, wenn Rabbiner, Priester, Pfarrer und Imame in diesen wirklich schlimmen Zeiten nicht unisono zumindest hier bei uns auf lokaler Ebene zusammenstehen und ihre noch vorhandenen Schäfchen zusammenführen, um einen zumindest temporären Burgfrieden einzuklagen, dann benötigen wir diese allesamt nicht mehr. In Tagen, wo wirklich alles bei uns schiefzulaufen scheint, streiten wir uns jetzt dieses Wochenende wieder einmal über den Neubau einer Moschee. Und ich kann froh sein, dass unsere jüdischen Mitbürger nicht auf eine Synagoge bestehen — Heilbronn würde vermutlich brennen!

Religionen könnten die Welt tatsächlich etwas besser machen — viele ihrer offiziellen Vertreter machen das Gegenteil. Demokratie würde die Welt verbessern — viele ihrer offiziellen Vertreter machen das Gegenteil. Wir Menschen könnten ein Paradies auf Erden schaffen — viele von uns machen das Gegenteil!

Und so hämmern mir die Worte Heinrich Heines durch den Kopf „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ — Hans Müller kam darauf, bereits vor Tagen zu sprechen. Heinrich Heine schuf 1824 das Gedicht von der „Lore-Ley“, welches ein zentrales Motiv der Romantik, das Vanitas-Motiv, behandelt. Der Vanitas-Gedanke stammt aus dem Alten Testament, hatte seinen Höhepunkt sicherlich im Barock, aber dennoch auch heute seine Gültigkeit: hinter der Maske der Schönheit (auch bei uns in Heilbronn) lauert der Tod.

Friedrich Silcher vertonte das Heinrich-Heine-Gedicht bereits 1837 und machte es damit sehr schnell allgemein bekannt. Wie Hans Müller schrieb, selbst die Nationalsozialisten konnten es nicht mehr aus der Welt schaffen.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin; 
Ein Märchen aus alten Zeiten, 
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt, 
Und ruhig fließt der Rhein; 
Der Gipfel des Berges funkelt 
Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet 
Dort oben wunderbar; 
Ihr goldnes Geschmeide blitzet, 
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme 
Und singt ein Lied dabei; 
Das hat eine wundersame, 
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe 
Ergreift es mit wildem Weh; 
Er schaut nicht die Felsenriffe, 
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen 
Am Ende Schiffer und Kahn; 
Und das hat mit ihrem Singen 
Die Lore-Ley getan.

Heinrich Heine, Buch der Lieder (1827)

Lesende Frau

Gedichte 4.9 (12)

Beitragsfoto: lesende Frau | © Jill Wellington auf Pixabay

Auch wenn der eine oder andere Leser meint, dass ich besser keine Gedichte mehr auf dem Blog veröffentlichen sollte, sind es doch gerade Gedichte, die sich wie ein roter Faden durch dieses Weblog ziehen.

Eigentlich habe ich die meisten dieser Gedichte mit einem eigenen Tag versehen, was allerdings nur von sehr wenigen — meist andere Nerds — auch genutzt wird. Und so schreibe ich einfach einmal einen eigenen Beitrag, der als Übersicht über die von mir erwähnten oder auch hier veröffentlichten Gedichte dienen soll. Jene meiner Leser, die keine Gedichte mögen oder gar mit meiner Auswahl nicht einverstanden sind, können diesen Beitrag sehr gerne und einfach „überspringen“.

Alle anderen finden vielleicht doch die eine oder andere neue Anregung. Und wer sich nun fragt, wieso gerade jetzt, dem antworte ich, weil in wenigen Tagen, genauer am 23. November, Paul Celan Geburtstag hat und ich im Blog auf dessen „Todesfuge“ bereits 2021 hinwies — dieses Gedicht ist tragischer Weise heute aktueller als jemals zuvor! Paul Celan hatte wohl schon vor sehr langer Zeit erkannt, dass es völlig sinnlos ist, aus uns Europäern bessere Menschen machen zu wollen und in Folge davon am 20. April 1970 den Freitod gewählt.

Wie heißt es doch so schön bei uns? — die besten gehen immer zuerst!

Aufzählung

Dies dürften die meisten hier im Weblog aufgeführten Gedichte sein. Im Falle, dass Sie auf ein weiteres stoßen, dann lassen Sie mich dies bitte wissen.

„‚Irren ist menschlich‘, sagte die Maus und fraß die Katz.“

Heinrich Kümmerle, 1970er-Jahre

Kaffeegenuss

Zeit für ein Gedicht 4.4 (7)

Beitragsfoto: Kaffeegenuss | © Pixabay

Die heutige Lektüre von Haushaltsreden der Heilbronner Gemeinderatsfraktionen lässt mich unweigerlich an ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe denken, welches rein zufällig gerade auch Thema in einer achten Klasse ist.

Der Zauberlehrling

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.


            Walle! walle
            Manche Strecke,
            Daß, zum Zwecke,
            Wasser fließe
            Und mit reichem, vollem Schwalle
            Zu dem Bade sich ergieße.


Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!


            Walle! walle
            Manche Strecke,
            Daß, zum Zwecke,
            Wasser fließe
            Und mit reichem, vollem Schwalle
            Zu dem Bade sich ergieße.


Seht, er läuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!


            Stehe! stehe!
            Denn wir haben
            Deiner Gaben
            Vollgemessen! —
            Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
            Hab ich doch das Wort vergessen!


Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.


            Nein, nicht länger
            Kann ichs lassen;
            Will ihn fassen.
            Das ist Tücke!
            Ach! nun wird mir immer bänger!
            Welche Miene! welche Blicke!


O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!


            Willsts am Ende
            Gar nicht lassen?
            Will dich fassen,
            Will dich halten
            Und das alte Holz behende
            Mit dem scharfen Beile spalten.


Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!


            Wehe! wehe!
            Beide Teile
            Stehn in Eile
            Schon als Knechte
            Völlig fertig in die Höhe!
            Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!


Und sie laufen! Naß und nässer.
Wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! —
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd ich nun nicht los.


            „In die Ecke,
            Besen! Besen!
            Seids gewesen.
            Denn als Geister
            Ruft euch nur, zu diesem Zwecke,
            Erst hervor, der alte Meister.“

Johann Wolfgang von Goethe, 1798

Anfang Juli 1797 schrieb Goethe diese Ballade, welche noch heute zu seinen populärsten Werken gehört und den meisten wohl besser als ein Zeichentrickfilm namens „Fantasia“ der Walt Disney Studios aus dem Jahr 1940 bekannt ist.

https://youtu.be/VErKCq1IGIU?si=M6H0BDWgIF708O92
https://youtu.be/ZcesnqVF0us?si=vHEe_2wGsKTwouU7
https://youtu.be/oPDSoFgivPA?si=38t-gcymIKIUWqg7